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Met-Gala in New YorkKlassenkampf und hochgeschlitzte Langeweile

Während sich die Met Gala demonstrativ unpolitisch gab, feierten Amazon-Mitarbeiter und Gewerkschaftsaktivisten einen Anti-Ball gegen obszönen Reichtum.

Chris Smalls, ehemaliger Vorsitzender der Amazon Labor Union hatte versucht, die Met Gala mit Protestschild zu betreten Foto: Brendan McDermid/reuters

Ausgerechnet das schwarze Kleid der „Madame X“, John Singer Sargents berühmtes Porträt der aus Louisiana stammenden Pariser Gesellschaftsdame Virginie Amélie Avegno Gautreau (1883/84), diente Lauren Sánchez Bezos als Vorlage für ihr Outfit der diesjährigen Met Gala.

Wie die Halbzeitshow des Super Bowl gilt die alljährliche Benefizveranstaltung des New Yorker Metropolitan Museum als eine Art Lackmustest der amerikanischen Gesellschaft. Während sich das Motto des Vorjahres „Superfine: Tailoring Black Style“ noch als restpolitisches Statement zum DEI- und Bildungsabbau der Trump-II-Regierung lesen ließ (auch wenn das Thema sicherlich schon vor der Präsidentschaftswahl 2024 feststand), ist das diesjährige Thema „Fashion Is Art“ demonstrativ unpolitisch. Es lehnt sich an die ebenfalls am Montagabend eröffnete Ausstellung „Costume Art“ des Costume Institute an, die sich dem bekleideten Körper in der Kunst sowie ausgewählten Modeentwürfen im Dialog mit ihr widmet, untergebracht in den neuen Condé Nast Galleries des Museums.

Neben den regulären Peinlichkeiten (Alexa Chung mit Monet-Seerose an hochgeschlitzter Langeweile) und den kompletten Absurditäten des Abends (Heidi Klum als, ja was eigentlich? Karyatide? Der Geist der verstorbenen Freiheitsstatue? Beyoncé mit einem angeblich 50 Millionen Dollar wertvollen 342-Karat-Diamanten von Chopard, Schauspielerin Sarah Paulson mit Dollar-Schein-Augenbinde) lag besondere Aufmerksamkeit auf der Kleiderwahl der Bezos-Milliardärsgattin. Mit 10 Millionen US-Dollar traten die Bezos als diesjährige Hauptsponsoren der Gala auf.

Das Haus Schiaparelli steckte Sánchez Bezos in Madame X’ Kleid. Eine kunsthistorisch interessante Entscheidung, da sowohl Maler als auch Motiv sich durch das Bild Ruhm und Anerkennung in der feinen Pariser Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts erhofften. Beides sollte ihnen dort verwehrt bleiben. Das Gemälde wurde aus der Öffentlichkeit des Pariser Salons zurückgezogen: zu viel nackte Haut, zu unverhüllt ehrgeizig, zu obszön und kontrovers die Frau. Nachfolgend konzentrierte sich Sargent lieber auf Porträtkundschaft in Großbritannien und den USA.

Angesichts des obszönen Reichtums der Gala und dem Zustand der Welt kam es in der Stadt zu begleitenden Protesten. Unter dem Motto „Labour Is Art“ versammelten sich Gewerkschaftsmitglieder und Amazon-Mitarbeiter zum „Ball without Billionaires“ im Meatpacking District in feinster New Yorker Ballroom-Tradition und zelebrierten Luxus-Drag, während die Schickeria sich in Hochkultur versuchte.

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1 Kommentar

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  • Ich habe mir die 61 Roben in der GALA angeschaut und dachte hinterher: Merkwürdig, in der übrigen Tierwelt müssen sich die Männchen "aufputzen", um bei den Weibchen Eindruck zu schinden. Bei der Gattung "Mensch" ist es gerade umgekehrt. Der nächste Gedanke war dann: Hoppla, sind es nicht eigentlich die Männer, die die Frauen "anschirren" und vor ihre Karren spannen?