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Maaßen und die Folgen Auf dem Weg in die Hölle

Daniel Schulz

Kommentar von

Daniel Schulz

Wenn ein überführter Lügner einfach weiter machen darf, ohne dass es Konsequenzen gäbe – was macht das mit einem Gemeinwesen?

A ls ich den langweiligen Mann traf, saß er in einem langweiligen Büro. Er hatte ein so langweiliges Gesicht, dass ich vergessen habe, wie er aussieht. Besäße ich seine Visitenkarte nicht, ich hätte den langweiligen Mann vergessen. Aber einen Satz hat er gesagt, der ist bei mir hängen geblieben: „Ohne Verlässlichkeit landet man in der Hölle.“

Der langweilige Mann arbeitet für eine Organisation, die sich darum kümmert, dass es im Land des Mannes verlässliche Zahlen und Statistiken gibt. Es hat sich dort nämlich so sehr eine Kultur des Lügens, des Umdrehens von Fakten sowie der Herstellung eigener Statistiken mit Fakten, die einem gerade politisch passen, herausgebildet, dass es schwer wird, irgendwo eine U-Bahn oder eine Wasserleitung zu bauen: weil nicht mehr klar ist, was an dieser Stelle schon mal gebaut wurde oder wie viele Leute da leben.

Der langweilige Mann arbeitet in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Ach Ukraine, denken Sie jetzt, diese verrückten Russen, die mit den anderen Russen Krieg führen, was geht mich das an? Aber lesen Sie doch noch ein bisschen weiter, denn wir kommen jetzt zu Hans-Georg Maaßen.

Das ist der Chef des Inlandsgeheimdienstes von Deutschland, einem Land, in dem viele sehr sicher sind, öffentliches und konsequenzenfreies Lügen und Betrügen passe vielleicht gut in die politische Kultur irgendwo in Osteuropa – okay, zu den USA vielleicht auch inzwischen –, aber nicht zu uns.

Für zu spießig halten sich die Deutschen, als dass ihnen das passieren könnte, für zu verlässlich; und selbst die, die öfter mal den Durchblickerspruch ablassen: „Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“, und die schreien, im Bundestag werde doch genauso viel gelogen wie in Nordkorea – die profitieren von dieser Spießigkeit, dieser relativen Stabilität von überprüfbaren Tatsachen und von einer politischen Kultur, die allzu freihändiges Hantieren mit Tatsachen zumindest in einer gewissen Zahl der Fälle ahndet.

Verlässlichkeit kommt von Verantwortung; und wenn fürs Dahinbehaupten und Lügen niemand mehr die Verantwortung übernehmen muss, nicht einmal diejenigen, die die Stabilität und Sicherheit einer Gesellschaft schützen sollen, dann macht diese Gesellschaft ihre ersten Schritte auf dem Weg in die Hölle.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Daniel Schulz

Daniel Schulz Reportage und Recherche

Redakteur im Ressort Reportage und Recherche. Autor von "Wir waren wie Brüder" (Hanser Berlin 2022) und "Ich höre keine Sirenen mehr. Krieg und Alltag in der Ukraine" (Siedler 2023). Reporterpreis 2018, Theodor-Wolff-Preis 2019, Auszeichnung zum Team des Jahres 2019 zusammen mit den besten Kolleg:innen der Welt für die Recherchen zum Hannibal-Komplex.
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3 Kommentare

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  • 9G
    98589 (Profil gelöscht)

    Habe ich etwas verpasst?



    Überführte Lügner und Lügnerinnen haben wir doch schon seit Jahren in den Ämtern sitzen.



    Was das mit dem Gemeinwesen macht, erleben wir gerade.

  • Mit Maaßen verliert die Koalition weitere Punkte: die einen halten an ihm fest, die anderne schweigen.



    So ist das mit Seilschaften: wenn einer Mist baut, hängen alle zusammen.

    Solange keine zerstörerischen Parteien Zulauf bekommen, kann das nur gut sein, wenn da mal die Macht gebrochen wird.

  • "Wenn ein überführter Lügner einfach weiter machen darf, ohne dass es Konsequenzen gäbe – was macht das mit einem Gemeinwesen?"

    www.sueddeutsche.d...peinlich-1.2475881