Leiterin über Rap-Workshop für Mädchen: „Es gab häufig Hate“

Das Projekt Sisterqueens aus Berlin-Wedding hat den Hatun Sürücü-Preis gewonnen. Alma Wellner Bou über Rap, Sexismus und Familienprobleme.

Vier junge Mädchen und eine Frau posieren im Konfettiregen vor einer roten Wand

Sisterqueens: Nach dem Rap-Workshop gab es einen Videodreh mit Rapperin Haszcara Foto: ongoing project

taz: Frau Wellner Bou, immer wieder gibt es feministische Kritik an Rapmusik, weil die Musikrichtigung häufig Sexismus transportiert. Wie kamen Sie auf die Idee, ein feministisches Rap-Projekt zu machen?

Alma Wellner Bou: Genau deswegen. Weil Rap eine männlich dominierte Szene ist, wenn man sich anschaut, wer sich da zeigt, was gezeigt wird, welche Sprache benutzt wird und wie über Frauen und Männer gesprochen wird. Daraus ist die Idee entstanden, die Inhalte zu ändern.

Wie sieht das dann aus?

32, ist Künstler- und Projektmanagerin. Sie ist Teil von Ongoing Projects, einer kollektiven Struktur in Kooperation mit anderen Organisationen und Projekten.

Unser erstes Rap-Projekt „XX“ mit jungen Mädchen aus dem Wedding, in dem auch der von den Mädchen selbst kreierte Name „Sisterqueens“ entstand, ist mittlerweile vier Jahre her und war auch eine Antwort darauf, dass Rap sehr präsent ist im Alltag junger Frauen und Mädchen. Wir versuchen, die Form ein Stück weit mit neuem Inhalt zu füllen. Das ist eigentlich auch immer Teil der Rapkultur gewesen: Die Stimme gegen Ungerechtigkeiten zu erheben und zu partizipieren am gesellschaftlichen Diskurs.

Was macht es mit jungen Frauen und Mädchen, wenn sie selbst sexistische Musik hören oder diese zumindest popkulturell und im Alltag allgegenwärtig ist?

Es ist schwierig. Aber es geht uns nicht um Verbote. Wir sagen nicht: Das dürft ihr alles nicht hören. Klar hören viele Mädchen auch problematische Sachen. Wir haben uns auch mal zusammen hingesetzt, uns die Texte genau angehört und uns gefragt, wie wir das eigentlich finden. Wir haben die Mädchen gefragt: Was ist eure Antwort darauf? Wir wollten über die Plattform Sisterqueens vor allem was dagegen setzen. Viele, die mitgemacht haben, hören jetzt auch Künstlerinnen wie Ebow und Alice D., die Workshops angeleitet haben und für anderen Rap stehen.

Zwei junge Rapperinnen aus dem Mädchenprojekt posieren für ein Foto zusammen mit der Rapperin Alice Dee

Sisterqueens beim Foto-Shoot mit Rapperin Alice Dee Foto: Fabienne Karmann

Was war denn die Antwort der Mädchen?

Die Mädchen positionierten sich gegen Diskriminierungen in jeglicher Form. Teilnehmerinnen sind häufig doppelt und dreifach von Diskriminierungen betroffen: Geschlecht, Herkunft, Alter, Klasse, you name it. Die Mädchen sagen: Yo, das finden wir nicht cool. Sie nennen sich ja Sisterqueens. Viele von unseren kollektiv geschriebenen Lyrics zielen deshalb aber vor allem darauf, sich selbst zu feiern – so, wie man ist. Und allein das stößt sich ja schon mit herkömmlicher Repräsentation im Rap.

Der Hatun Sürücü-Preis wird 2021 zum neunten Mal von der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus vergeben. Mit dem insgesamt mit 3.000 Euro dotierten Preis wollen die Grünen Menschen und Initiativen unterstützen, die sich für die Rechte von Mädchen und jungen Frauen aus Selbstbestimmung und Chancengleichheit einsetzen, wie es auf der Website des Preises heißt. Die Erstplatzierte bekommen 1.500 Euro, Zweite 900 Euro, die Dritten 600 Euro. Der Preis erinnert an Hatun Sürücü, die 2005 in Berlin von ihren Brüdern ermordet wurde, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.

