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Leben mit Borderline„Wir brauchen positive Geschichten über diese Krankheit“

Sie gieren nach Aufmerksamkeit, sind manipulativ und beziehungsunfähig: Joelle Westerfeld räumt mit Stigmata über Borderline-Erkrankte auf.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Frau Westerfeld, Sie schreiben als Betroffene über das Phänomen Borderline. Was ist das überhaupt genau?

Joelle Westerfeld: Per Definition ist Borderline eine Persönlichkeitsstörung. Man kann aber auch von einem Persönlichkeitsmuster sprechen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen extrem große Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren. Und sie haben ein sehr unsicheres Selbstbild. Aus diesen beiden Thematiken entwickeln sich dann oft auch Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, da es zum Beispiel schwierig ist zu akzeptieren, dass man von anderen Menschen geliebt wird, wenn man ja selber gar nicht richtig versteht, wer man überhaupt ist.

taz: Mögen Sie kurz Ihre eigene Krankheitsgeschichte zusammenfassen?

Westerfeld: Als junges Mädchen von elf Jahren habe ich eine besondere Schwere und Trauer gespürt sowie eine Intensität der Gefühle, die für mich nicht einzuordnen war. Denn es ist ja schwer zu verstehen, dass man stärker fühlt als andere, weil man in die Menschen nicht hineinschauen kann. Über die Jahre ist das zu einer großen Last geworden. Ich hatte extrem starke Minderwertigkeitsgefühle sowie das ständige Gefühl, dass ich es gar nicht wert war, überhaupt zu leben.

taz: Und wie sind Sie damals damit umgegangen?

Westermann: Ich habe lange versucht, das mit mir selber auszumachen, bis mir dann irgendwann alles zu viel wurde und ich mit 18 Jahren in ein ganz großes Loch gefallen bin. Damals habe ich das Abitur abgebrochen und bin in ein psychiatrisches Krankenhaus gegangen. Da kam dann zum ersten Mal die Verdachtsdiagnose Borderline, doch die ist nicht leicht zu diagnostizieren, weil sie sehr unterschiedlich auftritt und jeder Mensch andere Symptome hat. Darum hat es bis zur tatsächlichen Diagnose noch ein paar Jahre gedauert.

Im Interview: Joelle Westerfeld

geboren 1997, arbeitet als freie Autorin, Podcasterin und Journalistin. 2026 erschien ihr erzählendes Sachbuch „Extrem fühlen – mein schrecklich schönes Leben mit Borderline“ im Rowohlt Verlag.

taz: War die Diagnose dann eine Erleichterung für Sie?

Westermann: Sie war natürlich eine Entlastung, weil man damit Zugriff auf die richtigen Therapien bekommt, die sehr erfolgreich sind. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Diagnose, die extrem stigmatisiert.

taz: Und wie wurden Sie dann geheilt?

Westermann: Die erfolgreichste Therapie für Borderline ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie von Marsha M. Linehan. Das ist eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie. Aber es wäre zu einfach zu sagen, dass nur diese Therapie für meine Heilung verantwortlich ist. Ich habe ein sehr gutes soziales Umfeld, ich habe viele Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht, ich bin erfolgreich in meinem Beruf und ich habe mich sehr viel mit meinem Körper auseinandergesetzt. Das sind alles Sachen, die in meine Heilung mit hineingespielt haben.

Lesung

„Extrem fühlen. Mein schrecklich schönes Leben mit Borderline“: Dienstag, 20.10., 19 Uhr, Roter Saal im Schloss, Schlossplatz 1, Braunschweig

taz: Sie schreiben in Ihrem Buch von Ihrem „schrecklich schönen Leben mit Borderline“. Was war denn das Schöne daran?

Westermann: Ich halte nichts davon, Krankheiten schönzureden. Aber trotzdem gibt es positive Aspekte. Borderline zeichnet sich dadurch aus, dass Betroffene oft extrem empathisch sind. Ich kann zum Beispiel an kleinsten Veränderungen der Mimik von meinem Gegenüber Stimmungswechsel feststellen. Und ich habe immer noch die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes. Einmal habe ich zum Beispiel einfach nur Schnecken auf einer Mauer beobachtet, die ich total schön und interessant fand. Für mich ist es etwas Besonderes, in den kleinen Dingen des Lebens etwas Schönes sehen zu können.

taz: Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Westermann: Nicht, weil ich unbedingt meine Geschichte erzählen wollte. Das habe ich tausendmal in Therapiesitzungen getan. Aber ich denke, dass wir solche positiven Geschichten über diese Krankheit brauchen, damit diese Stigmata verschwinden und Betroffene etwas in der Hand haben, das ihnen sagt: Es gibt Belege dafür, dass es euch in einigen Jahren deutlich besser gehen kann.

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