Gewerkschaft scheitert in den USA: Niederlage gegen Amazon

Zu wenige Beschäftigte votieren bei einer Abstimmung in Alabama für eine gewerkschaftliche Vertretung. Aus Angst vor dem Online-Riesen?

Arbeiter mit einem Gewrkschaftsbanner vor einem Amazon-Lastwagen bei der Kampagne in Bessemer

Hat nicht gezogen: Gewerkschaftskampagne vor dem Amazon-Standort in Alabama im März Foto: rtr

NEW YORK taz | Bei Amazon im US-Bundesstaat Alabama ist ein neuer Versuch, einen großen Betrieb im Süden des Landes gewerkschaftlich zu organisieren, haushoch gescheitert. Die Gewerkschaft für Einzel- und Großhandel RWDSU hat es nicht geschafft, die nötige Mehrheit der LagerarbeiterInnen zu gewinnen. Nur 3.215 der insgesamt fast 5.900 Beschäftigten im Logistikstandort in Bessemer gaben ihre Stimme ab. 1.798 stimmten gegen eine Gewerkschaft. Lediglich 738 dafür. Die RWDSU will das Ergebnis gerichtlich anfechten. Begründung: Amazon habe eine „Atmosphäre der Verwirrung, Nötigung und Angst vor Repressalien“ geschaffen.

Der Konzern habe Beschäftigte gezwungen, während ihrer Arbeitszeit an Veranstaltungen teilzunehmen, bei denen „ExpertInnen“ vor Gewerkschaften warnten. Amazon verteilte offenbar zudem Sticker mit der Aufschrift „Vote No“ und forderte Beschäftigte auf, sie zu tragen. Es bombardierte die MitarbeiterInnen zudem mit Kurznachrichten mit dem Slogan „Spar Dein Geld“ und der Behauptung, eine Gewerkschaft gefährde Arbeitsplätze, Löhne und den Werksfrieden.

Gewerkschaftsfeindliche Kampagnen sind Standard in den Südstaaten, wo auch zahlreiche deutsche Unternehmen – von Volkswagen über BMW bis Siemens – ihre US-Niederlassungen haben. Doch Amazon ging noch weiter als andere: Es klebte seine Propaganda sogar auf die Betriebstoiletten und sorgte nach Angaben der RWDSU auch dafür, dass die rote Ampelphase an der Betriebsausfahrt verkürzt wurde, damit es keine Gelegenheit gab, an den Autofenstern über die Gewerkschaft zu informieren.

Von Amazon-Beschäftigten in dem strukturschwachen ehemaligen Kohlegebiet hörten ReporterInnen Sätze wie: „Ich brauche keine Gewerkschaft. Ich kann das allein.“ Und: „Amazon bietet hier die einzigen Jobs, wo es eine Krankenversicherung vom ersten Tag an gibt.“

Stundenlohn 15 US-Dollar

Die InitiatorInnen der Abstimmung hatten mit dem extremen Zeitdruck und der konstanten Überwachung der Beschäftigten argumentiert. Auch der Stundenlohn bei Amazon, der bei 15 US-Dollar beginnt, erschien ihnen zu gering – zumal Amazon seit Beginn der Pandemie die besten Geschäfte und höchsten Gewinne seiner Geschichte macht. Doch selbst von den 2.000 ursprünglichen UnterzeichnerInnen der Petition, die zu der Abstimmung geführt hat, sprangen am Ende mehr als die Hälfte ab.

Amazon ist nach Walmart der zweitgrößte private Arbeitgeber des Landes. Manche GewerkschafterInnen versuchten dennoch, die Niederlage positiv zu drehen. So erklärte Sara Nelson, Präsidentin der Flugbegleitergewerkschaft: „Wir haben es geschafft, eine echte Diskussion über die Rolle von Gewerkschaften zu führen.“

Bis zum Ausgang der Wahl – bei der sich AnwältInnen beider Seiten über jeden einzelnen Stimmzettel gelehnt und rund 500 als „ungültig“ abgelehnt haben – waren der RWDSU die Hände gebunden. Hätte sie die Machenschaften von Amazon vorher angefochten, hätte das die komplette Abstimmung gefährdet.

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