Landtagswahl in Baden-Württemberg: Mit Palmer und mit Blaskapelle
Grüne können doch noch Wahlen gewinnen: Cem Özdemir hat einen zweistelligen Rückstand in einen leichten Vorsprung verwandelt. Und Grenzen ausgetestet.
Cem Özdemir geht es ruhig an. Als die erste Hochrechnung am Sonntagabend die Grünen knapp vor der CDU zeigt, wird der Spitzenkandidat von den Parteifreund:innen in Stuttgart jubelnd empfangen, als zöge er bereits in die Staatskanzlei ein. Özdemir lässt den Beifall zu, dämpft aber, man sei in Baden-Württemberg immer schon ein „bissle skeptisch.“ Und dennoch tritt er kurz nach halb sieben schon auf wie der künftige Ministerpräsident – mit einer begütigenden Adresse an CDU, den künftigen Koalitionspartner: Das werde eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Triumph schwingt nur an einer Stelle mit: „Das war eine fulminante Aufholjagd.“ So war es.
Özdemir hat eine Mission Impossible angetreten – und erfüllt. Es habe nur am Kretschmann-Bonus gelegen, dass ein Grüner länger als jeder andere Ministerpräsident im Südwesten regiert habe, so hieß es lange Zeit. Noch im Herbst lagen die Grünen 14 Prozent hinter der CDU.
Für Özdemir, der als Minister aus der gescheiterten Ampelregierung kommt, und seine Grünen ein schier uneinholbarer Rückstand. Özdemir bekommt von den Grünen die politische Beinfreiheit, die er verlangt: Vom Verbrenner-Aus bis zur Migration testet er die Leidensfähigkeit seiner Partei.
Mit Erfolg: Überall, wo er hinkommt, sind die Säle voll. „Der ist halt ein Popstar“, freuen sich die grünen Kommunalpolitiker und beobachten mit Stolz, dass sich auch die Gemeinderatskollegen der anderen Fraktionen in die Veranstaltung schleichen, weil sie halt mal den Cem sehen wollen.
Während die Grünen im Bund weiterhin bei 14 Prozent liegen, belebt Özdemir in seinem Wahlkampf unbeirrt Habecks totgeglaubten Traum von der Grünen Volkspartei wieder. Der Pragmatiker zeigt der Partei, wie breit sie sein könnte: Er holt den grünen Mitbegründer und ersten Fraktionschef in Baden-Württemberg Wolf-Dieter Hasenclever von der FDP zurück, setzt aber auch ganz bewusst auf die Parteilinke Ricarda Lang. Sie ist eine der wenigen Bundes-Grünen, die für Özdemir wahlkämpfen darf.
„Sein Erfolg, seine Niederlage“
Nach Weihnachten scheint der Özdemir-Zug trotzdem erst mal nicht so richtig in Schwung zu kommen. Die letzte Umfrage ist Monate alt, Plakate und Kampagne erscheinen manchen Parteimitgliedern allzu staatstragend, das grüne Logo muss man mit der Lupe suchen. Langsam scheint auch die Geschichte vom Migrantenkind Cem, der ganz an die Spitze will, auserzählt. In Berlin sagten Parteifreunde hinter vorgehaltener Hand: „Wenn er gewinnt, ist es sein Erfolg, wenn er verliert, seine Niederlage.“
Özdemir hält seinen Kurs und wagt die Provokation, nicht nur für Parteilinke: Er resozialisiert Boris Palmer, den Ex-Grünen Oberbürgermeister von Tübingen. Er lässt sich von ihm am Valentinstag vermählen, und lässt offen, ob er ihn zum Minister machen will. Mit Palmer und Blaskapelle macht er jetzt Veranstaltungen, die wie eine CSU-Karikatur wirken – nur eben auf Schwäbisch.
