Lehrerverbandschef über Maskenpflicht: „Der Durchseuchung bloß zuschauen?“

Der Deutsche Lehrerverband wehrt sich gegen die Aufhebung der Maskenpflicht in den Schulen. Präsident Heinz-Peter Meidinger erklärt, warum.

Schüler*innen mit Mund- und Nasenschutz.

Von den älteren Schü­le­r*in­nen sind schon viele geimpft: 11. Klasse einer Schule in München Foto: Matthias Balk/dpa

taz: Herr Meidinger, es geht ein Aufatmen durch Deutschlands Schulen. In vielen Bundesländern wird die Maskenpflicht für Schüler am Platz gelockert. Sie wettern dagegen. Warum?

Heinz-Peter Meidinger: Zur Wahrheit gehört natürlich, dass da nicht nur ein Aufatmen, sondern auch eine große Sorge durch Deutschlands Schulen geht. Die Ansicht, dass dieser Schritt zu früh kommt, haben wir Lehrkräfte ja auch nicht exklusiv, sondern sie wird von der Bundesschülervertretung und Teilen des Bundeselternrats geteilt.

Die übergroße Mehrheit der Schüler ist noch nicht geimpft. Das unterscheidet die Schulen von anderen gesellschaftlichen Bereichen. Die vierte Welle läuft noch, und alle Prognosen sagen, sie wird im Herbst an Fahrt gewinnen. Sollen wir einfach der Durchseuchung zuschauen?

Es gibt ja an Schulen nur wenige Maßnahmen, die mehr Gesundheitsschutz bringen. Abstand wahren geht bei vollem Präsenzunterricht in der Regel nicht. Testungen gibt es, aber immer mit zeitlichem Abstand. Und die wenigsten Klassenzimmer haben Raumluftfilteranlagen. Also bleibt nur noch die Maskenpflicht. Jetzt auf sie zu verzichten halten wir deshalb für problematisch – noch dazu ausgerechnet vor den Herbstferien, wo wir wissen, dass danach die Reiserückkehrer das Virus wieder verstärkt in die Klassenzimmer tragen werden.

Bayern und Berlin In zwei Bundesländern ist seit Montag die Maskenpflicht an Schulen gelockert. In Berlin ist die Pflicht zum Maskentragen im Unterricht bis zur sechsten Klasse aufgehoben, in Bayern müssen im Unterricht generell keine Masken mehr getragen werden.

Andere Das Saarland hatte die Maskenpflicht an Schulen schon am Freitag als erstes Bundesland komplett aufgehoben. Brandenburg hat die Regeln ebenfalls gelockert. In Baden-Württemberg und Sachsen wird die Abschaffung erwogen.

Umstritten Über die Aufhebung der Pflicht wird seit Tagen erbittert gestritten. Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, hatte das generelle Festhalten an einer Maskenpflicht in Schulen als „unangemessen“ bezeichnet. Ärztepräsident Klaus Reinhardt äußerte sich ähnlich. Experten wie die Virologin Melanie Brinkmann warnen hingegen vor verfrühten Schritten. Das Coronavirus geht nach Daten des Robert-Koch-Instituts besonders stark bei Kindern ab dem Vorschulalter und bei Heranwachsenden um.

Viele Lehrer klagen selbst über die Masken, die sie im Unterricht behindern. Sprechen Sie mit Ihrer Haltung tatsächlich für die Lehrerschaft?

Natürlich gibt es in der Lehrerschaft geteilte Meinungen – wie in allen Gruppen der Gesellschaft. Der Vorsitzende eines Lehrerverbands kann nicht gegen die eigene Mitgliedschaft arbeiten. Sie können sicher sein, dass die Mehrheit der Lehrerschaft diese Position unterstützt. Nicht von ungefähr unterscheiden sich alle großen Lehrergewerkschaften genau in diesem Punkt kaum.

Sie sagen, die Aufhebung der Maskenpflicht komme zu früh. Wann sähen Sie den richtigen Zeitpunkt gekommen?

Spätestens, wenn alle Schüler ein Impfangebot hatten. An den weiterführenden Schulen wird das nicht mehr so lange dauern, da die allgemeine Impfempfehlung da ist und die Impfquote schnell steigt. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts haben bereits die Hälfte der Schüler über zwölf Jahre zumindest die Erstimpfung erhalten. Bei den Grund- und Förderschulen wird es noch etwas dauern.

