Muslime wollen Wohlfahrtsverband gründen: „Damit schließen wir eine Lücke“
Der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg will einen muslimischen Wohlfahrtsverband gründen. Bedarf gibt es schon lange.
Der Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg, die Schura, will einen muslimischen Wohlfahrtsverband gründen. Dieser soll bestehende Initiativen wie interkulturelle Kitas, religionssensible Pflegedienste und von Muslim*innen getragene Beratungsangebote unter einem Dach vereinen. „In der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände gibt es bisher niemanden, der explizit eine muslimische Stimme vertritt“, sagt Lena Çoban von der Schura. „Damit schließen wir eine Lücke.“
Der geplante Wohlfahrtsverband will lokale Trägerstrukturen zusammenschließen, diese professionalisieren und später als Interessenvertretung Teil der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege werden. Dort organisieren sich die sechs großen Wohlfahrtsverbände: AWO, Caritas, die Diakonie, DRK, der Paritätische Wohlfahrtsverband sowie die Zentralwohlfahrtsstelle der Jüd*innen.
Dass bisher noch kein bundesweit anerkannter muslimischer Wohlfahrtsverband existiert, hat vor allem strukturelle Gründe. „Islamische Vereine fungieren aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte häufig auch als Kulturvereine“, sagt Çoban. „Der deutsche Staat kennt solche diversen Akteure nicht und fordert einen einheitlichen Ansprechpartner, den wir aufgrund der pluralistischen Landschaft zurzeit nicht liefern können.“
Man stehe da vor einer großen strukturellen Herausforderung. Am Ende geht es laut Çoban auch um eine juristische Frage: „Letztlich muss gegebenenfalls das Bundesverwaltungsgericht klären: Müssen wir für alle Muslime sprechen?“
Bedarf gibt es schon lange
Samee Ullah, Mitbegründer des bereits bestehenden islamischen Vereins An-Nusrat, der bundesweit Nachhilfezentren und Beratungsstellen betreibt, hält einen muslimischen Wohlfahrtsverband für nötig. Große Träger fragen zwar muslimische Verbände regelmäßig für Beratungen an, sagt er. „Wenn es dann aber um Fördermittel oder eigene Projekte geht, dürfen wir nicht mehr mitreden.“ Dabei seien Moscheegemeinden Orte, an denen schon lange soziale Arbeit gemacht werde.
Rauf Ceylan, Religionssoziologe
Nach Einschätzung des Religionssoziologen Rauf Ceylan besteht der Bedarf bereits seit Langem. In den Wohlfahrtsverbänden selbst habe die Frage der interkulturellen Öffnung jedoch lange kaum eine Rolle gespielt. Man sei davon ausgegangen, dass muslimische Arbeitsmigrant*innen nur vorübergehend in Deutschland lebten. „Erst in den 2000er Jahren gab es erste Versuche, interkulturelle Strukturen zu schaffen und sich als Einwandererland zu verstehen.“
Angebote in der Altenpflege, die Betreuung am Lebensende, Jugendhilfe und die Arbeit mit Geflüchteten stießen immer wieder an Grenzen, wenn religiöse und kulturelle Bezüge fehlen. „Dafür braucht es muslimische Strukturen“, so Ceylan.
Die zunehmende Islam- und Muslimfeindlichkeit in der Gesellschaft sei außerdem ein großes Problem für islamische Verbände, Initiativen und Vereine, sagt Çoban. „Viele Träger trauen sich deshalb nicht, sich explizit muslimisch zu nennen. Sie schreiben dann aus Schutz lieber: multikulturell.“
Lena Çoban von der Schura Hamburg
Die Schura sei sich dieser verschärften politischen Rahmenbedingungen bewusst: „Wir stehen vor viel Arbeit in einer Zeit, in der sich das gesellschaftliche Klima eher zu unseren Ungunsten verschiebt“, sagt Çoban. „Das zeigt sich zum Beispiel am Koalitionsvertrag, in dem der Islam nur als Sicherheitsfrage behandelt wird. Es gibt keinen einzigen Absatz über Muslime als soziale Akteure.“
Viele qualifizierte Muslim*innen verlören daher zunehmend ihr Vertrauen in deutsche Institutionen. „Wir wollen Muslime aber ermutigen, dieses Land mitzugestalten, auch wenn es ihnen nicht immer die Hand reicht oder sie mit offenen Armen empfängt“, sagt Çoban.
In Hamburg gibt es bereits zahlreiche muslimische Initiativen. Einen ambulanten Pflegedienst beispielsweise, eine Familienberatung, ein muslimisches Altenheim wird gerade gegründet. In den kommenden Monaten wolle man auf diese Projekte zugehen und so Mitglieder für einen Wohlfahrtsverband finden. „Wir wissen, dass das Thema viele kritische Fragen aufwirft“, so Çoban. Deshalb wolle man auch vermehrt Öffentlichkeitsarbeit leisten. „Wir brauchen ausformulierte deutschsprachige Positionen, um sprechfähiger und im öffentlichen Dialog anschlussfähiger zu werden.“
Ein theologisches Leitbild für den zu gründenden muslimischen Wohlfahrtsverband liegt bereits vor, erarbeitet mit Unterstützung der evangelischen Diakonie. Ein Initiativkreis wurde auch bereits ins Leben gerufen, und die nächsten Schritte sind nun: Mitglieder gewinnen, Öffentlichkeit herstellen, einen formalen Träger gründen. In einigen Monaten, davon geht Çoban aus, kann der Wohlfahrtsverband in Hamburg gegründet werden.
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