Debatte Ökologisch Aufräumen

Finger weg von meinen Stehrumchen!

Besser leben ohne Marie Kondo. Warum eine mit schönen Dingen vollgestopfte Wohnung eine echte Bereicherung sein kann.

Viele bunte und verschiedenförmige Flaschen nebeneinander

„Does it spark joy?“ Egal! Es sieht hübsch bunt und dekorativ aus Foto: Unsplash/Sharon McCutcheon

Fangen wir mit einer ganz unglücklichen Formulierung an: „Ich will ja nicht … ABER!“

Ich gehe – wie wahrscheinlich viele Leser*innen dieser Zeitung ebenfalls – davon aus, dass die Verfasser solcher Sätze in Wirklichkeit vom Gegenteil der ersten Hälfte ihres Satzes überzeugt sind. Möglicherweise bin ich das auch. Mein Satz lautet: „Ich habe ja nichts gegen Leute, die ganz toll ausmisten können und ordentlich sind und mit drei Gegenständen in ihrem Leben klarkommen, aber: ich kann es nicht.“ Und ich will mich nicht länger dafür schlecht fühlen, dass ich es weder kann noch will.

Vor kurzem schrieb meine Kollegin Svenja Bergt an dieser Stelle von der Schwierigkeit des Ausmistens, so man es denn umweltschonend angehen will. Sie tut sich schwer damit, immerhin. Dennoch steht für sie außer Frage: Ausmisten ist gut. Minimalismus ist gut. Decluttering (Neudeutsch für Entrümpeln) ist gut.

Die Königin des Aufräum-Hypes

Es gibt unzählige Ratgeber zu dem Thema. Jeden Tag ein Teil verschenken oder wegwerfen, nichts Neues mehr anschaffen, nur noch Dinge besitzen, die mensch liebt. Und da kommen wir schon zur Königin des (nicht ganz neuen) Aufräum-Hypes: Marie Kondo. Sie hält seit Jahren durch ihre Bücher und seit Kurzem durch ihre Netflix-Serie Millionen von Menschen deren Besitztümer vor die Nase und fragt: „Does it spark joy?“

Ihren Weltbestseller „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ habe ich mir das erste Mal 2014 gekauft. Er ist mir dann – bevor ich ihn praktisch anwenden konnte – in diversen Bücherstapeln abhanden gekommen. Das zweite Mal bekam ich ihn 2017 von der Schwester meines Exfreundes geschenkt. Dieses Exemplar besitze ich noch. Ungelesen reiht es sich in eine große Bücherschar ein. Ein drittes Exemplar bekam ich dieses Jahr zum Geburtstag, mit dem wohlmeinenden Hinweis meiner Freundin Nina: „Ich dachte, das ist doch was für dich.“

Die Stigmatisierung der unendlich vielen und wunderbaren Stehrumchen und Souvenirs – woher kommt sie nur?

Nein, ist es nicht! Seit Jahr und Tag wollen mich Menschen (privat aus der Familie oder dem Freundeskreis, professionell durch diverse Vox-Serien oder Bücher) zum Ausmisten animieren. Jedes Zuhause soll aussehen wie eine perfekte Instagram-Installation. Eine graue, schlichte Couch vor einer weißen Wand. Eine einzelne Pflanze (Monstera!), eine goldene Lampe. Sonst nichts. Marie Kondo hat auf Instagram fast drei Millionen Follower*innen, unter den Hashtags #konmari, #declutter und #decluttering findet man zusammen über eine Million Fotos von Nutzer*innen, die stolz ihre farblich sortierten, gefalteten Unterhosen präsentieren.

Fast wird man ins soziale Abseits befördert

Ich bin ein relativ ordentlicher Mensch, noch mehr jedoch reinlich. Ich neige vielleicht zum Messietum (zu viel zu behalten und zu sammeln), aber es muss alles sauber sein. Ich verstehe nicht, warum in unserer Gesellschaft heutzutage viel zu besitzen (nicht auf der Bank, zu Hause), gleichgesetzt wird mit Schrulligkeit und Sein-Leben-nicht-im-Griff-Haben – fast schon wird man ins soziale Abseits befördert. Aber ich gehöre nun mal zu den Menschen, die gerne im Non-Food-Bereich des Supermarktes einkaufen. Ich gucke in jede Kiste auf der Straße, auf der „zu verschenken“ steht. Ich mag Flohmärkte, und das Haus meiner Großmutter, das entrümpelt werden muss, übt auf mich eine magische Anziehungskraft aus.