Wenn es im Januar, wie das Bundesgesundheitsministerium vermutet, zu einer Impfzulassung für die jüngeren Schüler kommen sollte, dann hätte ich die Hoffnung, dass wir zum Zwischenzeugnis, also so im Februar, wieder deutlich mehr Normalität an den Schulen haben werden.

Grundschüler sollten Ihrer Meinung nach also noch ein halbes Jahr lang den ganzen Schultag Maske tragen?

Nicht unbedingt. Wir lehnen ja Lockerungen nicht kategorisch ab. Man muss halt genau hinschauen: Gibt es eine Filteranlage in der Klasse? Wie hoch ist das Infektionsgeschehen? Und wie intensiv wird getestet? Warum beispielsweise nicht an den Tagen auf die Maskenpflicht verzichten, an denen die Schüler gerade ein frisches Testergebnis vorliegen haben? Erleichterungen ja, aber bitte nicht unvorsichtig werden!

Wir sind grundsätzlich immer für ein differenziertes Vorgehen. Beispielsweise auch bei den Quarantäneregeln. Wir finden, dass man diese sehr wohl vom Impfstatus der Schüler wie auch Faktoren wie dem Vorhandensein einer Filteranlage abhängig machen sollte. Auf solche differenzierten Regeln könnte man sich auch bundesweit verständigen.

Zum Beispiel bei der Kultusministerkonferenz, die am Donnerstag wieder zusammenkommt.

Zum Beispiel. Meine Befürchtung ist allerdings eher, dass die KMK sich mal wieder nicht zu einheitlichen Regeln durchringen kann, sondern jedes Land macht, was es will. Da haben wir dann die Bandbreite von einem eher vorsichtigen Niedersachsen bis hin zu Thüringen, das es ohne Testungen und Maskenpflicht auf die Durchseuchung der Schulen geradezu anlegt.

Nun erkranken Kinder und Jugendliche nur sehr selten schwer an Covid-19. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat sich daher auch für eine Aufhebung der Maskenpflicht ausgesprochen.

Wir wissen, dass Kinder ein geringeres Risiko tragen. Aber die Hospitalisierungsquote ist bei Kindern auch nicht null. Wenn wir tatsächlich eine Durchseuchung der Schulen zulassen, müssen wir damit rechnen, dass bei etwa sieben bis acht Millionen ungeimpften Kindern mehrere Zehntausend Schüler ins Krankenhaus müssen. Und da stellt sich die Frage: Wollen wir das hinnehmen oder die Durchseuchung so lange hinauszögern, bis wir auch für die Jüngeren unter zwölf einen weitgehenden Impfschutz erreicht haben?

Auf der anderen Seite ist die Maske gerade für Grundschüler eben auch eine starke Belastung. Die wissen ja inzwischen kaum noch, wie ihre Lehrerin aussieht.

Klar ist die Maske eine Einschränkung. Ich habe selbst im vergangenen Jahr mit Maske unterrichtet. Aber es wird mitunter der Eindruck erweckt, als grenze dies an Kindesmisshandlung. So ist es ja auch nicht. Es ist halt die Frage, ob es eine Einschränkung ist, die man zugunsten des Gesundheitsschutzes noch hinnehmen muss.

67 Jahre alt und Gymnasiallehrer im Ruhestand. Seit 2017 ist er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, der 165.000 Lehrkräfte vertritt.

Wäre es nicht viel wichtiger, die Lücken bei den ungeimpften Erwachsenen zu schließen? Um am Unterricht teilzunehmen, muss ein Schulkind getestet sein. Ein Arbeitgeber darf seine Angestellten dagegen nicht einmal um einen 3G-Nachweis bitten. Stimmt da noch die Verhältnismäßigkeit?

Nein. Ich finde es auch völlig verfehlt, dass wir hier mit zweierlei Maß messen und in Betrieben keine 3G-Regeln herrschen. Nur kann man ja nicht wegen der Versäumnisse der Politik in anderen Bereichen sagen: Okay, dann schauen wir an den Schulen auch nicht so genau hin.

Müssen wir uns am Ende auch wieder auf Distanzunterricht einstellen?

Ich bin guter Dinge, dass wir diesmal drumherum kommen. Die Impfsituation ist schließlich eine ganz andere als vor einem Jahr. Aber dieser Optimismus beruht natürlich auch auf der Hoffnung, dass die Politik rechtzeitig reagiert, wenn die Inzidenzzahlen in die Höhe schnellen – mit konsequenter Testung, aber eben auch mit der Maskenpflicht.

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