Linder-Retrospektive in London: Das Montierte unterbricht den Zusammenhang
Gründerin der Post-Punk-Band Ludus: Linder, der Künstlerin der radikalfeministischen Fotomontage, gilt eine Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery.
Foto: Courtesy der Künstlerin, Modern Art London, Blum Los Angeles/Tokio/New York
Wenn „Orgasm Addict“, die Debutsingle der englischen „Buzzcocks“ von 1977, bis heute im subkulturellen Gedächtnis haftet, dann nicht wegen des eher gängigen Punksounds oder weil die BBC den Song sexueller Eindeutigkeiten halber nicht spielte – sondern wegen des Covers.
Erst letztes Jahr in der großen „Postmoderne“-Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle gezeigt, ist auf dem Cover ein Motiv zu sehen, das aufgrund seiner Fotomontage-Machart auf dem Höhepunkt der (britischen) Punkbewegung den Bogen nicht nur zurück zum Dadaismus spannte, sondern auch ein so konsumkritisches wie radikalfeministisches Statement setzte.
Abgebildet ist ein nackter Frauenkörper von der Hüfte aufwärts, die Brustwarzen durch lächelnde, als weiblich gelesene Münder ersetzt. Der angedachte Blick auf die erogenen Zonen ist so einkassiert und eine einfache Auflösung dieses Bildrätsels umso mehr verunmöglicht, als die Person statt eines Kopfes ein Dampfbügeleisen auf dem Hals trägt. „Collage – Linder“ ist klein neben dem Körper zu lesen.
Linda Sterling, die Urheberin des Bildes, war damals nicht nur mit dem gerade aus den Buzzcocks ausgestiegenen Howard Devoto liiert, sondern selbst kurz davor, ihre eigene, schroff, sperrig und jazzbeeinflusst spielende Post-Punk-Band „Ludus“ (1978–84) zu gründen. Geboren 1954 in Liverpool, begann Sterling 1976, nach drei Jahren an der Kunsthochschule in Manchester, Pin-up-Fotomotive aus den seinerzeit notorischen „Herrenmagazinen“ mit technischen Errungenschaften des Spätkapitalismus zu kreuzen.
Linder: „Danger Came Smiling“. Hayward Gallery, London, bis 5. Mai
Hommage an Fotomontage-Vorbilder
Statt Köpfen tragen die Nacktmodelle einen Staubsauger, einen E-Herd, eine Wasch- oder eine Nähmaschine. Zu dieser Zeit hatte sich Sterling als Hommage an ihre Fotomontage-Vorbilder wie Hannah Höch oder John Heartfield bereits den zudem genderneutralen, deutsch klingenden Künstlerinnennamen „Linder“ gegeben – für die englische Nachkriegszeit zwar untypisch, in der Post-Punkszene Manchesters aber durchaus trendy.
Seit dieser Zeit mit einem gewissem Kultstatus versehen, ist nun erstmals in London eine Retrospektive der Künstlerin zu sehen. Dabei fällt auf, dass die nach einem Ludus-Titel benannte Show „Linder: Danger Came Smiling“ in der Hayward Gallery jeglichen Punk-Retro-Gestus vermeidet. Alles hängt gut gerahmt und etwas zu ordentlich oder wird, wie die an Aubrey Beardsley erinnernden Coverzeichnungen für Ludus, die Fotomontagen-Flyer für Joy Division oder die surrealistisch wirkenden Monotypie-Köpfe für Devotos spätere Band Magazine, museal in Vitrinen präsentiert.
Die Entwicklung von Linders Ideen und den damit verbundenen Werkreihen von den 1970ern bis zu den Arbeiten von 2024 zeigt das chronologisch konzipierte Ausstellungsformat dabei jedoch allemal. Da sind diese frühen Fotomontagen, zusammengesampelt aus Pornografie-, Haushalt- und Technikmotiven, damals gängige Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität, gleichermaßen dekonstruierend wie transformierend.
Man denkt dabei an Walter Benjamins Satz, nach dem das Montierte den Zusammenhang unterbricht, in welchen es montiert ist und erinnert sich teils an feministische Fotomontagen von Martha Rosler, teils an spätere Fotoarbeiten von Lynn Hershman Leeson wie auch an die jüngere Collagewelle, bei der Künstlerinnen wie Riikka Fransila Ideen Linders aufgriffen – und dabei oft entpolitisierten. Und da sind die Fotomontagen der jüngsten Jahre, gefälliger, aber versierter und nicht „ungefährlicher“; das Florale und Tierische hat das Technische ersetzt.
Legendärer Ludus-Auftritt
Dazwischen einige Fotoreihen: Man sieht Morrissey backstage – mit dem späteren The-Smiths-Sänger ist Linder seit 1976 befreundet (in „Cemetry Gates“ singt Morrissey von ihr). Man sieht geradezu anrührende Fotos, die die Künstlerin in den 1970ern in Drag-Clubs in und um Manchester aufgenommen hat, oder die ikonische Text- und Bildserie „She/She“ von 1981, in der Linder ihr eigenes Gesicht mit einem Zeitschriftenausriss collagierte. Das ist auch als Performance ihrer Aussage zu verstehen, nach der sie sich immer selbst wie ein gefundenes Objekt behandelt habe.
Und da ist dann noch das Video von dem legendären Ludus-Auftritt 1982 im Hacienda-Club in Manchester, bei dem Linder, aus Protest gegen Pornoscreenings am selben Ort, ein Kleid aus rohem Fleisch und darunter einen großen Dildo trug. Das war nur ein paar Monate, bevor sich Cath Johnson für ein LP-Cover der „Undertones“ ebenfalls in einem Dress aus rohem Fleisch ablichten ließ, aber 28 Jahre bevor es Lady Gaga mit der gleichen Idee in die Weltpresse schaffte.
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