Ich liebe einfach meine Besitztümer. Sie geben mir Sicherheit. Halt. Die Dinge müssen nicht fabrikneu in meinen Besitz wandern, und es muss auch nicht jede Woche ein neues Ding sein. Aber das, was ich habe, will ich behalten. Das Schwert an der Wand hat ein deutscher Missionar meinem Vater aus Mexiko mitgebracht (er war Patient meines Psychiater-Vaters und hat später Suizid begangen), die riesige Pflanze habe ich einer Bürokollegin abgeschwatzt (indem ich ihr das Doppelte des ursprünglichen Preises – 10 Euro bei Lidl – bot!), die Couch stammt von einem russischen Model, das einfach so das sauteure Teil ihres Ehemannes auf eBay verkaufte (für 66 Euro!), der Teppich von meiner Mutter, als sie eine Indo-Gabbeh-Phase hatte, das Sofakissen mit dem aufgestickten Eisvogel von einem Flohmarkt in Dänemark … und so weiter und so fort.

Und von solch wunderbaren Dingen soll ich mich trennen?

Es wird ja behauptet, dass man seine „überflüssigen“ Sachen in eine (oder zehn) Kisten in den Keller packen soll, und was man ein Jahr lang nicht gebraucht hat, kann weg. Um Gottes willen! 2017 zum Beispiel hat mich ein schrecklicher Wasserschaden ereilt. Mein gesamter Besitz wurde in Kisten gepackt und bei einer Firma zum Trocknen untergestellt. Ich habe bis heute etwa zehn der Kartons noch nicht wieder ausgepackt.

Lieber wohnlich statt cool

Wenn ich mir ab und zu einen davon in meine Wohnung hole, freue ich mich jedes Mal wie an Weihnachten und Geburtstag zugleich! Was ich da Tolles im Karton habe: einen kniehohen Holzelefanten, den ich mit fünf Jahren im Preisausschreiben eines Supermarktes gewonnen habe. Meinen alten Bree-Schulranzen, der jetzt als Umhängetasche total praktisch ist. Den goldglitzernden Escada-Pulli einer Kollegin, die diesen von ihrer Mutter bekommen hat, aber nicht mag.

Wenn ich im Urlaub in einer Ferienwohnung bin, sieht diese nach einer Woche wohnlicher aus als so einige Wohnungen „cooler“ Leute. Es hängen Dinge an der Wand, es liegen Muscheln auf dem Fensterbrett, meine Kleider sind überall verteilt und auf dem Bett liegt ein buntes Tuch.

Es gibt Kalendersprüche, die gehen so: „Die Menschen ertrinken an äußerer Fülle und ersticken an innerer Leere.“ Mag sein. Aber ich fühle mich nun mal nicht so. Die Stigmatisierung der Sammelleidenschaft, des wohlgefüllten Kleiderschranks, der unendlich vielen und wunderbaren Stehrumchen und Souvenirs – woher kommt sie nur? Ich freue mich, wenn meine Mitbewohner*innen zu mir kommen und sagen: Hast du einen Kleber für Keramik? Hast du extralange Streichhölzer? Hast du sechs unterschiedliche Serviettenringe (geschnitzt und aus Holz und in Obstform)? Jaaaaa, natürlich. Habe ich. Kommt alle zu mir, ich helfe euch aus.

Denn Dinge zu besitzen, zu lieben, sich gern mit ihnen zu umgeben, sich mit ihnen sicher und daheim zu fühlen – das ist nicht schlimm. Es ist vielleicht nicht à la Kondo, aber es gibt mir ein urgutes Gefühl.

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Geboren 1982. Erst Radio, dann Fernsehen, dann Zeitung, dann Internet. Seit 2012 bei taz.de und seit 2013 verantwortlich für den Online-Auftritt des taz-Verlages. Seit 2016 Abteilungsleiterin der jüngsten Abteilung der taz: „Digitale Transformation”. Früher eher boulevardesk unterwegs, heute um Hochkultur bemüht.

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