Mit Country sich der Welt stellen: Verlassen werden, saufen, schlecht drauf sein
Das Oklahoma Lone Star Heartbreak Institute feiert Jubiläum. Beim Konzert im Berliner Monarch zeigt die Band, dass man Country-Musik gern haben muss.
W enn man niemandem mehr etwas beweisen muss. Noch nicht einmal sich selbst …
Es war jedenfalls, so viel soll gleich festgehalten werden, ein wirklich netter Abend mit dem Oklahoma Lone Star Heartbreak Institute an diesem Sonntag im Monarch, der kuscheligen Berliner Konzertkneipe am Kottbusser Tor, bei der das Schöne ja ist, dass man immer noch aus dem Fenster schauen kann, wenn auf der Bühne musikalisch mal nichts Dringliches passiert. Und gucken, was da in Spuckweite gegenüber Bewegendes auf der Hochbahn passiert.
An dem Abend aber gab es keinen Grund, sich zwischendurch auf das Treiben der U1 und U3 zu konzentrieren. Weil: Da passierte schon genug im Saal, was sehr angenehm mit der Erwartungshaltung des meist gesetzteren Publikums harmonierte, das schließlich mit einer entsprechenden Altersgelassenheit gar nicht erst in der Erwartung gekommen war, dass hier jetzt was Weltbewegendes passieren musste. Ein Konzert halt. Mit Country-Musik.
Im Monarch
wird schon auch der Nichtraucherschutz beachtet. Dass man halt vor der Bühne nicht rauchen solle, wurde durchgesagt, und man das aber hinten im Raum dürfe. Schauen, ob das funktioniert, kann man bei einem der nächsten Konzerte, wenn beispielsweise am 7. April „Die Sauna“ aus München ihren Pop „zwischen Schrammeln und Schmusen“ ausspielen.
Das Warten bis zum Auftritt der Band versüßten Golden Oldies aus der Konserve, alte Hits, darunter viele Lieder der Beatles, die überall und immer als Stimmungsaufheller gut sind. Außerdem passten die Beatles auch schön zum Namen der Band, die ihr Oklahoma Lone Star Heartbreak Institute damals doch wohl jungspundig großmäulig dem Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Fab Four nachgebaut hatten mit den paar Signalworten wie Oklahoma und Herzschmerz, die gleich Richtung Country blinkten.
Das ist nun auch schon sagenhafte 40 Jahre her, dass in Hamburg Musiker von verschiedenen Indiebands wie „Die Zimmermänner“ und „Ledernacken“ sich in dieser Band zusammengesellten, um ausgerechnet Country zu spielen. Eine Musik also, die in den frühen Achtzigerjahren in musikalisch aufgeklärten Kreisen allemal als Hort der Reaktion verschrieen war, deren Hörer als etwas minderbemittelt zu gelten hatten. Und die deutsche Country-Außenstelle, die gleichfalls in Hamburg beheimateten Truck Stop („Ich möcht’ so gern Dave Dudley hör’n“) waren in den gern zu Schlaumeiereien neigenden und sich oft in Abgrenzungsmanövern und Strategiediskursen verlierenden Indiekreisen ganz bestimmt das Synonym für uncool.
Aber jetzt ist man in dem Text hier fast schon so sehr ins erklärende Plaudern geraten wie die Band im Monarch, die mit launigen Moderationen die Pausen zwischen der Musik zerdehnte, bis aus dem Hintergrund doch mal der Schlagzeuger forderte: „Darf ich jetzt einzählen?“
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Zwei Jubiläumskonzerte
Zu den zwei Jubiläumskonzerten zum 40-Jährigen – das eine in Hamburg, das zweite im Monarch – reisten die Musiker des zwischenzeitlich aufgelösten Bandprojekts auch aus Norwegen, Italien und der Schweiz an, um sich noch einmal mit einem fingerschnippenden Zugriff durch die großen Themen der Country-Musik zu arbeiten, also verlassen werden, saufen, schlecht drauf sein. Aber, wie Frontmann Detlef Diederichsen zitatsicher wusste: „Lebbe geht weider“.
Bereitwillig tänzelte das Publikum zur Musik der Band, feuerte sie genretypisch mit launigen „Hee Haw“-Rufen an, während sich die mit allen Wassern des Indierocks und den sonstigen Musiken der Welt gewaschenen Musiker ihr Nerdtum nicht ganz verkneifen mochten. So ein musikdidaktischer Hinweis, dass im nächsten Lied mittendrin die Tonart wechselt von C-Dur auf D-Dur, musste schon sein. Hätte man sonst bestimmt überhört!
Wenn man aber in diese doch mit mancher Spur vom immer weitergegangenen „Lebbe“ gezeichneten Gesichter der Musiker auf der Bühne schaute, hatte man manchmal – ach was, oft – das Gefühl, dass die da ohne strategische Versicherungen im Moment ganz bei sich waren. In der Musik.
Und dass es um Musik geht. Also um Hingabe. Um Leidenschaft. Um das Wissen, dass genau da die Momente des Glücks winken.
Auch, weil man hier niemandem mehr was beweisen musste.
Eine Spaßkapelle? Aber ja. Unbedingt.
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