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MinneapolisTrump nennt tödliche ICE-Schüsse plötzlich „furchtbar“

Der US-Präsident hat nach dem Tod zweier Menschen in Minneapolis seine Rhetorik geändert. Er erklärte zudem, er wolle die Situation „entschärfen“.

Mit Blumen gedenken Menschen in Minneapolis des ICE-Opfers Alex Pretti Foto: Victor J. Blue/NYT/Redux/laif

Das Lügengerüst, das Vertreter der Trump-Regierung kurz nach den tödlichen Schüssen auf Alex Pretti durch Schergen der Einwanderungsbehörde aufgebaut hatten, fällt nach und nach in sich zusammen. Ein erster Untersuchungsbericht der Grenzschutzbehörde CBP widerspricht den bisherigen Aussagen aus dem Weißen Haus, die den 37-jährigen Krankenpfleger als einen „Terroristen“ und „potenziellen Attentäter“ beschrieben, der es darauf abgesehen hätte, Sicherheitsbeamte zu töten.

Auch Präsident Donald Trump hat seine bisherigen Aussagen am Dienstag relativiert. „Unterm Strich ist es einfach furchtbar. Beide (tödlichen Vorfälle) waren furchtbar“, sagte er im Interview mit Fox News und verwies dabei neben der Tötung von Alex Pretti auch auf die von Renée Good. Diese war am 7. Januar von einem Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ICE erschossen worden. Beide Vorfälle ereigneten sich in der US-Großstadt Minneapolis.

Trump erklärte, dass seine Regierung versuchen wolle, die Situation in Minneapolis zu „entschärfen“. Wie dies genau aussehen soll, ließ er allerdings offen. Laut US-Medien könnte es sich dabei um einen Teilabzug der ICE-Mitarbeiter aus der Stadt handeln.

Gleichzeitig verlangte der Präsident eine „ehrliche“ Untersuchung zu den Umständen, die am Samstagmorgen zum Tod von Pretti geführt haben. Die bisherigen Lügen der Trump-Regierung, die sowohl das Opfer verunglimpften als auch die Tatsachen verfälschten, konnten durch zahlreiche Videoaufnahmen belegt werden.

Trotzdem hat bislang niemand aus der Regierung Verantwortung für die zahlreichen Falschaussagen übernommen. Trump bleibt allerdings bei seiner Kritik, dass Pretti keine Waffe bei sich hätte tragen dürfen, als er die Einwanderungsoperation der Behörden filmte und dagegen demonstrierte. Auch Heimatschutzministerin Kristi Noem und FBI-Direktor Kash Patel, die in den vergangenen Tagen ähnliche Aussagen getroffen hatten, haben diese bislang nicht zurückgenommen.

Für Mitglieder der Republikanischen Partei, die sich die Verteidigung des zweiten Verfassungszusatzes, also des Rechts auf Waffenbesitz, groß auf die Fahne schreiben, sind solche Aussagen gleich zweifach problematisch. Nicht nur sind sie, da Pretti einen legalen Waffenschein besaß, rechtlich falsch, sondern auch politisch heikel.

Der Lobbyverband NRA, der die Interessen der amerikanischen Waffenbranche und -besitzer vertritt, verurteilte diese Aussagen als gefährlich und forderte Regierungsbeamte dazu auf, sich gegen eine „Verallgemeinerungen und die Dämonisierung gesetzestreuer Bürger“ zu wehren.

Kritik von allen Seiten

Die Kritik aus den Reihen der Waffenlobby macht klar, dass nicht nur Demokraten sich an den Aussagen der Regierung stören. „Im Moment hagelt es Kritik von allen Seiten“, sagte ein anonymer Trump-Berater im Gespräch mit Axios.

Das Weiße Haus versucht auch deshalb, Trump von den kontroversen Aussagen seiner Regierungsmitglieder abzusetzen. Der republikanische Präsident erklärte Journalisten, dass er den getöteten Pretti nicht für einen Attentäter halte. „Davon weiß ich nichts“, sagte er.

Dennoch lobte Trump Noem am Dienstag sogar für ihre hervorragende Arbeit an der US-mexikanischen Grenze, wo die Zahl der illegalen Einwanderer seit Trumps Amtsantritt dramatisch gesunken ist. Die bislang einzige Person, für die es im Zuge der zwei tödlichen Vorfälle in Minnesota eine Art von Konsequenz gab, ist Gregory Bovino. Der ehemalige Topmann der Grenzschutzbehörde CBP wurde von Trump durch Border-Zar Tom Homan ersetzt.

Trump bestätigte gegenüber Fox News, dass es bei der Entscheidung um die Optik gegangen sei. Es sei kein „Rückzieher“, sondern nur eine kleine Veränderung. „Bovino ist zwar sehr fähig, aber er ist auch ein ziemlich exzentrischer Typ. Und in manchen Fällen ist das gut. Vielleicht war es in diesem Fall nicht so gut“, sagte Trump.

Politisches Gift für Trump

Demokraten und auch mindestens ein Republikaner fordern mehr Konsequenzen Sie plädieren dafür, dass auch Noem und Miller ihren Hut nehmen. Der demokratische Abgeordnete Bernie Thompson erklärte am Montag, dass das Repräsentantenhaus unverzüglich „ein Amtsenthebungsverfahren gegen Kristi Noem“ einleiten müsse. Sowohl Trump als auch Noem hätten laut Thompson „Blut an ihren Händen“.

Der republikanische Senator Thom Tillis fügte hinzu, dass Miller in Sachen Inkompetenz nicht zu überbieten sei und dass, wenn er Präsident wäre, weder Miller noch Noem einen Job hätten. Am Montag forderten zudem die beiden größten Gewerkschaften für Bundesangestellte, dass Noem und Miller zurücktreten müssten.

