Lob der Unordnung: Chaos im Herz
In WGs setzen immer die Ordentlichen den Maßstab. Warum eigentlich? Ein Plädoyer für mehr Laisser-faire.
A uf den ersten Blick mag es vielleicht nicht auffallen, aber in meinem Herzen herrscht das Chaos. Solange sich mein Besuch rechtzeitig ankündigt und sämtliche Schubladen und Schränke geschlossen bleiben, kann ich meine wahre Identität zwar erfolgreich verstecken. Doch nach zwei Jahren WG-Leben bröckelt langsam meine Fassade.
Vermehrt „vergesse“ ich dreckige Teller in der Spüle oder lege diverse Gegenstände „vorläufig“ auf der Bank im Flur ab. Für meine ordnungsliebende Mitbewohnerin ist das der größte Horror. Regelmäßig räumt sie Dinge von mir weg und zerstört damit meine über Monate erarbeitete Zettelhaufenchronologie.
Sich darüber zu beschweren, dass jemand für einen aufgeräumt hat, kommt allerdings nicht so gut an. Denn im Aufräumstreit der WGs gewinnt stets die Ordnung. Mit Putzplänen, Belohnungssystemen, manchmal sogar Strafen sollen selbst die größten Chaoten eingefangen werden.
Wer ordentlich ist, hat sein Leben unter Kontrolle, heißt es, sei fleißig und erfolgreich. Unordnung symbolisiert hingegen das Gegenteil. Googelt man „Gründe für Unordentlichkeit“, erscheinen Ergebnisse wie Stress, Überforderung und innere Unruhe. Auf mich trifft das nicht zu. Mich stresst höchstens, wenn mir dauernd jemand signalisiert, dass ich aufräumen soll.
Aber was definiert überhaupt Ordnung? Eine Studie aus dem Jahr 2021 von Forscherinnen der University of Sussex und der University of East London zeigt, dass Zufriedenheit nicht davon bestimmt ist, wie ordentlich die Umgebung eines Menschen tatsächlich ist, sondern wie ordentlich sie wahrgenommen wird. Deshalb denkt meine Mitbewohnerin, dass ich die Flurbank als Zwischenlager für Papiermüll benutze, während ich es dekorativ finde, Bücher und Zeitungen an verschiedenen Orten der Wohnung zu platzieren.
Außerdem ist unser Ordnungsempfinden stark durch unsere Herkunft geprägt. Kurz gesagt: Wer aus einem „ordentlichen“ Haushalt kommt, führt auch selbst einen „ordentlichen“ Haushalt. An der eigenen Unordentlichkeit lässt sich im Erwachsenenalter nur noch bedingt etwas ändern.
Die gute Nachricht ist: Das muss man auch gar nicht!
Unordentliche Personen brauchen zwar oft mehr Freiheit und arbeiten weniger linear als ordentliche Personen, das macht sie aber nicht zu schlechteren Menschen. Auch im leicht klischeehaften Spruch „Nur ein Genie beherrscht das Chaos“ steckt schließlich ein wahrer Kern. Dass Unordnung Kreativität anregt, ist ebenfalls wissenschaftlich bewiesen. Zudem kommen Menschen, die mit Unordnung gut umgehen können, auch besser mit Ambiguitäten zurecht.
Dass die Bedürfnisse ordentlicher Menschen trotzdem andauernd über denen unordentlicher Menschen stehen, nervt. Spätestens seit während der Coronapandemie die Aufräumkönigin Marie Kondo alles eliminiert hat, was keine joy sparkt, ist es die Norm, dass zu jeder Zeit alles einen Platz hat und nichts herumliegen soll – für viele Menschen ist das kaum erreichbar.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Dabei habe durchaus auch ich das Bedürfnis, aufzuräumen, nur eben seltener als meine Mitbewohnerin. Wenn es dann mal so weit ist, mache ich dafür alles auf einmal. Ein Großputz ist für mich viel befriedigender, als ständig lästige Kleinigkeiten von A nach B zu räumen. Ich sehe auch wenig Sinn darin, Dinge, die ich ohnehin ständig benutze, jedes Mal wieder in eine Schublade zu räumen.
Meine Oma sagt immer: „In einem geordneten Haushalt geht nichts verloren.“ Meine Mitbewohnerin würde ihr vermutlich zustimmen. Wenn ich ausnahmsweise doch mal etwas ordnungsgemäß wegräume, habe ich ein paar Tage später vergessen, wo ich es hingelegt habe.
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