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Ludwig-Erhard-GipfelGipfel von gestern

Es sollte ein „deutsches Davos“ sein – dann wurde dem Event-Veranstalter Wolfram Weimer Bereicherung vorgeworfen. Philipp Amthor kommt trotzdem noch.

Verfügbar: Christiane Goetz-Weimer mit Ex-Minister Theo Waigel und dem Ex-Kanzler Österreichs Wolfgang Schüssel am Dienstag Foto: Sven Hoppe/dpa
Patrick Guyton

Aus Gmund Am Tegernsee

Patrick Guyton

Geparkt wird auf der sattgrünen Wiese, drüben auf der anderen Straßenseite. Hunderte Autos stehen dort – aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, München, Kitzbühel. Sie gehören den Gästen des Ludwig-Erhard-Gipfels hier auf Gut Kaltenbrunn, mit malerischem Blick über den Tegernsee und sein glitzerndes Wasser. Ausgerichtet wird der Gipfel von der Weimer Media Group. Die gehört Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und seiner Frau Christiane Goetz-Weimer. Das Paar hat hier ein Ferienhaus, so wie einst auch der angebliche „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard.

Was erwartet man auf dem Event, das Erhards Namen trägt und das auch als „Tegernsee Summit“ beworben und mit allen Mitteln der Public Relations als bedeutungsschwanger inszeniert wird? Eine jüngere Frau im Businesslook, die vom Parkplatz kommt, sagt: „Vernetzung, Austausch. Die Anregungen, die man da bekommt, sind sehr wertvoll.“ Allerdings hat dieses Treffen seit Ende 2025 ein Imageproblem. Da wurde bekannt, dass es von verschiedenen bayerischen Ministerien gesponsert wurde.

Der Preis für ein simples Tagesticket liegt bei 1.100 Euro, alle drei Tage kosten inklusive „Gipfelnacht“ 3.000. Und es wurde der Anschein erweckt, dass sich Teilnehmer gegen kräftige Extrazahlungen Zugang zu Politikern kaufen könnten. „Das ist eigentlich traurig“, sagt die Frau vom Parkplatz. Damit meint sie nicht diese Umstände, sondern die Kritik daran. Sie ist in der Telekommunikationsbranche tätig. „Schönen Tag noch.“

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Laut der Homepage handelt es sich beim Ludwig-Erhard-Gipfel um „Deutschlands Meinungsführertreffen“, beziehungsweise „das deutsche Davos“. Gemeint ist damit das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen, zu dem Jahr für Jahr Politiker und Wirtschaftsleute aus der ganzen Welt pilgern, um zu diskutieren. Auch der Erhard-Gipfel wirbt mit Prominenten, die in den vergangenen elf Jahren schon ein Mal oder auch mehrfach da waren. Friedrich Merz etwa, dessen Zweitwohnsitz hier am Tegernsee direkt neben dem der Weimers liegt. Aber auch Ricarda Lang war schon da, Joachim Gauck, Julia Klöckner oder Lars Klingbeil. Thema ist dieses Jahr: „Zurück an die Weltspitze. Wie gelingt Deutschland der Aufschwung?“

Der Vorwurf: Interessenkonflikte

Das Gut Kaltenbrunn ist in Einzellage am See, gehört zur Gemeinde Gmund und wird betrieben vom Münchner Feinkostunternehmen Käfer. Es ist ein mächtiges historisches Klostergebäude, es gibt einen kleinen Strand und eine Bootsanlegestelle. Auf den Wegen und Pfaden drumherum trifft man Tegernsee-Urlauber – Spaziergängerinnen, Radler, Joggerinnen.

Im vergangenen Jahr, als die Vorbereitungen für das Summit 2026 schon liefen, kam die Kritik an Wolfram Weimer auf. Wie kann es sein, dass einer, der in Berlin am Kabinettstisch sitzt, mit seiner Firma ein privates und kommerzielles Treffen ausrichtet? Das sich mit Wirtschaft und Politik befasst. Wie kann es sein, dass er seinen Namen und seine Beziehungen nutzt, um Geld für seine Firma zu erwirtschaften?

