Lost in Salzwasser und Räucherstäbchen: Das Leben passiert gerade woanders
Nach einer Nacht im Club wächst das Bedürfnis nach Ruhe und Schwerelosigkeit. Diese in Berlin zu finden, ist jedoch komplizierter als gedacht.
G rün, Blau und Grau ziehen langsam an meinem Augenwinkel vorbei. Dazwischen schwerelos treibende Körper im Wasser, die gelegentlich zusammenstoßen. Die Atmosphäre hält, was das Liquidrom verspricht: „Mitten in Berlin, aber wie auf einem anderen Planeten.“ Und doch wäre es nicht eine Therme in Kreuzberg, würde nicht unter der Wasseroberfläche ein dumpfer, gleichmäßiger Technobeat pulsieren, der mich unweigerlich an den Beginn dieses Wochenendes zurückträgt.
Zwischen Rauchschwaden und elektronischen Klängen lösen sich am Freitagabend in einem Berliner Club oben und unten zunehmend auf. Mein Körper wird leicht, beinahe schwerelos. Die Vergeltung für diesen zu langen Abend folgt am nächsten Morgen. Nicht der Beat wummert nun, sondern mein Kopf. Die Tauben gurren zu laut, der Himmel ist zu grau und wenn die Sonne gelegentlich durchbricht, ist sie zu hell. Es ist, als hätte die Welt ihre Lautstärke gezielt gegen mich aufgedreht.
Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit, nach weniger Gewicht. Also tippe ich „Orte der Schwerelosigkeit in Berlin“ in Google ein. Das Internet antwortet prompt. „Fünf Lost Places, die du gesehen haben musst.“ Die Beschreibungen klingen erwartungsgemäß dramatisch: „lebensgefährlich“ und „streng bewacht“. Vielleicht will ich ja doch nicht so schwerelos sein?
Entrückt vor dem Gemälde
Also die Suche nach etwas Anderem. Die Wahl fällt schließlich auf Berlin-Mitte. Zwischen überteuertem Cappuccino und perfekt arrangierter Wolle in einem Strickladen liegt das Museum der Stille, verborgen in einem grauen Gründerzeithaus. Dort sitzt bereits eine ältere Besucherin, die ein Gemälde des deutsch-russischen Künstlers Nikolai Makarov betrachtet, tief versunken, beinahe entrückt. Mit meinen klackernden Schuhen durchbreche ich ihre Kontemplation. Für einen Moment bin ich der Elefant im Ruheraum. Sie geht. Ich bleibe und nehme Platz im benachbarten Gulag-Raum mit torfverkleideten Wänden, der an die Opfer des Stalinismus erinnert.
Doch auch hier: keine reine Stille. Schritte von oben, Kinderstimmen. Geräusche, die ansonsten untergehen, geraten hier auf einmal in den Mittelpunkt. Alles, was von draußen hereinsickert, wiegt schwer. Zu schwer. Es ist, als würde mir ständig jemand zuflüstern: Das Leben passiert gerade woanders. Jeder Laut wird zum Beweis: Absolute Ruhe existiert nicht. Nicht in dieser Stadt. Vielleicht auch nicht in mir. Als schließlich die Türklingel die fragile Stille endgültig zerlegt, stehe ich auf und gehe. Draußen ist die Welt überraschend mild geworden. Die Tauben klingen nicht mehr aufdringlich, sondern vertraut, fast tröstlich.
Sonntagmorgen dann das Gegenteil von Stille: Flohmarkt am Maybachufer in Berlin-Neukölln. Räucherstäbchen, japanische Pfannkuchen, nach Materialien geordnete Secondhandkleidung. Alles ist etwas zu teuer und in ständiger Bewegung. Wir lassen uns treiben, von Stand zu Stand und von Geruch zu Geruch. Auf dem Landwehrkanal gleitet ein Boot mit dem Namen „Brasilien“ vorbei. Ein merkwürdiges Versprechen von Wärme, Ferne und Unbeschwertheit.
Blühende Blumen, flirrendes Licht
Noch immer von der ungesättigten Sehnsucht nach Stille erfüllt, mache ich mich auf den Weg an die Ränder Berlins, in den Botanischen Garten. Zwischen blühenden Blumen und flirrendem Licht finde ich schließlich etwas, das ihr erstaunlich nahekommt.
Später, im salzigen Wasser, bei der langsamen Auflösung der eigenen Konturen, beim leisen Auseinanderdriften von allem, was eben noch fest scheint, der Gedanke: Das Problem mit der Schwerelosigkeit und der Stille ist vielleicht, dass ich sie an Orten suche, an denen sie versprochen werden, statt die Momente wahrzunehmen, in denen sie einfach geschehen.
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