piwik no script img

„MüsstederOstennichtandersregiertwerden?“

Die Journalistin Jana Hensel hat ein neues Buch über Ostdeutschland geschrieben. Was Hartz IV mit dem Aufstieg der AfD zu tun hat und warum es Ost und West nach den Wahlen aus­ein­ander­reißen wird

„Die AfD wird die nächste große Enttäuschung der Ostdeutschen“, sagt Jana Hensel

Von Anne Fromm und Jens Uthoff (Gespräch) und Anna Tiessen (Foto)

Wir treffen Jana Hensel in einer Bar in Prenzlauer Berg. Hier gibt sie Interviews, seit sie vor 24 Jahren mit ihrem Bestseller „Zonenkinder“ bekannt wurde. Hensel wurde im sächsischen Borna geboren und war 13, als die Mauer fiel. In „Zonenkinder“ beschrieb sie, wie ihre Generation die Wende erlebt hat, in den späten 90er Jahren in die Welt zog und doch fremd blieb. Nun hat sie ein neues Sachbuch über Ostdeutschland geschrieben – und über das Ende der Demokratie dort.

taz: Frau Hensel, eigentlich wollten Sie nicht mehr über den Osten schrei­ben. Er gehe Ihnen auf die Nerven, heißt es in Ihrem neuen Buch. Jetzt haben Sie doch wieder ein Ostbuch geschrieben. Warum?

Jana Hensel: Der Osten liegt in der Peripherie dieses Landes. Wer über den Osten spricht, verkleinert sich immer auch ein Stück selbst. Auch deshalb habe ich zuletzt weniger über den Osten geschrieben. Stattdessen habe ich mich mit Bundespolitik beschäftigt und das sehr genossen. Aber es war eine Flucht. Das wurde mir klar, als ich am Abend der Bundestagswahl auf die blaue Nachwahlkarte für den Osten geschaut habe. Da wusste ich, das geht nicht mehr. Ich muss mich wieder einschalten. Wir laufen auf eine extrem angespannte politische Lage zu. Ich würde sogar sagen: Wenn das passiert, was im Moment möglich scheint, dann wird das eine nationale Tragödie.

taz: „Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da“, schreiben Sie. Was macht Sie da so sicher?Hensel: Die Wahlergebnisse der AfD, die aktuellen Umfragewerte. Dazu kommt ein gesellschaftliches Klima, das sich seit mehr als 20 Jahren verschärft. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis meines Buches: Der Abschied bereits kleiner Teile der ostdeutschen Gesellschaft von der Demokratie setzte bereits vor 20 Jahren ein. Es begann mit der Einführung von Hartz IV, die Wahlbeteiligung ging damals wahrnehmbar zurück. 2015 bricht der Unmut dann an die Oberfläche. Wir dachten erst, die Leute seien politikverdrossen. Heute würde ich sagen, wir haben die Wucht der damaligen Bewegung unterschätzt.

taz: Das klingt düster.

Hensel: Es ist die Realität. Am Anfang meines Buches schreibe ich: „Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte.“ Das ist wahr. Ich werde in diesem Jahr 50. Und ich schaue auf diesen Landstrich, aus dem ich selbst stamme, und muss sagen, diese schreckliche Entwicklung sorgt mich und macht mich unfassbar traurig. Ich wünschte mir den Osten als ein prosperierendes Land in der politischen Mitte. Aber die Realität ist eine andere, und niemand redet drüber.

taz: Niemand redet darüber? Nach jeder Wahl wird doch darüber geredet, warum der Osten so wählt, wie er wählt.

Hensel: Aber es sind die immer gleichen, reflexhaften Debatten. Das Sprechen über den Osten ist längst ein Nichtsprechen über die wahren Ursachen. Wir reden über die AfD, wie wir uns von der Partei abgrenzen wollen. Das ist richtig, in ihr wimmelt es von Rechtsextremisten. Aber sich abzugrenzen darf nicht heißen, dass man sich von ihren Wählerinnen und Wählern abgrenzt. Das müssen wir aufbrechen.

taz: Warum wählen viele Ostdeutsche denn die AfD?

