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Kyjiw unter heftigem BeschussEine Drohne kommt nie alleine

In der Nacht zum Samstag fand einer der längsten Luftangriffe auf die Hauptstadt seit Kriegsbeginn statt. Und Selenskyjs Ex-Stabschef zieht es wohl an die Front.

Bernhard Clasen

Aus Kyjiw

Bernhard Clasen

Es dürfte wohl einer der längsten Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt gewesen sein. Am Freitagabend kurz von 23 Uhr riefen die Kyjiwer Behörden Luftalarm aus. Daraufhin waren die ganze Nacht die dumpfen Geräusche der Luftabwehr zu hören und das eindringliche Surren der Drohnen, gefolgt von Gewehrsalven.

Man weiß es inzwischen in der Bevölkerung: Wo aus Maschinengewehren gefeuert wird, fliegen Drohnen. Und man weiß auch: Eine Drohne kommt nie alleine. Wer ein Flugobjekt entdeckt und auch getroffen hat, kann sich sicher sein, dass die Gefahr noch nicht vorüber ist. Erst am Samstagmorgen um 9.30 Uhr wurde der Luftangriff aufgehoben. Und erst dann konnten sich viele Kyjiwer Bewohner schlafen legen.

Russland hatte eine massive kombinierte Raketen- und Drohnenattacke auf Kyjiw durchgeführt. 400 Drohnen, vier Kinschal-Raketen und 35 Marschflugkörper wurden in Richtung der ukrainischen Hauptstadt geschickt, meldet Serhi Jagodsinski, stellvertretender Leiter der Europäischen Universität, auf Telegram. Aus mehreren Stadtteilen wurden Einschläge, Brände und erhebliche Schäden an Wohngebäuden gemeldet. Nach aktuellen Angaben gibt es zwei Tote und mindestens 15 Verletzte, darunter auch Kinder.

Schwere Schäden in mehreren Bezirken

Nach Informationen der Stadtverwaltung und von Bürgermeister Vitali Klitschko wurden in Darnyzkyj, Schewtschenkyj, Solomjanskij, Swjatoschyner und Dniprovskiy zahlreiche Einschlagstellen registriert. Trümmerteile abgeschossener Raketen trafen sowohl Hochhäuser als auch niedrigere Wohngebäude. Mehrere Wohnungen sind in Brand geraten. Im Westen der Hauptstadt werden Stromausfälle gemeldet.

Auch im russischen Belgorod sind zivile Opfer zu beklagen. Bei einem Luftangriff sei eine junge Frau getötet, ein Kind schwer verletzt worden, berichtet der Gouverneur des Gebietes, Wjatscheslaw Gladkow, auf seinem Telegram-Kanal. Gleichzeitig meldet der Gouverneur Schäden an der örtlichen Energieinfrastruktur und kündigte Stromabschaltungen an. Bewohnern frei stehender Häuser empfiehlt er die Anschaffung von Stromgeneratoren.

Das russische Taganrog wurde ebenfalls in der Nacht angegriffen. Acht Brände seien lokalisiert und gelöscht worden, Verletzte habe es nicht gegeben, berichtet die Bürgermeisterin Swetlana Kambulowa auf Telegram.

Andri Jermak zurückgetreten

Nachdem am Freitagmorgen bekannt geworden war, dass die Antikorruptionsbehörden NABU und SAP bei dem der Korruption verdächtigten Leiter der Präsidialadministration, Andri Jermak, eine Hausdurchsuchung durchgeführt haben, ist dieser noch am gleichen Tag von seinem Amt zurückgetreten.

Kurz nach der Meldung seines Rücktritts berichtete die New York Post, Jermak wolle sich zum Dienst bei der Armee melden. „Ich gehe an die Front und bin auf jede Vergeltungsmaßnahme vorbereitet“, zitiert das Blatt Andrij Jermak am Freitagabend. „Ich bin ein ehrlicher und anständiger Mensch.“

Die Frage ist, wie es nun mit den Verhandlungen um eine Beendigung des Krieges weitergeht, war doch Jermak maßgeblich an diesem Prozess beteiligt. Eigentlich hätte er am heutigen Samstag zu Gesprächen mit der US-Regierung reisen sollen. Jetzt soll sich Ex-Verteidigungsminister Rustem Umerov in die Vereinigten Staaten begeben.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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1 Kommentar

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  • Philippo1000

    Danke für die aktuelle Berichterstattung.



    Es ist nicht zu leugnen, dass sich ein gewisses Desinteresse breit macht.



    Die verschiedenen Korruptionsaffären haben die Befürchtung genährt, dass Fördergeld in dunklen Kanälen versickert.



    Die Verhandlungen müssen voran getrieben werden, bevor die Unterstützung, mit Verweis auf die Korruption, versiegt.



    Der Versuch Selenskys, die Antikorruptionsbehörden zu entmachten und die Skandale, die auf den gescheiterten Versuch folgten, zeichnen ein schmutziges Bild.



    Es bedarf schon außerordentlich großem Wohlwollens, zu glauben, der Präsident habe von alldem nichts gewusst.



    Dass "Verhandlungen" mit und unter den Unterstützen der Ukraine nötig sind, ist schon ein Witz. Dass davon ausgegangen wurde, dass Russland dies Ergebnisse akzeptiert, wirklichkeitsfremd.



    Es geht um Verhandlungen mit Russland und das Papier vorheriger Vereinbarungen ist da nur Makulatur.



    Militärisch gerät die Ukraine ins Hintertreffen. Es muss endlich Schluss sein mit Traumschlössern und zurück auf dem Boden der Realität verhandelt werden.



    Womit sind weitere Opfer des Krieges zu rechtfertigen?



    Besser wird es nicht.