Weder Noem noch Miller haben sich bisher zu den Rücktrittsforderungen geäußert. Miller musste allerdings öffentlich eingestehen, dass die CBP-Beamten bei den tödlichen Schüssen auf Pretti möglicherweise gegen die eigenen Vorschriften verstoßen hätten.

Für Trump und seine Regierung ist die Situation in Minnesota auch politisches Gift. Bei einer Veranstaltung in Iowa am Dienstag erwähnte er die beiden tödlichen Schießereien in Minneapolis deshalb erst gar nicht. Thema war die Wirtschaft, und auch dort tut sich Trump gerade schwer, die Menschen vom Erfolg seiner Politik zu überzeugen.

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10 Kommentare

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  • Alles, was Vertreter des Regimes des verrückten Königs nach der Ermordung von Herrn Pretti von sich gegeben haben, waren Lügen. Nur: Das ist der Normalzustand bei diesen .... Leuten.

    • @Kaboom:

      ...und extrem wichtiger Grund nun endlich dagegen aufzustehen....

  • Man kann nur hoffen, dass die Kritik und das Aufbegehren gegen den Faschismus in den USA weitergeht und Erfolg hat. Doch es sieht nicht gut aus. Bernie Sanders hat in einer Ansprache darauf hingewiesen wie es Anfang der 1930iger Jahre in Deutschland gewesen ist und zu was sich daraus entwickelt hat. Die überdeutlichen US-Parallelen dazu heute sprechen für sich. Vielleicht ist es schon zu spät...

    • @Perkele:

      So ein Vergleich mit Deutschland der 30er Jahre ist schnell gemacht und schnell falsch - auch wenn er von Bernie Sanders kommt. Mal kurz selbst überlegen: Wurden den USA die zweifelhafte Alleinschuld an einem Weltkrieg auferlegt um enorme Reparationszahlungen zu begründen? Nein. Ist die Kultur in den USA stark gruppenorientiert wie in Deutschland? Nein. Bedeutet Amerikanern individuelle Freiheit wenig? Nein. Hat Amerika eine Demokratie erst seit 10 Jahren? Nein. Hat Donald Trump "My struggle" geschrieben? Nein. Gibt es in den USA keine Checks- und Balances? Nein. Herrscht in den USA Massenarbeitslosigkeit? Nein. Kann man noch eine Weile so weiter machen. Bitte, wirklich, keine Vergleiche mit Nazi-Deutschland mehr.

      • @Nachtsonne:

        a) An einem Weltktieg nicht, doch an vielen "kleineren" Kriegen



        b) Die "Gruppenorientierung" ist dort weiter gefasst: Maga oder nicht Maga



        c) Individuelle Freiheit bedeuted den Amis sehr viel - nur das gesteht man längst nicht allen zu, siehe POC, Ureinwohner oder auch, ja, Sozialisten



        d) Amerika sowieso nicht und die USA haben eine Demokratie auf dem Papier, frag mal die Ureinwohner oder POC oder auch nur ärmere Menschen



        e) Geschrieben haben die das nicht, doch viele (Trump, Vance, Musk und Konsorten) haben das als Bibel im Schrank - in English, certainly.



        f) Das gibt dort längst nicht überall eine wirkliche Balance...



        g) Massenarbeitslosigkeit in unserem Sinne nicht, doch gefeuert werden Arbeitnehmer*innen meist ohne Schutz. Und wer die falschen Lebensläufe vorweist, findet kaum wieder einen Job. Es ist schlimmer als bei uns.



        Und ich bleibe bei dem Vergleich mit den Nazis. Es macht keinen Sinn darüber Erbsen zu zählen, es geht um die Richtung, ums Große und Ganze. No less - und ich bin nicht allein mit dieser Auffassung.

        • @Perkele:

          Man kann Trump viel unterstellen, z.B. dass er seine rücksichtlosen Methoden als Geschäftsmann in seinem politischen Amt als Präsident anwendet, dass er uns in eine Welt vor 1914 katapultiert mit seinem Verhalten, alles richtig. Aber es fehlt im "Großen und Ganzen" mindestens der Vernichtungwille, um bei Ihrem Argument zu bleiben. Von daher bitte keine Nazivergleiche.

        • @Perkele:

          Bei jedem Punkt müssen Sie eineäumen: "Passt nicht richtig. "

          Das soll dann Erbsen zählen sein?

          • @rero:

            Ja.

    • @Perkele:

      Nein, die Vergleiche hinken massiv. Weimar war die erste Demokratie, die mit einer Wirtschaftskrise und einer Hyperinflation sowie massiver Arbeitslosigkeit gestartet ist. Die USA sind eine Demokratie seit über 200 Jahren, die wirtschaftliche Lage mag schlecht sein, aber weit von der Lage in Deutschland der 20/30er Jahre entfernt. Zudem gibt es ein Vertrauen darauf, dass die Demokratie funktioniert bzw. lange funktioniert hat. Ich wäre daher etwas optimistischer - wenn ich auch davon ausgehe, dass Trump seine Agenda noch drei Jahre durchzieht - Midterms hin oder her.

      • @Strolch:

        Die USA sind formal !! eine Demokratie. Indigene oder POC haben die Grundsätze einer Demoktatie nie wirklich erleben können, sie wurden und werden z.T. immer noch, davon ausgegrenzt, ärmere Menschen ebenso. Alle Diskussion ändert nichts daran, dass das Trump-Regime auch noch die Reste dieser "Demokratie" zugunsten einer autokratischen, wenn nicht gar diktatorischen Führungsform verändert. Wer will das ernsthaft bestreiten?