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Lauschig auf der Roten InselWas für ein schöner Abend

Allen geht es gut: Ein Radfahrer verliert seinen Pullover nicht, ein Jugendlicher feiert seinen Geburtstag, Wein trägt zu noch tieferer Entspannung bei.

F . und ich sitzen in einer dieser lauschigen Nächte auf der Roten Insel in Schöneberg an einem Tisch auf der Straße. Die Stadtluft ist schwer, aber sanft, wir essen Flammkuchen, trinken Wein. Ich bin tiefenentspannt. So könnte es immer weitergehen.

Ein Radfahrer verliert seinen Pulli im Fahren. Ich winke und rufe: „Da, Ihr Pulli!“ Er bedankt sich, fährt zurück und steht, um seinen Pulli aufzuheben, mitten auf der Kreuzung.

„Nicht dass er jetzt von einem Auto erfasst wird“, sage ich. „Das würde ich mir nie verzeihen.“ F. nickt: „Das mit den kleinsten Entscheidungen, die dann zu irgendwas Fatalem führen.“

In dem Moment rasen drei Jungs auf Rollern auf uns zu, lassen die Roller direkt vor unserem Tisch krachend fallen und rennen wie verrückt den Gehweg herunter. Wir sehen ihnen nach.

„Was war das jetzt?“, fragt F. „Hm“, mache ich. Die Jungs kommen wieder zurückgerannt und schnappen sich die Roller. „Entschuldigung!“, ruft der Größere, in einem schwarzen T-Shirt. „War 'ne Wette.“

„Ah gut. Wir dachten schon, es wäre was passiert“, sage ich. „Nee, ich hab Geburtstag!“ „Oh, na dann herzlichen Glückwunsch“, rufe ich. „Feiert ihr?“ „Ja, hab zum Rollern eingeladen.“ Er hält eine graue Geschenketüte hoch und sagt ziemlich stolz: „Guck mal, ich hab das Parfum bekommen. Kostet 300 Euro.“ „Wow, irres Geschenk!“, staune ich. Er sprüht sich davon aufs T-Shirt, eine süßliche Wolke weht herüber. „Riecht gut“, finde ich.

„Ja“, sagt er und lächelt. „Tschüss. Schönen Abend.“ Wir sehen ihnen nach und F. sagt: „Was für ein schöner Abend jetzt schon. Uns geht's gut, der Radfahrer hat seinen Pulli wieder, ohne überfahren worden zu sein, du musst dir nicht den Rest des Lebens Vorwürfe machen und die etwa 14-Jährigen feiern den Geburtstag mit viel zu teurem Parfum und rasanten Rollerfahrten.“

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Isobel Markus

Isobel Markus Autorin

Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen von ihr: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) und Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman und erschien im Juni 2024 bei mikrotext. In der Lettrétage veranstaltet sie die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bietet dort Künstler*innen verschiedener Genres eine thematische Bühne und regt zum Austausch mit dem Publikum an. https://isobelmarkus.de/salons https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
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