Per Fahrrad an die Ostsee: Mit Quallen schwimmen
Zwischen Fernweh und Strandfreuden: Ganz basale Erlebnisse im Nahverkehr und bei einem Fahrradausflug von Berlin über Wolgast bis nach Usedom.
J e näher ich dem Ort komme, desto weiter scheint er sich von mir zu entfernen. Existiert Wolgast wirklich?, frage ich mich denn auch. Und kriege ein Gefühl, dass sich die Kilometerangaben auf den Radwege-Schildern in seine Richtung kaum verändern. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als würden die Entfernung zunehmen.
Nicht, dass ich nach Wolgast möchte. Aber ich weiß: Wenn ich dort bin, ist die Ostsee nicht mehr so weit weg. Und dann kann ich hineinspringen. Dafür habe ich den weiten Weg von Berlin auf mich genommen: Um mit den Quallen zu schwimmen („Die sind lieb, die tun nichts“, wird mir am Abend eine Frau sagen, die an mir vorbeigeht); um zu spüren, wie sich meine Locken klebrig vom Salz anfühlen; um zu sehen, wie die Sonne hinter den Dünen verschwindet; und danach unter der Dusche, wie Sandkörner durch den Abfluss gespült werden.
Um sieben Uhr besteige ich mit dem Rad in Berlin-Südkreuz den RE3 Richtung Stralsund. Bis Bernau unterhalte ich mich mit einer Ärztin, die dort im Dienst ist und kurz vor der Rente steht. Wenn es so weit ist und sie nicht mehr arbeiten muss, wird sie auch wieder Fahrradtouren unternehmen – ohne Ziel, ohne Eile, erzählt sie. Ihre Augen glänzen dabei.
Nach dem Ausstieg in Greifswald trinke ich erstmal einen Kaffee am Hafen. Kurz darauf bin ich schon auf der Radstrecke, begleitet von Schmetterlingen und Vögeln, im Hintergrund das Geräusch von Traktoren. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und den Kiefernnadeln, die den Boden bedecken. Ich mache einige Pausen, zum Beispiel, um auf die Landkarte zu schauen, den Aussichtspunkt „Schlafende Bäume“ zu fotografieren oder mir noch einmal das Gesicht einzucremen.
Wolgast erreiche ich irgendwann nach fünf Stunden Fahrt plötzlich und ganz unerwartet. Viel sehe ich allerdings nicht von dem Ort. Ich überquere nur zügig die blaue Ziehbrücke über die Peene und bin schon auf Usedom. Später schaue ich vom Strand aus auf die Wellen und darauf, wie sich er sich von Karlshagen aus leert. Ich stelle mir vor, wie sich stattdessen die Pizzerien und Eisdielen der Straße füllen. Ich sitze im nassen Sand, öffne ein Bier und bin dann endlich angekommen.
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