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Medizin in Zeiten des Klimawandels„Das Risiko für neue Pandemien nimmt deutlich zu“

Die Folgen der Klimakrise auf die Gesundheit sind vielfältig. Auch das Gesundheitswesen muss darauf reagieren, sagt Mediziner Guido Schmiemann.

Ökologischer Fußabdruck: Für rund fünf Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen ist das Gesundheitswesen verantwortlich Foto: Felix Kästle/dpa

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Schmiemann, in welchem Maße beeinträchtigt der Klimawandel heute schon die menschliche Gesundheit?

Guido Schmiemann: Das kann man nicht quantifizieren. Aber in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet wurde schon 2009 festgestellt, dass der menschengemachte Klimawandel die größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit ist. Doch Aussagen im Sinne von „mehr als …“ sind schon darum unmöglich, weil es riesige Unterschiede gibt: Wohne ich in Norddeutschland oder im globalen Süden in einem Bereich, wo in wenigen Jahren die Temperaturen so hoch sein werden, dass die menschliche Existenz dort nicht mehr möglich sein wird?

taz: Ist es dabei nicht auch ein Problem, dass der Einfluss des Klimawandels viele verschiedenen Ausprägungen hat?

Schmiemann: Genau! Man kann das in direkte und indirekte Folgen unterteilen.

taz: Wie sieht demnach eine direkte Bedrohung aus?

Bild: Privat
Im Interview: Guido Schmiemann

ist Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Verden. Außerdem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Versorgungsforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen

Schmiemann: Es wird immer wärmer und diese Hitze hat viele Auswirkungen. Wir wissen, dass es uns nicht gut geht, wenn es zu heiß ist. Die UV-Belastung durch die Sonneneinstrahlung ist höher und aggressives Verhalten untereinander nimmt nach dem Überschreiten einer Wohlfühlgrenze zu.

taz: Und wie sehen die indirekten Folgen aus?

Schmiemann: Da spielt zum Beispiel der Verlust an Biodiversität eine große Rolle. Und das Risiko für neue Infektionskrankheiten und Pandemien nimmt deutlich zu.

taz: Gibt es denn schon Daten, die die Beeinflussung der allgemeinen Gesundheit durch den Klimawandel belegen?

Schmiemann: Es gibt zum Beispiel eine Zunahme von Allergien, die durch eine stärkere und längere Pollenbelastung bedingt ist. Und durch extreme Wetterereignisse nehmen Ängste sowie psychische Erkrankungen zu.

taz: Der Vortrag, den Sie am Montag in Delmenhorst halten, hat den Titel „Klimawandel und Gesundheit: Chancen und Risiken“. Gibt es denn noch Chancen?

Vortrag

„Klimawandel und Gesundheit: Chancen und Risiken“: Montag, 9.3., 19:30 Uhr, Hanse-Wissenschaftskolleg, Lehmkuhlenbusch 4, Delmenhorst

Schmiemann: Ich glaube, wenn wir nur darüber reden, wie gefährlich all das ist, was da auf uns zukommt, kann das schnell zu einer inneren Lähmung führen. Man muss stattdessen darauf achten, was wir tun können – und was wir davon haben, wenn wir etwas tun. Das ist ein Ansatz, der in der Medizin und in der gesundheitlichen Betreuung eine ganz große Rolle spielt. Wenn ich etwas Gutes für mich tue, kann es ja sein, dass ich damit auch etwas Gutes für die Umwelt tue. Wenn ich etwa mehr Strecken ohne den motorisierten Verkehr zurücklege, reduzieren ich mein Risiko für einen Herzinfarkt sowie viele Krebserkrankungen und dadurch werden weniger Schadstoffe freigesetzt.

taz: Entspricht das nicht ganz simpel dem gesunden Menschenverstand?

Schmiemann: Natürlich, aber in der Summe verhalten wir uns ja nicht so, wie es einem gesunden Menschenverstand entspricht. Denn viele Menschen denken immer noch nicht so über die Folgen ihres Handelns nach, wie man es erwarten würde.

taz: Und welche Konsequenten sollten Ihrer Meinung nach von der Ärzteschaft daraus gezogen werden?

Schmiemann: Wir wissen ja, dass das Gesundheitswesen einen hohen Ressourcenverbrauch hat und für rund 5 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Wenn es etwa Medikamente gibt, die einen hohen Klimaschaden verursachen, könnten diese durch andere Mittel ausgetauscht werden, die einen deutlich geringeren Einfluss haben. Chronische Atemwegserkrankungen, die auch durch eine klimabedingt zunehmende Feinstaubbelastung mitverursacht werden können, werden zum Beispiel durch inhalative Medikamente behandelt. In manchen Medikamenten werden dabei Treibmittel eingesetzt, die den Klimawandel verstärken.

taz: Indem man die Auswirkungen behandelt, verstärkt man also die Ursachen der Krankheit?

Schmiemann: Genau! Es gibt dafür aber auch inhalative Medikamente, die den Wirkstoff als Pulver enthalten. Die meisten Menschen können mit diesen Pulverinhalatoren gut umgehen und ihre Krankheit ausreichend behandeln. Wenn wir also das Heilmittel in diese Richtung ändern würden, wäre das ein Gewinn für die Umwelt.

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