Als Konsequenz zog sich Weimer aus der Arbeit zurück. Etwas später gab er seine Firmenanteile in die Hand eines Treuhänders.

Der Publizist Wolfram Weimer, der sich als Intellektueller begreift, sorgt als Kulturstaatsminister immer wieder für Unmut. So trat er als Zensor auf und ließ drei linke Buchläden von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreises streichen. Gegen sie lägen „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ vor. Der Protest im Kulturbereich war so groß, dass Weimer bei der Leipziger Buchmesse im März seine Rede und auch seinen Rundgang absagte. In seinem eigenen Ministerium verbot er schon bald nach Amtsantritt das Gendern in Schriftstücken, also etwa das Binnen-I, das Sternchen oder den Gender-Doppelpunkt.

Eine Woche vor dem Erhard-Gipfel 2026 verweigerte die Presseabteilung der taz eine Akkreditierung. Das Kontingent sei ausgeschöpft. Aber man kann es ja mal versuchen. Also los.

Alle gegen Weimer?

Die Security am Eingangsweg akzeptiert den Presseausweis, man solle sich drinnen beim Presseschalter melden. Viele Damen und Herren, meist schwarz und edel gekleidet, schwärmen im Innenhof aus. Sie telefonieren, trinken Kaffee, talken mit anderen, wahrscheinlich networken sie. Jedenfalls machen sie auf wichtig.

Drinnen auf dem Podium spricht gerade Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler und bayerischer Wirtschaftsminister. Er ist überhaupt das einzige Mitglied des Landeskabinetts, das noch gekommen ist. Aiwanger sagt über das im Vorfeld viel kritisierte Treffen: „Es ist gut, dass der Gipfel abgehalten wird. Hier ist auf Stimmung gemacht worden.“

Das ist genau die Erzählung, die hier verbreitet wird. Medien und Politiker links der Mitte hätten versucht, den Weimer-Gipfel kaputtzumachen. Ein Mann aus der Autobranche sagt: „Wir brauchen dringend Treffen wie diese. Um darüber zu reden, wie es weitergehen soll.“ Der Mann mahnt: „Bitte zitieren Sie mich korrekt.“ An Gipfel-Partnern stechen durch große Werbebanner ins Auge: der Privatsender n-tv, Vodafone sowie die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft.

Ein Blick auf die Rednerliste zeigt: Die großen oder größeren Namen fehlen. Es finden sich darauf viele weitgehend unbekannte Wirtschaftsleute. Und viele Leute, die mal bekannt waren. Der Ex-Bundesfinanzminister und Ex-CSU-Vorsitzende Theo Waigel etwa, 87 Jahre alt, bekommt hier als „Mr. Euro“ einen „Freiheitspreis der Medien“ verliehen. Die Laudatio hält der Ex-Bundeskanzler Österreichs Wolfgang Schüssel, 80 Jahre alt.

Als Redner gekommen sind auch Paul Achleitner (Ex-Deutsche-Bank), Nina Ruge (Ex-Fernsehmoderatorin), Peter Tauber (Ex-CDU-Generalsekretär), Annegret Kramp-Karrenbauer (Ex-CDU-Vorsitzende) sowie Armin Laschet (auch Ex-CDU-Vorsitzender sowie gescheiterter Kanzlerkandidat). Als aktiver CDU-Politiker spricht immerhin Philipp Amthor, 33, „jüngster ältester Politiker“ und Staatssekretär im Digitalministerium. Auf Alibisozis oder Grüne wurde diesmal ganz verzichtet.

