piwik no script img

Meistverkauftes Pestizid von BayerZahl der Glyphosatklagen verdoppelt

Wegen des Unkrautvernichters Glyphosat droht Bayer eine Prozesslawine. Die Kläger machen das Pestizid für ihre Krebserkrankung verantwortlich.

Aus Frankfurt, Berlin Rtr und Taz

Jost Maurin

| Bayer wird von einer immer größeren Prozesslawine wegen des Unkrautvernichters Glyphosat überrollt. In den USA schnellte die Zahl der Kläger wegen der mutmaßlich krebserregenden Wirkung des Herbizids sprunghaft in die Höhe. Bis Mitte Oktober wurden dem Konzern Klagen von etwa 42.700 Klägern zugestellt, teilte Bayer am Mittwoch mit. Das sind mehr als doppelt so viel wie die 18.400 von Mitte Juli.

„Der deutliche Anstieg ist offensichtlich darauf zurückzuführen, dass die Klägerseite ihre geschätzten Ausgaben für Fernsehwerbung im 3. Quartal etwa verdoppelt hat – im Vergleich zur gesamten ersten Hälfte dieses Jahres“, ergänzte Bayer. Das Unternehmen wolle sich weiter „entschieden zur Wehr setzen“, die nächsten Verhandlungen stehen allerdings erst im Januar an. Der Leiter des Agrargeschäfts, Vorstandsmitglied Liam Condon, hatte sich vor kurzem zuversichtlich gezeigt, den Streit um den Unkrautvernichter „früher oder später“ beizulegen.

Die letzten drei angesetzten Glyphosat-Prozesse in den USA waren zuletzt allesamt verschoben worden. Der Mediator Ken Feinberg versucht eine außergerichtliche Einigung zwischen Bayer und US-Klägern zu erreichen. In den Mediationsprozess will sich Bayer „konstruktiv“ einbringen, wie das Unternehmen bekräftigte. Bislang hat der Konzern in den USA drei Prozesse in erster Instanz verloren und wurde von den Geschworenen zu hohen Schadenersatzzahlungen verurteilt.

Glyphosat ist der weltweit meistverkaufte Pestizidwirkstoff und ein Symbol für die chemiegetriebene Landwirtschaft. In Europa wird diskutiert, den Unkrautvernichter zu verbieten. Das Gift tötet so gut wie alle nicht gentechnisch veränderten Pflanzen und damit auch Nahrung für Vögel und Insekten. Deshalb gilt es Umweltschützern als Gefahr für die Artenvielfalt.

Bayer macht im dritten Quartal mehr Gewinn

In der Forschung ist die Frage, ob die in Roundup enthaltene Chemikalie Glyphosat eine krebsauslösende Wirkung hat, umstritten. Die US-Umweltbehörde EPA und auch die Aufsichtsbehörden in der EU und Deutschland gelangten zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Krebsgefahr ausgeht. Dagegen konstatierte die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) 2015, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ sei.

Die Klagewelle hat sich Bayer mit der milliardenschweren Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto ins Haus geholt, der Glyphosat entwickelt hat. Mit dem Zukauf wurde das Agrargeschäft deutlich ausgebaut und Bayer zum weltweit größten Anbieter von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) in diesem Geschäftsbereich kletterte im dritten Quartal um fast ein Viertel auf 527 Millionen Euro, was höheren Preisen im wichtigen lateinamerikanischen Markt, Einsparungen und einem positiven Währungseffekt zu verdanken war. Während Bayer in der Pharmasparte einen Ergebnisrückgang hinnehmen musste, setzte sich die Erholung im lange Zeit mauen Geschäft mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten fort.

Insgesamt kam Bayer in dritten Quartal auf ein bereinigtes Ergebnis von 2,29 Milliarden Euro, ein Plus von 7,5 Prozent. Der Konzerngewinn sank um fast 64 Prozent auf 1,036 Milliarden Euro, im Vorjahr verbuchte das Unternehmen allerdings hohe Sondererträge. Der Umsatz legte um rund 6 Prozent auf 9,83 Milliarden zu, währungsbereinigt lag der Zuwachs bei gut 5 Prozent. Für 2019 rechnet Bayer unverändert mit einem währungsbereinigten Umsatzplus von etwa 4 Prozent auf rund 43,5 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis soll sich auf etwa 11,5 Milliarden Euro belaufen. Darin hat Bayer nun den Verkauf seines Tiergesundheitsgeschäfts und seiner Anteile am Chemieparkbetreiber Currenta berücksichtigt.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare