Kuschelnde Tiere im Internet: Zum Fressen gern

Im Internet sind Videos angesagt, in denen Tiere unterschiedlicher Art miteinander kuscheln. Was sagt das über die Tiere – und was über die Menschen?

Ein Tiger und ein Bär reiben die Köpfe aneinander.

Teilen sich schon lange ein Gehege: Ein Tiger und ein Bär in einem Tierheim in Locust Grove / USA Foto: dpa / Erik S. Lesser

„Warum kann ich nicht aufhören mir diese Tiervideos anzusehen, wo zwei ganz verschiedene Tiere sich gern haben?“, fragt die Freundin am Tisch bei Maispoularde und Bier.

„Wegen der Harmonie – Tiere sind im Internet die besseren Menschen!“, sagt der Freund.

„Noch beliebter als Katzen sind Katzen mit Papageien!“

„Ich sah neulich, wie eine Katze ein Küken putzt, das Video hab ich mir bestimmt ein Dutzend Mal angeguckt, bis ich mir völlig hirnverbrannt vorkam.“

„Harmonie macht eben süchtig, ich liebe das Video mit der Katze, die am Teich mit dem Koi-Karpfen schmust.“

„Du liebst es, weil sie den Fisch nicht tötet oder frisst – das ist es, was dich so glücklich stimmt!“

„Aber wieso frisst die Katze das Küken eigentlich nicht, warum putzt sie es stattdessen?“

„Vielleicht hat sie das Küken später gefressen.“

„Ja, als die Kamera aus war, wir waschen ja auch unseren Salat.“

„Ihr seid doch scheiße, warum können verschiedene Tiere sich nicht einfach mal liebhaben?“

„Normal, wir finden ja auch Tiere niedlich, die wir essen, und obwohl wir anders kommunizieren als sie und all das!“

„Ja, aber wir können im Internet nachlesen, was die meinen, wenn sie mit dem Schwanz wedeln. Hund und Katze wissen das nicht und kuscheln trotzdem, das ist so vorbildlich emotional progressiv.“

„Der Feind als Freund, ‚Love is the answer!‘ Das ist es, wonach alle gieren – jetzt, seit Russland, noch mehr.“

„Kennt ihr das Video, wo der Hund am Ufer mit dem Delfin schmust, das ist so schön, alle lieben es!“

„Nee, das war auf jeden Fall ’ne woke Katze!“

„Hund oder Katze, egal, warum treten die in Kontakt mit ’nem Meeresbewohner? Das hätten die doch gar nicht nötig!“

„Der Feind als Freund, ‚Love is the answer!‘ Das ist es, wonach jetzt alle gieren“

„Ja, was haben die davon?“

„Na ja, sich einfach mal neuen Perspektiven oder Lebenswelten annähern, warum sollte ein Tier da kein Interesse haben?“

„Ich glaub, da geht es platt um spontane Liebe.“

„Liebe? Ich bitte dich, maximal Sympathie.“

„Neugierde, es ist blanke Neugierde, davon haben Tiere ’ne ganze Menge.“

„Curiosity kills he cat!“

„Ach komm, Neues birgt immer Risiken, deshalb ist es nicht schlecht.“

„Aber Katzen sind sonst eher skeptisch, Hunde finden alles toll und können mit jedem.“

„Golden Retriever vielleicht.“

„Die sind so hübsch!“

„Aber auch doof.“

„Lieb, nett und hübsch heißt nicht gleich doof!“

„Doch.“

„Du bist sowieso ’n Tierhasser, Hund, Katze, Maus, pauschal.“

„Das ist so nicht richtig, ich mag Eulen.“

„Du kennst doch gar keine Eule.“

„Ich muss doch keine Eule kennen, um sie zu mögen.“

„Was magst du denn aus der Ferne an ihnen?“

„Natürlich, dass sie ihren Kopf um 270 Grad drehen können, sie sind Meisterinnen darin, alles im Blick zu behalten und haben dabei das perfekte Pokerface!“

„Ja, aber nur, weil sie ihre Augen nicht bewegen können.“

„Nee, sie raffen alles, aber mischen sich nicht ein, sind lässig entspannt und lächeln auch nicht in der Gegend herum!“

„Kein Tier kann lächeln!“

„Aber hecheln.“

„Immer auf die Hunde, nur weil die so nett sind.“

„Einige töten Katzen.“

„Katzen töten Vögel.“

„Immerhin nicht im Internet.“

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Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr letzter Roman „Hotel Jasmin“ ist im Tropen/Klett-Cotta Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im Zwei-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.

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