Mediales Dilemma im Fall Peng Shuai: Ungewollte Gehilfen

Die Lebenszeichen der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai sind inszeniert. Doch die westlichen Medien sind nicht nur Beobachter, sondern Mitspieler.

Die Tennisspielerin Peng Shuai.

Sämtliche Lebenszeichen von Peng Shuai sind streng vom chinesischen Propagandaapparat inszeniert Foto: Mike Segar/reuters

Der Fall Peng Shuai stellt für Journalisten ein Dilemma dar, das sich praktisch nicht auflösen lässt. Die Tennisspielerin hatte noch Anfang November auf ihrem Online-Account dem ehemaligen Vizepremier Zhang Gaoli vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben – nur um am Sonntag ihre Anschuldigungen ohne Erklärung zurückzuziehen. Es habe sich alles nur um ein großes Missverständnis gehandelt, sagte die Chinesin. Aber hat sie das auch wirklich gemeint?

Klar ist: Sämtliche Lebenszeichen der Athletin seit den #MeToo-Anschuldigungen sind streng vom chinesischen Propagandaapparat inszeniert. Dass die meistgesuchte Frau des Landes „zufällig“ bei einer Sportveranstaltung von einer ihr nicht bekannten Reporterin „spontan“ interviewt wird, ohne von Sicherheitskräften abgeriegelt zu werden, ist absolut unwahrscheinlich. Für jeden ausländischen Journalisten in China ist allein die Vorstellung geradezu lächerlich.

Und dennoch bleibt die alles entscheidende Frage: Meint Peng Shuai ihre Aussagen aufrichtig, oder hat sie diese unter Zwang getätigt? Jede Antwort ist zum Scheitern verurteilt: Wer davon ausgeht, dass die 35-Jährige nur eine Marionette in einem politischen Plot ist, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, eine mündige Bürgerin zu patronisieren. Der Vorwurf vieler Chinesen lautet oft, dass westliche Journalisten die eigenen Erwartungen nur durch die subjektive Weltsicht bestätigt wissen wollen.

Wenn man andererseits die Aussagen Peng Shuais für bare Münze nimmt, vernachlässigt dies jedoch das totalitäre System Chinas, in dem Bürger bereits für harmlosere Kritik gegen die Zentralregierung eingesperrt werden. Würde Peng Shuai ihren Vorwurf vor laufender Kamera wiederholen, würde dies zweifellos eine Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit bedeuten. Genau diese Metaebene ist jedoch wichtig, um den Fall zu verstehen. Die meisten Medien, die ohne Einordnung des Kontexts die Zitate Peng Shuais rein vermeldet haben, haben sich ungewollt zu Gehilfen der chinesischen Staatspropaganda gemacht.

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Seit 2019 China-Korrespondent mit Sitz in Peking. Arbeitete zuvor fünf Jahre lang als freier Journalist für deutschsprachige Medien in Seoul, Südkorea. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.

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