Mutmaßliche Amokfahrt in Leipzig: Taxifahrer und Geflüchteter überwältigten wohl Fahrer
Mit einem SUV fuhr ein Mann am Montag durch eine belebte Einkaufsstraße in Leipzig. Zwei Menschen starben, die Verletzten sind stabil. Was über die Tat bekannt ist.
Rot-weißes Flatterband sperrt am Dienstagmorgen weiterhin die Grimmaische Straße in Leipzig ab. In den Zufahrten stehen Einsatzwagen. Polizist:innen erklären einer Frau mit Kinderwagen, dass sie außen herumgehen muss, wenn sie zum Markt möchte. Dort öffnen bereits die ersten Stände, trotz dessen, was am Nachmittag zuvor passiert ist.
Mit einem weißen SUV fuhr ein 33-jähriger Mann am Montagnachmittag gegen 16:45 Uhr durch die Grimmaische Straße in der Leipziger Innenstadt, am Markt vorbei. Dabei raste er mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge, fuhr mehrere Passant:innen an. Er tötete zwei und verletzte sechs weitere im Alter von 21 bis 87 Jahren, zwei davon schwer. Nach Angaben der Polizei mussten mehr als 80 Personen wegen des Vorfalls betreut werden. Laut dem Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) schwebt niemand mehr in Lebensgefahr.
Bei den Getöteten handelt es sich nach Angaben der ermittelnden Polizeidirektion Leipzig um einen 77-jährigen Mann und eine 63-jährige Frau. Die beiden Schwerverletzten sind ein 75 Jahre alter Mann und eine 84-jährige Frau. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in mehreren Fällen.
Noch vor Ort, in der Nähe der bekannten Thomaskirche, nahm die Polizei den Tatverdächtigen fest. Wie die Zeit berichtet, sollen zuvor ein Taxifahrer aus Algerien und ein Geflüchteter aus Libyen den Mann überwältigt haben, nachdem das Auto zum Stehen gekommen war. Sie hielten ihn in Schach, bis die Einsatzkräfte eintrafen. Auch das Leipziger Lokalmedium LIZ berichtet, mehrere junge Männer hätten das Fahrzeug umstellt und eine Flucht des Täters verhindert.
Der Stand: Keine politischen und religiösen Motive
Fotos zeigen das weiße Fahrzeug mit zerbeulter Motorhaube, abgerissenem Seitenspiegel und zerstörter Windschutzscheibe. Der Tatverdächtige habe bei der Festnahme keinen Widerstand geleistet, heißt es von der Polizei. Er befindet sich im Gewahrsam und soll am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden.
Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) gab bei einer kurzen Pressekonferenz am Montagabend bekannt, es handle sich um einen Einzeltäter. Die Hintergründe würden noch ermittelt. Nach dem aktuellen Stand habe der Tatverdächtige weder aus politischen noch aus religiösen Motiven gehandelt. Die Behörden gehen von einer Amokfahrt aus.
Der Tatverdächtige ist der Polizei bekannt. Wie sie in einer Mitteilung am Dienstagmittag veröffentlichte, sei der Mann in diesem Jahr wegen „Bedrohung sowie ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld in Erscheinung getreten“.
Laut René Demmler, Leipzigs Polizeipräsident, lebe der 33-jährige Tatverdächtige in Leipzig, sei in Deutschland geboren und aufgewachsen. Medienberichten zufolge handelt sich um einen Amateurboxer. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte noch am Montagnachmittag, der Tatverdächtige sei „psychisch auffällig“.
Am Dienstagmittag bestätigte das Sächsische Sozialministerium der taz, der Mann habe sich freiwillig bis Ende April in einer psychiatrischen Einrichtung befunden. Es sei ein „kurzer Aufenthalt“ gewesen. Währenddessen habe „keine Eigen- oder Fremdgefährdung“ bestanden, darum hätten auch keine Gründe bestanden, den späteren Täter am Verlassen der Klinik zu hindern.
Wie die Polizeidirektion Leipzig mitteilte, stehe der Klinikaufenthalt im Zusammenhang mit einem Polizeieinsatz am 17. April. Der 33-Jährige sei infolgedessen bis zum 29. April in einem Fachkrankenhaus behandelt worden.
Am Montagnachmittag lenkte der Tatverdächtige den SUV in der östlichen Innenstadt in die Grimmaische Straße. Die Fußgängerzone verbindet in Leipzig zwei zentrale Plätze miteinander: Den Markt mit dem Augustusplatz, an dem das Opernhaus, das Konzertgebäude Gewandhaus und die Universität Leipzig liegen. Dort, wo der Tatverdächtige in die Grimmaische Straße fuhr, gibt es keine Poller. An der Stelle, wo er zum Stehen kam, sind hingegen versenkbare Poller in den Boden eingelassen.
Die Stadtverwaltung kündigte am Dienstagnachmittag an, sie wolle das Sicherheitskonzept in der Innenstadt prüfen. Dabei gehe es um die Frage, ob es weitere Poller brauche. Laut der dpa sagte Oberbürgermeister Jung am Rande einer Gedenkveranstaltung, die Innenstadt werde aber zu keiner „Festung“.
Ähnlich äußerte sich auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Laut der Deutschen Presseagentur betonte der Sprecher des kommunalen Verbands, Alexander Handschuh, solche Taten ließen sich trotz Sicherheitskonzepten nie vollständig verhindern. Es gebe einen Zielkonflikt zwischen Schutz und der Offenheit, „die wir ja auch leben wollen in den Städten und Gemeinden“, erklärte Handschuh.
Stunden zuvor, am Dienstagmorgen, leuchteten rote Lichter zur Andacht auf dem Augustusplatz. Blumen lagen daneben, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der der Tatverdächtige sein Auto in die Fußgängerzone lenkte. Nach Redaktionsschluss ist in Leipzig noch eine gemeinsame Gedenkveranstaltung an der Nikolaikirche geplant.
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