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Lange Tage der StadtnaturZwischen Brennnessel und Blütenbutter

Bei einer Kräuterführung in der Gartenarbeitsschule Pankow ist die Stadt von ihrer grünen Seite zu entdecken – und eine fast vergessene Form des Lernens.

Die Gartenarbeitsschule, hier mit Beeten für Schulklassen Foto: Susanne Messmer

An diesem Sonntag scheint Berlin mit sich selbst im Reinen zu sein. Die Sonne steht über den Beeten der Gartenarbeitsschule Pankow, es weht eine angenehme Brise, es riecht nach feuchter Erde und Holunder. Nach dem für Berliner Verhältnisse traumhaft nassen Mai schießt die Vegetation förmlich aus dem Boden. Alles wirkt üppiger als sonst: die Stauden, die Kräuter, die Wiesen voller Salbei, Margeriten und Witwenblumen.

Zwischen den Beeten versammelt sich eine bunt gemischte Gruppe. Fünf Freundinnen Mitte zwanzig aus der Innenstadt, zwei Rentnerinnen, die gerade in die Seniorenresidenz gezogen sind und ihren Garten schmerzlich vermissen, Hobbygärtner:innen, die jede Pflanze fotografieren.

Im Mittelpunkt steht Elisabeth Scholz von der Gartenarbeitsschule. Sie führt die Gruppe durch die Pankower Anlage auf 13.000 Quadratmetern und spricht über Garten- und Wildkräuter mit einer Begeisterung, die ansteckt. Immer wieder bleibt sie stehen, streicht mit den Fingern über Blätter, reibt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und hält sie sich an die Nase. Dann wandert das Blatt durch die Runde.

Scholz erzählt von Pflanzen mit merkwürdigen Namen, alten Heilwirkungen und Anwendungen

Es wird gerochen, betastet, vorsichtig gekostet. Scholz erzählt von Pflanzen mit merkwürdigen Namen, alten Heilwirkungen und Anwendungen, darüber, dass Zitronenmelisse das Herz ruhig macht oder dass die nährstoffreichen Brennnesselblätter faltbar sind, ohne sich dabei wehzutun. Während sie spricht, wird deutlich, dass Pflanzen nicht nur betrachtet, sondern begriffen werden wollen – im wörtlichen Sinn.

Dass solche Erlebnisse möglich sind, verdankt sich den langen Tagen der StadtNatur, die an diesem Wochenende zu erleben waren. Die Veranstaltungsreihe wurde 2007 von der Stiftung Naturschutz Berlin gegründet, um die oft verborgenen Naturorte der Hauptstadt sichtbar zu machen. Inzwischen umfasst das Programm mehr als 500 Veranstaltungen an über 150 Orten. Zu den interessantesten zählen die Berliner Gartenarbeitsschulen.

Ihre Geschichte beginnt mit dem Berliner Volksschullehrer und Reformpädagogen August Heyn, der ähnlich wie Maria Montessori die Auffassung vertrat, dass Kinder am besten mit den Händen denken. 1920 gründete er die erste Gartenarbeitsschule in Berlin.

15 Berliner Gartenarbeitsschulen

Alles blüht und wuchert Foto: Susanne Messmer

In einer Zeit rasant wachsender Städte, schlechter Wohnverhältnisse und fortschreitender Industrialisierung wollte er Kindern unmittelbare Naturerfahrungen ermöglichen. Wie viele Reformbewegte ließ auch Heyn sich von den Nazis vereinnahmen und trat 1933 der NSDAP bei. Unabhängig davon haben viele seiner pädagogischen Grundgedanken bis heute Gültigkeit.

So werden bis heute 15 Berliner Gartenarbeitsschulen von den Bezirken mit Unterstützung des Landes Berlin finanziert. Sie bieten Umweltbildung für Schulklassen, Ferienprogramme und zunehmend auch Angebote für Erwachsene.

Zurück in Pankow. Die Gartenarbeitsschule wirkt wie eine Oase in der Stadt, ohne ihr den Rücken zu kehren. Die Besucher werden langsamer. Und als es schließlich daran geht, in der Küche unter freiem Himmel die Schnittlauchblüten, den Giersch und die Gänseblümchen zu einer Butter fürs frische Vollkornbrot zu verarbeiten, sieht man endgültig keine Handys mehr.

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