Memoiren von Gisèle Pelicot: „Liebe ist meine mächtigste Rüstung“
Mehr als ein Jahr nach Ende des Prozesses veröffentlicht Gisèle Pelicot ihre Memoiren. Obwohl ihr Unvorstellbares geschah, ist sie voller Hoffnung.
Wenn das Leben in Ungewissheit versinkt, bleiben bloß Fragmente zurück. Tausende Erinnerungen, die nicht so recht zusammenpassen wollen und doch zusammengehören. Wie kann ein Mann seine Frau die Liebe seines Lebens nennen und ihr gleichzeitig ohne ihr Wissen gefährliche Mengen Betäubungsmittel verabreichen? Wie kann man einen sorglosen Geburtstag gemeinsam verbringen und später erfahren, dass dieser Mann die Frau noch am selben Abend vergewaltigt hat? Wie kann ein skrupelloser Vergewaltiger ein liebevoller Familienvater sein?
In ihren Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ will Gisèle Pelicot Antworten auf diese Fragen näherkommen. Die heute 73-Jährige, die sich während des Prozesses kaum öffentlich äußerte, schildert darin erstmals ihre Perspektive auf das, was im Herbst 2024 die ganze Welt beschäftigt.
Damals begannen die Verhandlungen gegen ihren Ehemann Dominique Pelicot, der sie im südfranzösischen Mazan über neun Jahre betäubt, vergewaltigt und Dutzenden anderen Männern der Vergewaltigung ausgeliefert hatte. 50 dieser Männer konnten identifiziert werden und standen ebenfalls vor Gericht. Sie alle wurden schuldig gesprochen, Dominique Pelicot erhielt mit 20 Jahren die Höchststrafe.
Gisèle Pelicot: „Eine Hymne an das Leben“. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper, München 2026. 256 Seiten, 25 Euro. E-Book 24,99 Euro
Das Geschehene greifbar zu machen ist nicht leicht, doch Gisèle Pelicot gelingt es, all jenes Unsagbare in oft poetischer Sprache zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder spricht sie davon, ein Puzzle zusammenzusetzen, das kein sinnvolles Gesamtbild ergibt. Sie rekonstruiert ihr Leben Stück für Stück und macht das Erinnern selbst zu einem Akt der Selbstermächtigung. Auch ihre Träume geben Einblicke. Als Mädchen lebt sie in Deutschland. Die Panzer, die nach dem Krieg in den Straßen Reutlingens stehen, soll sie später im Schlaf sehen. Als sie älter wird, hat sie andere Albträume: von Männern, die in ihr Zimmer eindringen.
Ein Drang zu verstehen
Beim Rückblicken und beim Beobachten ist sie auf der Suche nach Hinweisen darauf, wie das Unvorstellbare passieren konnte, wo jene Samen gesät wurden, die später dazu führen würden, dass der ihr wohl nächste Mensch sie verraten würde.
Dabei sind die Pelicots scheinenbar eine durchschnittliche französische Familie: Gisèle ist Angestellte, ihr Mann wechselt oft den Job, ist aber immer wieder arbeitslos. Doch sie wollen ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen und verschulden sich. Als die erwachsen sind, ziehen Gisèle und Dominique nach Mazan, um sich dort zur Ruhe zu setzen.
Einer der bemerkenswertesten Aspekte des Textes ist Pelicots Drang, durch das Schreiben zu verstehen. Zu verstehen, wie ihr Ex-Mann tun konnte, was er tat. Seine Familie sei durch Tyrannei zusammengehalten worden, schreibt sie. Damit meint sie Dominiques Vater Denis, einen kalten, cholerischen Mann, der Dominiques Bruder Joël bevorzugte.
Ein Vater, der nach dem Tod seiner Frau mit seinem geistig zurückgebliebenen Pflegekind, Nicole, zusammenkam und dies kommentierte mit: „Was Junges im Bett tut einfach gut.“ Ein Vater, dem Dominique nicht anvertrauen konnte, dass ein Pfleger ihn sexuell missbraucht hatte, als er als Kind im Krankenhaus war. Es zeigt den Kreislauf von Trauma und patriarchaler Gewalt, dessen Opfer sowohl Frauen als auch Männer sind.