„Sisterqueens“ ist eine Plattform des Künst­le­r*in­nen­kol­lek­tivs „ongoing project“ für feministische Rap-Projekte. Kooperationspartner des Projekt sind das Interkulturelle Zentrum für Mädchen und junge Frauen Mädea in Wedding und die Stiftung SPI. Das Projekt ist 2021 Drittplatzierte geworden.

Inwiefern?

Die Mädchen trotzen Klischees. Sie sagen: Wir sind keine Jungs, sondern Mädchen, und gehen trotzdem mit Rap auf die Bühne. Wir kommen aus dem Wedding, trauen uns aber dennoch, in Kreuzberg im HAU vor ausverkauftem Haus aufzutreten. Wir handeln gegen die gesellschaftliche Erwartung. Und wir feiern das und supporten uns gegenseitig. Sisterhood schafft auch Vorbilder: Wir haben für die Videos und Auftritte nur mit Frauen zusammengearbeitet. Man kann Rap nur mit Frauen machen.

Was bedeutet Rap als Ausdrucksform?

Rappen als Praxis und sich damit auf die Bühne zu stellen, wirkt super empowernd. Beim Rappen setzt man Körper und Stimme anders ein als beim Singen. Dadurch verändert sich auch etwas im Mindset. Ein Mädchen hat sich etwa am Anfang nicht getraut, überhaupt irgendeinen Text laut vorzulesen, weil sie ihre Stimme blöd fand. Am Ende stand sie auf der Bühne und hat ihren eigenen Text gerappt.

Wie lief der Auftritt im HAU?

Super. Mich haben alle komplett weg gehauen und das Publikum war begeistert. Für die Mädchen war es ein wahnsinniger Moment, von dem sie immer wieder erzählen. Was für sie auch extrem wichtig ist: Dass ihre Familien dabei waren. Es hat die Mädchen am stolzesten gemacht, dass das eigene Umfeld das wertschätzt. Und natürlich haben sie alles auch stolz auf Social Media gepostet.

Wertschätzung haben Sie nun auch mit dem diesjährigen Hatun Sürücü-Preis bekommen. Der wird seit neun Jahren verliehen und erinnert an Hatun Sürücü, die von ihren Brüdern ermordet wurde – weil sie ihre Zwangsehe für ein selbstbestimmtes Leben verließ und sich gegen ihre Familie auflehnte. Welchen Stellenwert hat dieser Preis für Sie und die Mädchen?

Einen sehr großen. Während der Projekte gab es häufig mal Hate. Manche Eltern fanden es nicht gut. Eine Teilnehmerin hat ihrem Vater erst gar nicht erzählt, dass sie bei einem Rap-Projekt mitmacht. Als das erste Youtube-Video hochging, haben Jungs negativ kommentiert und wie wild Dislikes gebottet. Sürücü ist ein Vorbild genau wie viele andere Frauen, sich in den Kampf für ein selbstbestimmtes Leben einzureihen. Wir stehen nebeneinander und kämpfen weiter. Wir zeigen und feiern uns. Diesen Geist trägt auch das Mädchenzenrum Mädea. Dort beschäftigen sich die Mädchen auch mit historischen Vorbildern wie etwa Luise Schröder, die sich für das Frauenwahlrecht eingesetzt hat. Oder sie initiieren eine Petition, die eine Bürgermeisterin fordert.

Gab es für Mädchen konkrete Probleme mit der Familie, weil sie rappen wollten?

Auf jeden Fall. Über Details möchte ich natürlich im Sinne der Mädchen nichts sagen. Aber es gibt Widerstand und auch Mädchen, die nicht mehr dabei sind. Wir versuchen dann, ins Gespräch zu gehen, zu vermitteln und das Projekt zu erklären. Andere Familien supporten das allerdings auch komplett und kommen mit dem ganzen Fanclub zum Konzert.

Wie geht es mit der Plattform Sisterqueens weiter?

Wegen des Erfolgs wollen wir das Projekt jetzt auch berlinweit etablieren. Es werden also weitere Mädchenzentren dazu kommen und mitmachen!

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