Hensel: Aus viel zu vielen Gründen, leider. Dahinter steckt auch politische Erschöpfung. Die Ostdeutschen haben ihren Protest lange nach links getragen. Bis 2013 hat der Osten viel linker gewählt als der Westen, auch das ist mir durch dieses Buch klar geworden. Ohne die ostdeutschen Wähler wäre Gerhard Schröder nicht Bundeskanzler geworden, weder bei seiner ersten noch bei seiner zweiten Wahl. Die Menschen haben große Hoffnung in den Sozialdemokraten gesetzt, und dann hat er Hartz IV eingeführt.

taz: Warum war Hartz IV so entscheidend?

Hensel: Die Reform hatte vor allem im Osten gravierende Auswirkungen. Oberflächlich sah sie nach einem Erfolg aus, die Arbeitslosenzahlen sind gesunken. In Wahrheit aber ist der Niedriglohnsektor von einem seit den 1990er Jahren hohen Niveau noch einmal gewachsen. Er lag 2008 bei 37 Prozent – 17 Prozentpunkte höher als im Westen, europaweit ist das einer der höchsten Werte. Die Ostdeutschen sind im Jahr 2004 gegen Hartz IV auf die Straße gegangen. Von links! Ihre Proteste wurden aber nicht ernst genommen. Der Spiegel schrieb, die Ostdeutschen hätten sich „an die Bequemlichkeit gewöhnt“, und meinte damit, die Bürger der neuen Bundesländer seien mit Eigeninitiative und Selbstverantwortung überfordert. Das war der Duktus. In den Folgejahren fällt die SPD im Osten quasi in sich zusammen. Es ist ein derart rasanter Niedergang, wie ihn selbst die Kohl-CDU in der zweiten Hälfte der 90er Jahre nicht erlebt hat.

taz: Aus Ihrer Sicht ist die Schröder-SPD also Schuld am Rechtsruck im Osten?

Hensel: Ja, der Beginn des Abschieds der Ostdeutschen von der Demokratie fällt in Schröders Amtszeit. Da ist der Traum der Einheit für einen nennenswerten Teil ausgeträumt. Schon Helmut Kohl konnte seine Wohlstandsversprechen nicht einlösen, die CDU glaubte lange an die Wiederauflage des alten bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders. Unter Schröder setzt sich dann die Erkenntnis durch, das kommt nicht mehr.

taz: 2005 wurde Angela Merkel erste ostdeutsche Bundeskanzlerin. Warum konnte sie das Gefühl der Ostdeutschen nicht drehen?

Hensel: Angela Merkel hat viel gedreht. Sie hat große Teile der Ostdeutschen an dieses Land gebunden. Aber sie hat die durch Hartz IV einsetzende Entwicklung nicht korrigiert. Im Gegenteil, sie war dankbar, dass die Wirtschaft ansprang, die Arbeitslosenzahlen zurückgingen. Das Ostdeutsche in ihr hat sie lange zurückgehalten. Dann kam die Flüchtlingskrise 2015. Da wurde der Rechtsruck im Osten zum ersten Mal sichtbar. Entscheidend waren aber die zehn Jahre zuvor. Ohne sie kann man die heutige Situation nicht verstehen.

taz: 2015 beschreiben Sie als weitere Zäsur. Wie wurde der migrationsfeindliche Diskurs im Osten so stark?

Hensel: Der Osten hat kein Migrationsproblem. Der Ausländeranteil liegt hier flächendeckend bei rund 10 Prozent und weit unter dem westdeutschen Normal. Aber die Instrumentalisierung der Migrationsfrage hat dazu geführt, dass die AfD so stark ist. Die eigentlichen Probleme des Ostens sind: eine hohe Überalterung, jahrzehntelange Abwanderung, eine sinkende Geburtenrate, die Erfahrung politischer Wirkungslosigkeit und auch immer wieder Abwertungserfahrungen. Aus ihnen rührt höchstwahrscheinlich auch ein Konkurrenzgefühl gegenüber Migrantinnen und Migranten. Beide Gruppen kämpfen auch um den zweiten Platz in der Gesellschaft.

taz: Wenn Sie die Entfremdung der Ostdeutschen beschreiben – Sie nennen sie „politische Erschöpfung“ –, sind Sie dann nicht zu nachsichtig mit ihnen? Es ist immerhin eine Entscheidung, ob man eine rechtsextreme Partei wählt oder nicht.

