Münchner Sicherheitskonferenz: Standing Ovations der Unterwürfigen
Marco Rubio hat in München die Fans augenscheinlich auf seiner Seite. Die Abhängigkeit von den USA stimmte sein Publikum gnädig.
W er nicht genau hinhörte, konnte tatsächlich meinen, dass US-Außenminister Marco Rubio mit seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz Europa um Entschuldigung bittet: für die Attacken von Vizepräsident JD Vance im vergangenen Jahr; für die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und für den Versuch, das Hoheitsgebiet eines anderen Nato-Mitglieds notfalls sogar mit Gewalt an sich zu reißen.
Doch hinter der Liebeserklärung an Europa, in der Rubio von der langen gemeinsamen kulturellen Geschichte sprach und die Errungenschaften der westlichen Zivilisation hervorhob, versteckte sich eine düstere Botschaft: die Ablehnung aller globalen Strukturen hin zu einer Weltordnung, in der die Interessen der einzelnen Länder wieder ganz oben stehen. Und die Zustimmung zu einer Politik, die zu zwei Weltkriegen führte, die Millionen von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion benachteiligte.
Von Sklaverei, der Vertreibung und Unterdrückung indigener Gruppen ganz zu schweigen. Es ist eine Zurückweisung der europäischen und amerikanischen Politik der vergangenen 80 Jahre. Rubio machte genau dort weiter, wo Vance im vergangenen Jahr aufgehört hatte. Er kritisierte die Politik westlicher Länder, die sich dank Massenmigration, Freihandelsabkommen und einem „Klimakult“ im Niedergang befänden, und er versprach eine bessere Welt, in der koloniale Ansichten für mehr Wohlstand und Frieden sorgen würden.
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Rubio lud Europa ein, an diesem von Trump geführten Wiederaufbau der Weltordnung teilzunehmen. Die Standing Ovations, mit dem im Saal auf diese Rede reagiert wurden, werfen daher einige Fragen auf. Bundesaußenminister Johann Wadephul lobte Rubio und bezeichnete die USA als echten Partner.
Entweder haben Wadephul und andere die Rede nicht verstanden oder sie geben nach, weil gegenüber Russland und China ein Bestehen ohne die USA kaum denkbar ist. Washington sitzt schlichtweg am längeren Hebel, und mit Trump im Weißen Haus ist jede Scheu überwunden, Freund und Feind damit zu erpressen.
Das transatlantische Verhältnis hat aktuell etwas von einer toxischen Beziehung. Ein bisschen Lob muss reichen, um frühere Entgleisungen in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Gegensatz zu einer toxischen Liebesbeziehung trägt Europa allerdings selbst die Verantwortung an dieser Situation. Über Jahrzehnte hinweg hat man sich darauf verlassen, dass die USA uns stets zur Seite stehen wird. Die Abhängigkeit bleibt daher vorerst bestehen.
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