Es läuft. Bis Ende Januar die Grünen im Europaparlament das Mercosur-Freihandelsabkommen zunächst stoppen, zusammen mit Linken und AfD. Da sind sie wieder, die europafreundlichen Grünen, die aber, wenn's drauf ankommt, kleinliche Bedenkenträger sind. Die CDU reibt sich die Hände. Özdemir nutzt den Vorfall, um klarzumachen, dass er anders ist. Einer, der weltpolitische Folgen immer im Blick hat. Trump, die Ukraine und ein einiges Europa sind jetzt fester Bestandteil seiner Reden. Nicht alle Ideen seiner Parteifreunde seien gut, sagt Özdemir, nicht immer machten sie es einem leicht. Mit einem Anflug von Ironie spricht er von den Bundes-Grünen als „Schwesterpartei“.
Özdemir ist auch ein Kämpfer, der zur Hochform aufläuft, wenn ihm der Wind ins Gesicht bläst. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu seinem Mitbewerber Manuel Hagel. Hagel und sein Team werden patzig, als durch die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer ein acht Jahre altes Video von Hagel viral geht, in der der damalige Generalsekretär seiner Partei von einem Schulbesuch und den „rehbraunen Augen“ einer 16-Jährigen schwärmt. Eine „Schlammschlacht“ wirft die CDU nun Özdemirs Team vor. Die gleiche CDU übrigens, die zwei Jahre vorher nichts dabei fand, dass der Aschermittwoch der Grünen in Biberach von gewalttätigen Bauern verhindert wurde, bei dem auch Polizisten verletzt wurden. „Das träfe die Richtigen“, gab damals der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Hauk seinen Kabinettskollegen eine mit.
Alter Hase gegen Newcomer
Während dieser Bauernproteste 2024 hatte Özdemirs Wahlkampf in Baden-Württemberg eigentlich schon begonnen. Im Winter stellte er sich stundenlang auf Traktoranhänger und ließ sich für Entscheidungen, die die Ampelregierung über seinen Ministerkopf hinweg gefällt hatte, ausbuhen. Er hielt flammende Reden und wurde von den Bauern am Ende mit zumindest anerkennendem Applaus verabschiedet. „Da steht einer hin“, sagen sie im Südwesten, wenn jemand bereit ist, auch die Kloppe einzustecken. Auch deshalb konnte das negative Image des „Ampelministers“ nicht mehr recht verfangen.
Alter Hase gegen Newcomer, damit hat Kretschmann die CDU zweimal geschlagen. Aber Özdemirs Wahlkampf hat eine andere Intonation als der des Gymnasiallehrers Kretschmann. Özdemir verbindet die Forderungen nach einem letzten kostenlosen Kita-Jahr mit seinen frustrierenden Erlebnissen als Gastarbeiterkind. Er wisse, wie es ist, wenn man die Prognose hat „nie richtig Deutsch zu lernen“.
Er sagt als Migrantenkind aber auch für Grüne harte Sätze zur Migration und kritisiert das CDU-Justizministerium demonstrativ von rechts. Sie hätten einem kriminellen Familienclan Geld dafür bezahlt, das Land zu verlassen, und gleichzeitig Asylbewerber mit Einser-Abitur abgeschoben. „Bei mir dürfte der Abiturient bleiben und die Familie würde abgeschoben“, so Özdemir.
Der Februar bringt im grünen Wahlkampf die Wende. In der gleichen Woche, in der Hagel durch das „Rehaugen“-Video bundesweit bekannt wird, kommen neue Umfragen. Die Grünen verkürzen den Abstand auf zwei Prozent und das, obwohl die CDU kaum verliert.
Die letzten Wahltermine werden ein kleiner Triumphzug. In Mosbach am nordöstlichen Zipfel von Baden-Württemberg steht Özdemir Anfang März vor der Kneipe „Tante Gerda“. Über 500 Mosbacher sind gekommen: Studenten der dualen Hochschule, Schüler:innen, Rentner. Auf den Balkonen gegenüber haben sie die Handys gezückt, auf dem Stromkasten stehen sie, um ihn besser sehen zu können. Özdemir lobt die Provinz, die hier überall Weltklasseprodukte abliefere, und wird dafür bejubelt, er zitiert den Heidelberger Gelehrten Gadamer. Da herrscht für einen Moment nachdenkliche Stille. Man merkt, da nimmt einer die Leute mit.
Kann er auch regieren? In einem Land, das gerade einen dramatischen Strukturwandel erlebt? Und das mit einer verwundeten CDU? Das wird die nächste Prüfung des Cem Özdemir.
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