Mitbestimmung bei Amazon in den USA: Gewerkschaft fürchtet Sabotage

Amazon-Beschäftigte in den USA stimmen zum zweiten Mal über eine Arbeitervertretung ab. Dem Internet-Giganten wird vorgeworfen, das zu hintertreiben.

Mitglieder der US-Einzelhandelsgewerkschaft stehen vor dem Amazon-Lager in Alabama und werben für eine Arbeitervertretung

Kämpfen für eine Arbeitervertreteung: Amazon-Mitarbeiter:innen vor dem Logistiklager in Alabama Foto: Dustin Chambers/reuters

WASHINGTON taz | Die Mitarbeiter eines Amazon-Logistiklagers im US-Bundesstaat Alabama stimmen zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres über die Gründung einer Arbeitervertretung ab. Die erste Abstimmung wurde wegen „unzulässiger Beeinflussung“ als ungültig erklärt. Gewerkschaftsvertreter fürchten, dass Amazon auch dieses Mal nichts unversucht lassen wird, um die Einrichtung der Arbeitervertretung zu verhindern.

„Wir sehen die gleiche systematische Sabotage und Unterdrückung, die wir auch bei der ersten Wahl gesehen haben“, sagte Stuart Applebaum, Präsident der amerikanischen Einzelhandelsgewerkschaft RWDSU, der taz. Laut Gewerkschaft hat der Internetriese Hunderte von Personen engagiert, deren einzige Aufgabe es sei, innerhalb der Belegschaft Zweifel an der Formierung einer Arbeitervertretung zu schüren. Laut RWDSU zählt dazu sowohl die Einschüchterung von Mit­ar­bei­tern:­in­nen als auch die Verbreitung falscher Informationen. So soll es bei einem Beitritt angeblich zu einer Reduzierung der Belegschaft oder gar zur Schließung des Standorts kommen.

Applebaum bezeichnete das als völlig „abwegig“. Nichtsdestotrotz stimmten bei der ersten Wahl im vergangenen Jahr mehr als 70 Prozent der Ar­bei­te­r:in­nen gegen die Einführung einer Arbeitervertretung. Das war ein herber Rückschlag für die Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten, die während der Pandemie deutlich an Fahrt aufgenommen hatte. „Die Niederlage motiviert uns noch mehr“, sagte Amazon-Lagerarbeiterin Kristina Bell in einem Gespräch mit Journalisten. US-Präsident Joe Biden, Politiker und Prominente hatten sich im Vorfeld für die Arbeitervertretung in Alabama starkgemacht.

Eine Untersuchung der amerikanischen Arbeitsschutzbehörde NLRB ergab, dass Amazon während der ersten Wahl unlautere Praktiken angewandt hatte. Unter anderem kritisierte die Behörde die Platzierung einer Wahlurne. Diese wurde direkt vor dem Gebäude aufgestellt. Es konnte der Eindruck entstehen, dass Amazon bei der Auszählung der Stimmen mitwirke. Das Ergebnis: Neuwahlen.

Zwei weitere Standorte wollen Arbeitervertretung

Amazon hat sich seit der Gründung 1994 zum zweitgrößten privaten Arbeitgeber in den USA entwickelt. Trotzdem gibt es bis heute in keinem der mehr als 100 Amazon-Logistiklager eine Arbeitervertretung. „Uns war von Anfang an klar, dass dies ein harter Kampf werden wird“, sagte Applebaum.

Die Amazon-Belegschaft in Alabama hat seit Freitag die Möglichkeit, per Briefwahl über die Bildung einer Arbeitervertretung abzustimmen. Mit einem Ergebnis wird spätestens Ende März gerechnet. Mehr als 6.100 An­ge­stell­te arbeiten im Amazon-Logistikzentrum in der Kleinstadt Bessemer. Aufgrund der hohen Fluktuation waren viele bei der ersten Abstimmung nicht im Unternehmen. Ob das ein Vorteil ist oder ein Nachteil, wird sich zeigen.

„Die Arbeiterbewegung kann es sich nicht leisten, Amazon einfach so ziehen zu lassen“, sagte Applebaum Die Firma verändere eine Industrie nach der anderen. „Bei dieser Wahl geht es um mehr als nur ein einziges Warenlager“, sagte er. „Es geht vielmehr um die Zukunft des Arbeitens.“ Die Mitarbeiter von zwei weiteren Amazon-Logistiklagern haben ebenfalls die Absicht, eine Arbeitervertretung zu installieren. Beide Lager befinden sind im New Yorker Stadtteil Staten Island.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de