Landwirt über kleine Bauernhöfe: „Hofläden sind soziale Orte“

Im Verein Nordbauern schließen sich Kleinbetriebe mit Direktvermarktung zusammen. Ernst Schuster über Forderungen an die Politik und das Höfesterben.

Ernst Schuster steht vor einem Plakat des Vereins Nordbauern

Steht auch selbst im Hofladen: Ernst Schuster Foto: privat

taz: Herr Schuster, es gibt schon viele Bauernvereine – wozu braucht es die Nordbauern?

Ernst Schuster: Wir sind ein Zusammenschluss kleiner Betriebe, die alle Direktvermarkter sind. Und deren besondere Herausforderungen werden von den großen Verbänden nicht ausreichend berücksichtigt.

Welche?

Wir haben damit angefangen, unsere Produkte gegenseitig in den Hofläden anzubieten und die Logistik zu verbessern. Aber wenn es um Online-Verkauf geht, stoßen die Kleinbetriebe auf Hindernisse. Direktvermarkter, die Fleisch produzieren, haben im Direktverkauf Sonderregeln. Doch wenn die Ware über das Internet vertrieben wird, braucht es eine EU-Handelszulassung. An solchen Vorgaben scheitern Kleinbetriebe. Wir haben die Politik angeschrieben und warten auf Antwort.

Sehen Sie einen Trend zu regionalen Produkten, und schlägt sich das auch in den Preisen nieder?

Immer mehr Verbraucher kommen in die Hofläden und kaufen nicht nur unser Obst, sondern auch die Produkte der Kollegen. Alles wird gut angenommen und die Preise werden akzeptiert. Unsere Kunden wollen den direkten Kontakt zu ihrem Bauern.

Sie stellen heute einen Forderungskatalog vor. Warum?

Ernst Schuster, 70, hat den Hof „Obstquelle Schuster“ in Schwentinetal bei Kiel von seinen Eltern übernommen und den Betrieb in 30 Jahren ausgebaut, unter anderem mit einem Hofladen. Seit 2013 kämpft er als Vorsitzender des Nordbauern e. V.mit 50 Betrieben für bessere Bedingungen für Kleinbetriebe.

Wir haben 2017 schon ein Papier an die Politik übergeben, aber sind bisher nicht wahrgenommen worden. Jetzt, angesichts der Diskussion über die Lage der Landwirtschaft, sind wir der Auffassung, dass wir speziell auf die Fragen der Kleinen in der Lebensmittelversorgung hinweisen müssen. Das betrifft sowohl die Bauern mit der Urproduktion als auch die aussterbenden Verarbeitungsbetriebe.

Sie fordern zum „Umdenken in der Agrarpolitik“ auf. Müssten nicht zuerst die Bäuer*innen umdenken?

Ich denke, dass wir einen intensiven Dialog mit Verbrauchern führen müssen, um die gegenseitigen Positionen zu verstehen. Aber wir dürfen nicht nur fordern, sicher muss sich Landwirtschaft ändern.

Müsste die EU-Förderung anders aussehen?

Auf jeden Fall, das haben wir bereits 2017 gefordert. Kleinere Betriebe sind von der Flächenförderung besonders bedroht, eine Änderung hat sich noch nicht durchsetzen lassen. Aber inzwischen wird im Land und auf EU-Ebene über neue Förderrichtlinien diskutiert. Eine Idee dabei ist, Landwirtschaft auf den Ebenen „Energieproduktion“, „Massenmarkt und Export“ und „ländliche Versorgung und Strukturentwicklung durch Kleinbetriebe“ zu denken. Wir fordern, vor allem auf die Regionalversorgung durch Hofläden zu schauen, die gleichzeitig soziale Einrichtungen sind.

In der EU laufen Prozesse sehr langsam – reicht das, um das Höfesterben aufzuhalten?

Die Höfe sterben seit Jahrzehnten. Man kann das nicht aufhalten, nur strukturell verlangsamen. Wir dürfen aber nicht von einem Tag auf den anderen einen Schnitt machen, das würde Betriebe in den Ruin treiben. Neue Regeln brauchen Zeit. Aber wir diskutieren seit 50 Jahren, ein Umdenken ist jetzt erforderlich.

In Schleswig-Holstein gab es Proteste gegen den Schutzstreifen an den Knicks, bundesweit gingen Bäuer*innen gegen die Einschränkung von Gülle und Pestiziden auf die Straße – kann es so weitergehen?

Auf keinen Fall! Dadurch, dass die großen Interessenverbände Neuerungen abblocken, haben sie Schäden angerichtet. Wir reden seit 30 Jahren über neue Methoden und Biotechnologien, die uns helfen, unter anderem das Nitratproblem zu lösen. Es ist doch verrückt: Wir lassen Mikromaschinen durch den Körper fahren, können aber kein Wasser filtern? Wir schlagen vor, dass man mehr in die Entwicklung zeitgerechter Verfahren stecken muss und Betriebe, die sich darauf einlassen, stärker fördert als die, die nach Großvätersitte weiterarbeiten.

Müsste insgesamt weniger produziert werden?

Wir reden ja nicht nur über die Verschmutzung von Grundwasser und anderen Umweltproblemen, sondern gleichzeitig über die Welternährung. Wir importieren heute Massenware aus den Tropen, dabei haben wir in Europa die besten Böden und Bedingungen, daher wäre es sinnvoller, mit den hier erzeugten Waren nicht im Supermarkt für Dumping zu sorgen, sondern sinnvolle und zielgerichtete Warenströme zu organisieren. Gegen den Preisverfall ist auch die Politik gefordert, die etwa beim Kantinenessen auf Niedrigstpreise achten. Bei 2,50 Euro für ein Mittag muss man sich nicht wundern, wenn Betriebe in der Region sterben.

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