Neuköllner Gartenarbeitsschule feiert: Schule im Unruhestand

Die Gartenarbeitsschule in Neukölln wird 100. Leiterin Yasmin Mosler-Kolbe sieht aber nicht nur Grund zum Feiern: Es fehlt Personal.

Kind geht auf Schafe zu in der Gartenarbeitsschule in Neukölln

Bildungsarbeit mit Schafen: die August-Heyn-Gartenarbeitsschule in Neukölln Foto: picture alliance/Carsten Koall/dpa

BERLIN taz | Gerade mal drei Stationen mit der U7 außerhalb des S-Bahn-Rings, ein paar Schritte vom Bahnhof Parchimer Allee entfernt, ist Neukölln plötzlich sehr grün und riecht nach Schaf: Die Gartenarbeitsschule des Bezirks in der Fritz-Reuter-Allee liegt hinter einem Riegel aus Mietshäusern. Tritt man durch das Gartentor, läuft man an Blumenbeeten vorbei, nach rechts führt ein Weg zum Bienenhaus, geradeaus geht’s zu den Schafen. Ein Gärtner schiebt eine Schubkarre durch die Idylle, die am Wochenende 100-jähriges Jubiläum feiert. Bald steht man vor dem Haupthaus der Schule, wo die Leiterin Yasmin Mosler-Kolbe ihr Büro hat – und die verpasst der Idylle gleich mal einen Riss.

Dass der Bezirk bisher immer gut auf diesen mehr als drei Hektar – etwa fünf Fußballfelder – großen Lernort für die Kitas und Schulen im Bezirk aufgepasst hat, sei „wirklich etwas Positives“, sagt die Pädagogin. Im Gegensatz zu Gartenarbeitsschulen in anderen Bezirken – „solche Grundstücke wecken ja Begehrlichkeiten“ – habe das Areal bisher nie zur Diskussion gestanden.

Dennoch sagt Mosler-Kolbe, es werde „langsam richtig eng“: Die derzeitigen Projekte – 80 verschiedene Angebote – für Schulen und Kitas werde sie im bisherigen Umfang nicht mehr anbieten können: „Uns fehlt Personal, und zwar ganz erheblich.“

Die Gartenarbeitsschulen, 15 gibt es berlinweit, sind sogenannte außerschulischen Lernorte. Schulklassen und Kitagruppen können hier in Projekten lernen: zum Beispiel, wie man Schafwolle filzt oder wie aus Kürbis Suppe wird. Sie können mit den GärtnerInnen Blumenbeete umgraben, Blätter mikroskopieren, Getreide mahlen und lernen, woher die Biene den Honig hat. Etwa vier SchülerInnengruppen hat Mosler-Kolbe pro Tag, rund 30.000 Kinder und Jugendliche sind das pro Jahr. Pädagogische Stellen dafür hat sie genau eine zur Verfügung, nämlich sich selbst.

Die erste: Die August-Heyn-Gartenarbeitsschule in Britz, Fritz-Reuter-Allee 121, war die erste ihrer Art in Berlin, inzwischen gibt es 15 – in sämtlichen Bezirken. Gründervater Heyn hatte damals ganz ähnliche Absichten mit der Schule wie die Politik heute: Großstadtkindern einen Zugang zur Natur errichten.

Herbstfest: Am Samstag, 5. September, wird von 13 bis 18 Uhr gefeiert, wegen den geltenden Coronaregeln nur auf dem Außengelände. Auch die anderen Gartenarbeitsschulen Berlins stellen sich vor, auf einem kleinen Markt werden Äpfel, Honig, Konfitüre, Pflanzen und Wollprodukte verkauft.

Träger der Gartenarbeitsschulen ist das Bezirksamt. Von dort kommen die Mittel für die Sachausgaben, 45.000 Euro pro Jahr sind es im laufenden Doppelhaushalt – rund 20.000 Euro mehr als noch 2019. „Die Sachmittel sind nicht das Problem“, so Mosler-Kolbe. Auch die sechs GärtnerInnen werden vom Bezirk bezahlt; hinzu kommen 3.000 Euro Honorarmittel pro Jahr für freie MitarbeiterInnen. Doch vor allem ist Mosler-Kolbe auf die langzeitarbeitslosen Hilfskräfte („Ein-Euro-JobberInnen“) angewiesen, die wiederum über das Jobcenter kommen.

Langfristig planbar, und das ist das eigentliche Problem, sind diese Stellen nicht: Die Hilfskräfte, die den SchülerInnen beim Körbe flechten und filzen helfen, kommen über freie Träger in der bezirklichen Jugendarbeit. Die wiederum arbeiten projektfinanziert, die ihnen dafür zugewiesenen Stellen sind befristet. Eine Krux, über die viele Akteure in dem Bereich schon lange klagen – weil die Nachhaltigkeit von Bildungsangeboten so meist auf der Strecke bleibt.

Mosler-Kolbe tippt auf ein Flipchart, das sie hinter der Eingangstür des Hauptgebäudes aufgebaut hat und auf dem ein großer Smiley mit herunterhängenden Mundwinkeln prangt: „Da sind wir von 24 MitarbeiterInnen 2013 kontinuierlich runter auf nur noch vier in diesem Jahr“, sagt die Leiterin. „Da geht vor allem auch viel Wissen verloren.“

Aus dem Bezirksamt heißt es, die Schulstadträtin Karin Korte (SPD) suche „sehr bemüht und konstruktiv“ nach Lösungen in der Personalfrage. Doch für feste pädagogische Stellen ist eben die Senatsbildungsverwaltung zuständig. Und dort hat das Thema offenbar keine große ­Priorität, auf taz-Anfrage antwortet die Verwaltung zunächst nicht. Sprecher Martin Klesmann weist dann darauf hin, dass immerhin berlinweit 210 Schulstunden „nicht gegeben“, also nicht erteilt, würden – und zwar „trotz bundesweitem Lehrkräftemangel“ – weil die für Lehrkräfte vorgesehen seien, die in den Gartenarbeitsschulen im Einsatz seien.

Mosler-Kolbe sagt, sie wolle auf der Homepage der Gartenarbeitsschule künftig nur noch Projekte anbieten, für die sie auch das Personal zur Betreuung habe.

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