Optimismus oder Selbstschutz?
Gisèle Pelicots Blick auf ihren Ex-Mann ist dabei aber nicht von Mitleid geprägt. Viel eher fragt sie sich, warum er keines mit ihr hatte. Und gleichzeitig weigert sie sich, jede einzelne Erinnerung, auch schöne, die ihr mit Dominique bleiben, zu verbannen an einen Ort, wo er lediglich ein Vergewaltiger ist, ein Perverser, „das Monster von Mazan“.
Ihre Zuversicht zu teilen kann einem beim Lesen schwerfallen, so grausam ist sein Handeln, so selbstsicher und reuelos zeigen sich die anderen Täter im Gerichtssaal. Ist es also eine beeindruckende Hoffnung, fragt man sich dann, ein Wille zum Optimismus, den sie aufbringt? Oder doch ein notwendiger Selbstschutz? Nein, muss die Antwort darauf lauten. Wenn Gisèle Pelicot nicht im Pessimismus versinkt, sind wir ihr womöglich schuldig, dies auch nicht zu tun. Diese Ambivalenz ist nicht leicht zu ertragen. Auch ihre Kinder verstehen sie nicht immer.
Selbst aus dem Gefängnis treibt Dominique Pelicot weitere Risse in die Familie. Zwischenzeitlich brach etwa der Kontakt zwischen Gisèle und Caroline Darian, ihrer Tochter, ab. Als auf dem Computer von Dominique auch Bilder der Tochter auftauchen, auf denen sie in Unterwäsche schläft, ist Darian überzeugt, dass er auch sie vergewaltigt hat.
Dass Gisèle das nicht sofort glauben will, versteht Darian als Verrat, schreibt sie in ihren 2025 erschienenen Memoiren „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ – ein Buch, das weit mehr Wut in sich trägt als der dagegen versöhnlich wirkende Text ihrer Mutter. Gisèle schreibt, sie brauche mehr Beweise, um zu glauben, was der Vater der Tochter angetan haben soll, ein Geständnis, mehr Klarheit, die die Ermittler nicht geben können. Die Spannung zwischen Mutter und Tochter surrt als Hintergrundgeräusch durch die gesamten 256 Seiten.
Eine neue Liebe
Auch Erinnerungen Gisèles eigener Mutter kommen immer wieder. Sie verstarb an einem Hirntumor, als Gisèle noch ein Kind war, und wurde vom Vater durch eine schroffe, geradezu stereotype Stiefmutter ersetzt. Als Gisèles Erinnerungslücken einsetzen, die ihr Mann durch die Betäubungsmittel verursacht, hat sie Todesangst und befürchtet einen Tumor: „Ich war davon überzeugt, dass ich so sterben würde wie meine Mutter. Das war mein Schicksal.“
Gisèle Pelicots Geschichte ist düster. Dennoch gelingt es ihr, mit Zuversicht auf die Welt zu blicken. Gegen einen Generalverdacht gegen Männer wehrt sie sich. Als ihr der Sohn einer Freundin sagt, dass er sich schäme, ein Mann zu sein, sagt sie ihm, dass er das nicht müsse. Auch die Pläne ihrer ersten Anwältin, in dem Prozess einen Kampf zwischen Frauen und Männern zu führen, lehnt sie ab – und entscheidet sich für zwei männliche Anwälte.
„Eine Hymne an das Leben“ zeichnet den emanzipatorischen Weg einer Frau nach: Wenn auch unter unvorstellbaren Umständen, gelingt ihr die Befreiung von ihrem Ex-Mann und ihrem alten Leben, mit einem neuen Selbstverständnis als Feministin, in eine neue Welt – sogar mit einer neuen Liebe: „Ich wollte wieder jemanden lieben. Ich hatte keine Angst“, sagt sie über ihre neue Beziehung. Und eine Emanzipation von der Scham, die dank Gisèle Pelicot nun für viele Opfer sexualisierter Gewalt nicht mehr bei sich, sondern auf der Täterseite liegt.
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