Ligamodell der Champions League: Im Blindflug durch Europa
Das Ligaformat der Champions League macht den europäischen Fußball vor allem unübersichtlich. Trotz großer Duelle fehlt der sportliche Reiz.
T oooor in Limassol“, brüllt eine Reporterstimme, als sei nun bei dieser XXL-Konferenz von Europas Fußballelite endgültig der Höhepunkt dieses vermeintlich so entscheidungsträchtigen Abends erreicht. 4:1 steht es in der 87. Minute in Zypern zwischen dem heimischen FC Pafos gegen Slavia Prag. Die bange Frage steht im Raum, ob es die Zyprioten vielleicht doch noch in die Zwischenrunde der Champions League schaffen, um sich eben dann für das Achtelfinale zu qualifizieren.
Wovon das genau abhängt, weiß nur, wer zeitgleich die Live-Tabelle mit Europas 36 Topteams vor Augen hat. Aber selbst wenn man das realisiert hat, wirft der nächste Torschrei schon wieder alles durcheinander.
Zum zweiten Mal wird bereits die Champions League im sehr beliebig wirkenden Ligaformat ausgespielt, das schon nach acht Spieltagen endet. Möglich macht dies das frühzeitige Aufeinandertreffen von Topteams wie Real Madrid und Manchester City und unmöglich macht dies einen klärenden sportlichen Wettbewerb.
Am finalen achten Ligaspieltag werden die Fußballfans am Bildschirm im Blindflug von einem Spielort in Europa zum nächsten gejagt. Und trotz des großen Geschreis allerorten verrät danach ein Blick auf die Abschlusstabelle, dass eigentlich nichts passiert ist. Unter den besten acht Teams, die sich sofort fürs Achtelfinale qualifizieren, sind – wenig verwunderlich – fünf aus der umsatzstärksten englischen Premier League. Unter den zwölf vorzeitig Gescheiterten ist ebenfalls nicht wirklich eine Überraschung auszumachen. Alle anderen bewegen sich in dem großen Zwischenbereich, der noch Platz für jedwede Fantasie lässt.
Wenn das Geschrei andernorts aufhört
Und doch gibt es einen großen Moment an diesem letzten Spieltag, als nur noch eine Partie im Gange ist. Benfica Lissabon führt vor eigenem Publikum mit 3:2 gegen Real Madrid, den Rekordgewinner der Königsklasse, und wähnt sich fälschlicherweise schon für die Zwischenrunde vor dem Achtelfinale qualifiziert.
Offensichtlich haben die Verantwortlichen die Übersicht über das Geschehen an den 17 anderen Spielorten verloren. Es fehlt nämlich noch ein Treffer zum Weiterkommen. Torhüter Anatolij Trubin wird von der Trainerbank zur letzten Offensivaktion nach vorne beordert, als dies doch noch bemerkt wird und per Kopfballtreffer versetzt er das ganze Stadion in Ekstase. Weil andernorts niemand mehr Tore schießen kann, hat der Erfolg Bestand.
Wer hätte das gedacht: So mitreißend kann Fußball in der Champions League schon zu diesem frühen Zeitpunkt sein. Es braucht nur deutlich mehr Geduld, bis sich der Nebel über den möglichen Ausgang der anderen Partien gelöst hat und das Schicksal nur in den Füßen der Teams auf dem Platz liegt.
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