Hensel: Ich bin nicht nachsichtig. Ich distanziere mich von der AfD und bedauere zutiefst die Entscheidung jedes Ostdeutschen, sie zu wählen. Aber ich mache es mir auch nicht zu leicht und erkläre die Wählerinnen und Wähler der AfD zu Menschen, die angeblich die Demokratie nicht verstanden haben. Nein, ich lasse diese Leute und die Gründe, warum sie AfD wählen, nah an mich heran. Ich halte das als Demokratin für geboten.

taz: Aber es ist doch eine Frage, welches Narrativ man daraus ableitet. Ja, viele Ostdeutsche haben erlebt, wie ihre Biografien abgewertet wurden, wie sie in vielem schlechter gestellt waren und sind als die Westdeutschen. Aber gleichzeitig steht der Osten heute ökonomisch gut da, viel besser als alle anderen postsowjetischen Staaten.

Hensel: Das stimmt so nicht.

taz: Die Wirtschaftsleistung von allen ostdeutschen Bundesländern zusammen liegt im europäischen Vergleich mindestens in der oberen Hälfte, sagen Wirtschaftswissenschaftler. In Ostdeutschland ist das BIP eher höher als in den meisten postsowjetischen Staaten.

Hensel: Es gibt mittlerweile in Mittelost- und Osteuropa boomende Regionen. Die entscheidende Erfahrung der Ostdeutschen ist eine andere: Das Wirtschaftswachstum im Osten stagniert seit vielen Jahren. Es bleibt bei rund 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftsleistung hängen. Nun kann man sagen, das ist nicht wenig. Aber es bleibt ein wahrnehmbarer Unterschied. Die Einkommen sind im Schnitt 20 Prozent niedriger als im Westen, das Vermögen liegt bei rund 40 Prozent des Westniveaus. Das ist alles bekannt und nichts Neues. Die Frage ist, wie reagiert man politisch darauf? Müsste der Osten nicht anders regiert werden?

taz: Wie meinen Sie das?

Jana Hensel

Die Frau

Jana Hensel wurde 1976 in Borna geboren und ist in Leipzig aufgewachsen. Ihre Mutter nahm sie im Herbst 1989 zu den Montagsdemonstrationen nach Leipzig mit. Sie hat Romanistik und Neuere Deutsche Literatur studiert, wurde später als Autorin, Journalistin und Herausgeberin bekannt. Jana Hensel hat mehrere Bücher über die ostdeutsche Gesellschaft veröffentlicht („Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“, „Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland“). Journalistisch schreibt sie unter anderem für „Die Zeit“.

Das Buch

In dieser Woche erschien ihr neues Buch „Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ (Aufbau Verlag, Berlin 2026, 263 S., 22 Euro).

Hensel: Unser Land wird vornehmlich aus der Perspektive des wohlhabenderen Landesteils regiert. Politik wird dabei zu einer Art Schlüssel, der kaum mehr in ein ostdeutsches Schloss passt. Ein Beispiel: Gerade hat die SPD ihr Erbschaftssteuerkonzept vorgelegt. Da wird von einem Lebensfreibetrag von 1 Million Euro gesprochen. Das mag richtig sein in Baden-Württemberg und in Bayern, wo Omas kleines Häuschen und eine Eigentumswohnung schnell 1 Million Euro wert sind. Aber an der ostdeutschen Wirklichkeit geht das völlig vorbei. Wenn das Konzept die Ostdeutschen mitdenken würde, müsste der Lebensfreibetrag viel niedriger liegen, damit der Staat insgesamt mehr Steuergelder einnimmt und der Osten davon mehr profitiert. So aber fragen sich die Leute zu Recht, was daran linke Politik sein soll. Ostdeutschland wird häufig nicht gemäß seiner ökonomischen Situation regiert, das führt zu Frust und dem Eindruck, „die da oben“ regierten an der Realität vorbei.

taz: Und deswegen geben sie ihre Stimme einer Partei, die vor allem Politik für Besserverdienende machen will?

Hensel: Das ist natürlich ein Widerspruch. Aber das Symptom, das darunter liegt, muss man sehr ernst nehmen.

taz: Was würde es bedeuten, die Ostdeutschen gemäß ihrer ökonomischen Situation zu regieren? Nehmen wir die Erbschaftssteuer: Bräuchte es zwei Regelungen – eine für den Osten und eine für den Westen?

