Mehr Gesundheit gleich besseres Klima: CO2-Auswurf, bis der Arzt kommt

Wird Ihnen auch schon mal schlecht, wenn Sie an die Klimakrise denken? Ob es hilft, wenn Sie dann Dr. Lauterbach hören?

Portrait von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen auf der Hamburger Klimawoche 2021 Foto: Chris Emil Janssen/imago

Für viele ist das Wartezimmer ihres Hausarztes – vor allem in der Pandemie – eine Krisenzone. Nicht für mich: Nur hier kann ich ohne schlechtes Gewissen die Bunte studieren oder einfach nur an die weiße Wand starren und die Gedanken wandern lassen. Gedanken wie: Warum fährt mein Blutdruck seit ein paar Wochen Achterbahn? Oder: Warum hatten wir die Warnung der Weltgesundheitsorganisation („The WHO“) nicht im Blatt, wo 45 Millionen ÄrztInnen und PflegerInnen aus Gesundheitsgründen ernsthaften Klimaschutz fordern?

Es nützt etwas, stumpf an die Wand zu starren: Mir fällt ein, dass mein Blutdruck genau seit dem Tag der Bundestagswahl Kapriolen macht. Offenbar ärgert sich mein Körper über die verpasste Chance, nach einem Wahlsieg von Annalena Baerbock das Klima-Kalifat auszurufen.

Oder er kann es nicht erwarten, wie uns Klimakanzler Scholz ins Gelobte Land der ökologischen Morgenröte führen wird. Meine Hausärztin wird diese Erklärung kurz darauf nicht gelten lassen. Vielleicht sollte ich eine zweite Meinung einholen.

Meine Taub-Blindheit für die WHO-Forderung hat sicher mit kognitiver Überlastung zu tun. Denn diese Forderung nach weniger CO2-Auswurf ist ein schmerzhafter Einlauf für die Politik: Klimawandel als die „größte Gesundheitsgefahr für die Menschheit“ und „die Verbrennung von fossilen Brennstoffen bringt uns um“. Man müsste sich nur an die WHO-Standards für gesunde Atemluft und für eine Ernährung mit viel weniger Fleisch und mehr Pflanzen halten, und – tat gar nicht weh! –, schon wären Klima-, Gesundheits- und Artenschutzkrise gelöst.

„Mutter Erde“ als Rotkäppchen

In Deutschland verschreibt dieses Rezept der omnipräsente Dr. med. Eckart von Hirschhausen, wenn er gerade mal nicht Spielshows im Fernsehen moderiert. Und der einzige Mensch, der ihn an TV-Präsenz in deutschen Wohnzimmern noch übertrifft, Dr. med. Karl Lauterbach, warnt jetzt auch immer abwechselnd vor Corona und Klimawandel.

Also: Zu Risiken und Nebenwirkungen der Klimapolitik fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker. Eigentlich hören wir ja gern auf die Halbgötter in Weiß. Nur nicht, wenn es darum geht, zu rauchen, Fleisch zu essen, sich von Zucker, Fett und Salz zu ernähren und tagelang regungslos auf der Couch Netflix zu glotzen. Aber was machen eigentlich ÄrztInnen nach Feierabend so? Erstmal eine rauchen?

Schweren Schüttelfrost bekomme ich allerdings, wenn Umweltpolitik mit medizinischen Metaphern begründet wird. „Der Erde geht es schlecht – sie hat Mensch“, brrrr! Auch „Mutter Erde hat Fieber“ klingt mehr nach Rotkäppchen als einem realistischen Weg aus der Klimakrise. Eines allerdings stimmt: 2 Grad Celsius Erhitzung über Normaltemperatur – und Mutter Erde macht genauso schlapp wie wir. Medizinisch gesprochen: Burnout.

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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