Staatskohle fürs Lobbytreffen

Eine ganze Reihe Ministerien der bayerischen Staatsregierung haben den Ludwig-Erhard-Gipfel über Jahre hinweg finanziell gesponsert. Das ergaben die Recherchen Ende 2025. Nein, das sei falsch, sagte damals jede Pressestelle – es habe Kooperationen gegeben, die ganz üblich seien mit verschiedensten Akteuren. Die Abfrage der taz ergab damals, dass das Wirtschafts-, das Digitalministerium sowie die Staatskanzlei selbst von 2022 bis 2025 insgesamt 686.000 Euro zahlten. Von Jahr zu Jahr stieg der jeweilige Betrag.

Die Minister und Ministerinnen sprachen dann auf dem Treffen, CSU-Ministerpräsident Markus Söder fungierte gar als Schirmherr – und gab einen eigenen Empfang. Als die Zahlen aufkamen, wurde das Geld für 2026 eilig gestrichen und die Auftritte abgesagt. Söder ist nicht da, er wolle „kein Gschmäckle entstehen lassen“. Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die als Bundespräsidentin gehandelt wird, wollte sich die Teilnahme offenhalten, schließlich liegt Gut Kaltenbrunn in ihrem Wahlkreis, und sie gilt als Freundin der Weimers. Aigner wollte Gipfelchefin Goetz-Weimer im Dezember 2025 eigentlich den Bayerischen Verfassungsorden überreichen. Nach den kritischen Schlagzeilen verzichtete die Auserkorene auf die Auszeichnung. Nun ließ Aigner erklären, sie werde „möglicherweise“ zu einzelnen Programmpunkten des Wirtschaftstreffens kommen. Das werde sie „spontan entscheiden“.

Der Weimer-Gipfel und seine Medienmaschinerie geben sich, nun ja, ziemlich aufschneiderisch. Über die drei Tage hinweg von Dienstag bis Donnerstag werden Pressemitteilungen veröffentlicht, die Nicht-Nachrichten sind.

Hildegard Müller etwa, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, sagt: „Europa darf sich nicht selbst schwächen.“ Theo Waigel fordert eine europäische Verteidigungsgemeinschaft. Stefan Wintels von der staatlichen Förderbank KfW schlägt eine „parteiübergreifende Deutschland-Agenda“ vor. Das ist Gipfel-PR ohne Relevanz.

Die taz wird rausgeworfen

Zwei Frauen – „Medienbranche“, sagen sie – loben beim Kaffee Christiane Goetz-Weimer. „Unglaublich, dass sie das alles gestemmt hat.“ Denn Gatte Wolfram fiel ja aus. Dessen Traum war es eigentlich, so wird kolportiert, dass Nachbar, Freund und Bundeskanzler Friedrich Merz zu dem Treffen kommt. So wie in den Vorjahren. Hat aber nicht geklappt.

Der taz-Reporter will sich im Gut Kaltenbrunn nicht wie ein illegaler Eindringling fühlen, so inoffiziell zwischen diesen ganzen Menschen wandeln und sie befragen. Also doch zum Presseschalter, Bitte um Akkreditierung. Der Chef wird angerufen. Geht nicht, sagt die Mitarbeiterin, bitte das Gelände verlassen, sofort. Ein Security-Mitarbeiter kommt, begleitet einen sehr freundlich bis zum Ausgang und schaut noch eine Weile hinterher.

Es ist spät geworden. Am Parkplatz auf der grünen Wiese trifft man zufällig auf Wolfgang Heubisch. Der ist hier mit 79 Jahren noch einer der Jüngeren und war mal bayerischer Wissenschaftsminister, als seine FDP noch im Landtag saß. „Wir kennen uns doch“, ruft Heubisch hocherfreut. Wie man mit dem Gipfel umgegangen ist, sei schon eine „kleingeistige Diskussion“ gewesen, sagt er. „Wir brauchen solche Treffen für die Wirtschaft und die Region.“ Und zum Abschied: „Dann noch eine gute Zeit!“

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