Hensel:Das Beispiel zeigt, wie groß das Dilemma ist. Natürlich brauchen wir die Erbschaftssteueraufkommen aus dem Westen, im Osten jedoch gibt es kaum welches. Aber wenn wir anfangen, auf jedes Problem mit einer Ost- und einer Westlösung zu reagieren, wäre das ein Eingeständnis in … ja, worin eigentlich? Ich zögere, das zu sagen …

taz: … in die Spaltung des Landes?

Hensel: Das ist zu wertend. Ich würde sagen: in die Inkompatibilität der Regionen.

taz: Ost und West passen also von Grund auf nicht zusammen?

Hensel: Der Gedanke ist interessant. Wahrscheinlich müssen wir uns das fragen. Jedenfalls sind diese Räume stark verschieden geblieben. Sie zusammenzuführen wäre eine politische Mammutaufgabe, der sich kaum jemand mehr stellt.

taz: Soziologen kommen seit Jahren immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Leute in Ostdeutschland autoritärer sind als die Leute im Westen.

Hensel: Die jüngsten Studien zeigen das nicht. Die Autoritarismusstudie der Leipziger Universität kommt zu dem Ergebnis: Ost und West sind vereint im Ressentiment. Ich will ehrlich sein: Mir gehen diese Studien zu Einstellungen langsam auf die Nerven. Wir haben seit 2015 wichtige Jahre verloren, weil wir uns zu viel mit den Einstellungen der Ostdeutschen beschäftigt haben – anstatt soziale und ökonomische Fragen zu thematisieren. Ich sage das gern, vor allem in der taz: Im heute rechtsstehenden Osten geht es weiterhin um eigentlich linke Anliegen. Um Anerkennung, Aufstieg, Teilhabe, Gerechtigkeit und Repräsentanz. Diese Probleme sind im Osten weiterhin ungelöst, das hat die Leute nach rechts getrieben. Ich bin nicht naiv, ich weiß, die Leute stehen heute rechts. Aber nicht, weil sie es schon immer waren.

Im heute rechtsstehenden Osten geht es weiterhin um eigentlich linke Anliegen. Um Anerkennung, Aufstieg, Teilhabe, Gerechtigkeit und Repräsentanz

taz: Sie sehen keine rechten Kontinuitäten in Ostdeutschland?

Hensel: Linien, ja, aber keine Kontinuitäten. Dazwischen hat sich zu viel ereignet. Es gab das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und danach einen massiven Anstieg von ausländerfeindlicher Gewalt im Osten. Aber allein daraus 30, 40 Prozent AfD-Zustimmung abzuleiten, ist mir zu simpel.

taz: Was ist mit dem NSU, der in den 90er Jahren in Jena politisiert wurde? Haben die sogenannten Baseballschlägerjahre nicht den Weg geebnet für den Rechtsextremismus von heute?

Hensel: Ja und nein. Wenn man sich Jugendstudien aus den 1990er Jahren anschaut, sieht man eine hohe Übereinstimmung in den Werten von Jugendlichen in Ost und West. Die Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut war bei ostdeutschen Jugendlichen ein bisschen stärker ausgeprägt als bei westdeutschen. Aber es handelt sich um eine sehr kleine Gruppe. Was deutlich höher lag, war deren Gewaltbereitschaft. Daraus aber eine Einstellung „des“ Ostens abzuleiten ist unterkomplex. Der Begriff „Baseballschlägerjahre“ ist ein wichtiges Beschreibungstool für eine Erfahrung, die sehr viele Heranwachsende in den 90er Jahren gemacht haben. Ein Synonym für jenes Jahrzehnt ist es aber nicht. Die Nachwendegesellschaft war politisch noch sehr offen. Es gab rassistische Gewalt, aber auch viele Arbeitskämpfe wie in Bischofferode, Streiks und andere Proteste. Gegen die Einführung des Paragrafen 218, gegen die Abschaltung des Jugendradios DT64 und anderes.

taz: Sie haben für Ihr Buch auch mit Tino Chrupalla und Maximilian Krah gesprochen. Beide haben sich früher für die CDU engagiert und sind heute in der AfD. Auch sie erzählen Ihnen von den Kränkungen der Ostdeutschen. Stimmen Sie deren Analysen über den Osten zu?

