Megaauftrag aus Kanada: Wenigstens eine Branche, die boomt
Die deutsche Marineindustrie profitiert von der globalen Bedrohungslage. Das könnte zumindest den siechen Küstenstädten im Land helfen
So viel hätten die Maschinenbauer oder Unternehmen aus der deutschen Auto- oder Chemieindustrie auch gerne zu tun: Der Marineschiffbauer TKMS verfügte bereits über einen Auftragsbestand von 20,6 Milliarden Euro – und damit genug Arbeit bis in die 2040er Jahre. Dieses Volumen soll mit den 12 U-Booten, die die Thyssenkrupp-Tochter für Kanada bauen soll, nun noch mal um gut 50 Prozent wachsen. Der Konzern mit aktuell 9.100 Mitarbeiter*innen sucht längst verzweifelt Fachkräfte – und sprach am Dienstag von der größten Bestellung seiner Unternehmensgeschichte. Der Lobbyverband VSM bejubelte gar den „größten U-Boot-Auftrag der Nato-Geschichte“. TKMS hatte sich gegen einen Wettbewerber aus Südkorea durchgesetzt.
Nach mauen Jahren geht es der deutschen Marine- und Schiffbauindustrie samt Zulieferern mit ihren landesweit 3.000 Unternehmen wegen der neuen globalen Bedrohungslage wieder glänzend. Die Welt rüstet auf – und deutsche Werften verkaufen Patrouillenschiffe, Fregatten, Korvetten nach Ägypten oder Bulgarien. Der Kanadaauftrag ergänzt die Bestellung von zwölf baugleichen U-Booten des Typs 212CD für Norwegen und die deutsche Marine. Die Branche boomt. Der Umsatz der maritimen Industrie insgesamt stieg allein im vergangenen Jahr um 15 Prozent, Fachleute erwarten eine Verdoppelung bis 2030.
Vor zwei Wochen hatte TKMS bereits einen weiteren Großauftrag an Land gezogen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) stoppte das milliardenschwere Fregattenprojekt F126 wegen explodierender Kosten. Stattdessen bestellte er bei TKMS vier kleinere Schiffe des Typs Meko A-200. Das Auftragsvolumen beträgt 6,6 Milliarden Euro. Zudem besteht eine Option auf vier weitere baugleiche Fregatten zum Preis von 5,3 Milliarden Euro.
Für den Konkurrenten Rheinmetall war das ein schwerer Schlag. Deutschlands größter Rüstungskonzern hatte im März des Jahres Werften in Bremen, Hamburg, Wolgast und Wilhelmshaven gekauft, um dort auch Kriegsgerät zu bauen – und stand kurz vor der Unterzeichnung eines Vertrags zur Übernahme des F126-Projekts.
Duell von TKMS und Rheinmetall
Inzwischen duellieren sich TKMS und Rheinmetall um die Übernahme der Werft German Naval Yards Kiel (GNYK). Rheinmetall ist deutlich größer als TKMS. Der Konzern kam im vergangenen Geschäftsjahr 2024/25 auf einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, Rheinmetall fuhr 2025 mit rund 34.000 Beschäftigten knapp 10 Milliarden Euro Umsatz ein.
Die Produktion der U-Boote für Kanada werde komplett in Deutschland stattfinden, kündigte TKMS-Chef Oliver Burkhard an, und zwar im Stammsitz Kiel als auch in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Dort will das Unternehmen bis zu 1.500 Jobs schaffen. Auch in Kanada werden zwei „Hubs“ errichtet, also kleine Häfen für die Wartung.
Die Expansion des maritimen Rüstungssektors bedeutet auch Standortpolitik für die wirtschaftlich häufig siechen Küstenstädte. So benötigt die Bundeswehr nicht nur neues Kriegsgerät, sondern prüft auch gerade, ob an der Nordseeküste ein weiterer Militärhafen eingerichtet wird. Im Gespräch sind die Häfen in Bremerhaven, das seit Jahrzehnten unter extremer Arbeitslosigkeit leidet, und Emden, das um sein VW-Werk bangt.
SPD-Chef Lars Klingbeil sagte bei seinem Besuch vor wenigen Wochen bei TKMS in Wismar, er wolle „den Standort stärken, und dafür sorgen, dass Made in Germany stark bleibt“. Ab 2027 sollen hier die U-Boote für Kanada gebaut werden, die ersten 2032 vom Stapel laufen. Im September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neues Landesparlament gewählt.
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