Hensel: Politisch nicht. Aber es gibt natürlich Erzählungen der beiden, die mir bekannt vorkommen. Maximilian Krah ist ein Jahr jünger als ich, Tino Chrupalla ein Jahr älter. Das ist meine Generation, ebenso wie Katja Wolf und Manuela Schwesig, über die ich im Buch auch schreibe. Wir haben alle im selben Alter ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber die politischen Unterschiede zwischen Krah und Chrupalla und mir sind immens, gelinde gesagt.

taz: Sind Sie für ein AfD-Verbot?

Hensel: Natürlich, unbedingt. Weil die Gefahr für die Demokratie sehr groß ist. Im Osten begegnet mir oft das Argument: „Wenn sie es nicht schaffen, die AfD zu verbieten, kann ich sie auch wählen.“ Es wird also als Schwäche interpretiert. Natürlich weiß ich, wie kompliziert ein AfD-Verbot wäre. Ich sehe die berechtigten Gegenargumente von Juristen. Und ich weiß auch, dass ein Verbot kein Problem löst.

Foto: Anna Tiessen

taz: Dann hätten viele Ostdeutsche gar keine Partei mehr.

Hensel: Ja, dann hätten sie keine politische Formation mehr für den Moment.

taz: Was kommt eigentlich nach der Demokratie?

Hensel: Das weiß ich nicht. Aber der Entwurf des Regierungsprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt, das kürzlich veröffentlicht wurde, ist unglaublich radikal, enthält lauter autoritäre Fantasien und bedeutet einen disruptiven Bruch mit allem, was wir kannten. Ich glaube, dass der Osten mit der AfD in eine postdemokratische Zeit fallen wird, so eine Art orbaneske Gegenwelt. Aber diese dann neue Realität wird die Ostdeutschen nicht glücklich machen. Die AfD wird ihre nächste große Enttäuschung. Keine der Hoffnungen auf ein besseres Leben wird sich erfüllen. Aber das Land wird es auseinanderreißen, Ost und West reißt es auseinander.

taz: Es ist noch ein gutes halbes Jahr bis zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Lohnt es sich nicht, die Zeit zu nutzen und noch für die Demokratie zu kämpfen?

Hensel: Ich kämpfe seit 25 Jahren. (macht eine lange Pause)

taz:also jetzt nicht mehr?

Foto: Anna Tiessen

Hensel: In einem Dreivierteljahr ist das nicht zu lösen, fürchte ich. Ich kämpfe an gegen die Verdrängungsdebatten.

taz: Sie kritisieren diese Strukturen, leben aber in Berlin, weit weg von ostdeutschen Provinzen. Ist es auch die Verantwortung der abgewanderten demokratischen Ostdeutschen, dass heute so viele rechts wählen?

Hensel: Na klar! Wenn wir ostdeutschen Akademiker im Osten geblieben wären und dort Arbeitsplätze gefunden hätten, gäbe es diese Probleme heute so nicht. Dann wäre die Zivilgesellschaft größer, das gesellschaftliche Klima ein anderes. Natürlich steckt in diesem politischen Problem ein riesiges demografisches.

taz: Wer könnte die Demokratie im Osten denn noch retten?

Hensel: Nur die Demokraten. Die Demokratie hat ihre zentralen Versprechen im Osten nicht eingelöst. Also müssten die Demokraten diese Versprechen ernsthaft erneuern. Das ist ein sehr, sehr langwieriger Weg, der überhaupt nicht schnell zu gehen ist.

taz: Was bedeutet das konkret?

Hensel: Wenn ich ehrlich bin, halte ich die aktuellen Realitäten für politisch nicht zu korrigieren. So sehr ich die Arbeit der Ministerpräsidenten in Ostdeutschland schätze. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren Enormes geleistet. Sie haben sich mit ihrem Land und ihren Leuten auseinandergesetzt, haben geredet und geredet. Aber die ungerechten Vermögens- und Einkommensverhältnisse und die demografische Entwicklung, die können sie einfach nicht korrigieren. Politisch ist das nur mit linker, disruptiver Politik zu beantworten.

Im Bundestalk, dem politischen Podcast der taz, geht es um die AfD und die Landtagswahlen 2026: taz.de/bundestalk

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen