Kunst über genderfluides Theater: Auch schwanger spielte sie noch den Romeo
siren eun young jung lotet im Württembergischen Kunstverein mit Videos die Untiefen der Genderfluidität aus. Ihr Fokus: eine koreanische Theaterbewegung.
Das Neue ist nicht selten das Alte, das ist wenig überraschend. Manchmal aber haut es einen dann doch um. Wenn nämlich eine vergessene Geschichte ans Licht kommt, wie die des Yeoseong Gukgeuk, einer koreanischen Theaterbewegung in den späten 1940er Jahren.
In der wurden alle Rollen von Frauen gespielt. Das bewegte die südkoreanische Künstlerin siren eun young jung zu einem monumentalen Beitrag zur Genderdebatte. Ihre „theatre“-Trilogie ist im Württembergischen Kunstverein Stuttgart nun erstmals in Europa komplett zu sehen.
Elektropop durchpulst die große abgedunkelte Halle. Er vermischt sich mit den Trommelschlägen traditioneller koreanischer Musik zu einem atemberaubenden Soundtrack des immersiven Videos „Sick Seoul“.
Siren eun young jung: „resistant theatre“. Württembergischer Kunstverein Stuttgart, bis 2. August
Die Filmcollage im Panoramaformat ist das Herzstück des letzten Teils der Trilogie der Künstlerin mit dem Titel „resistant theatre“. Es zeigt Aufnahmen der Massenproteste gegen den damaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol, der im Dezember 2024 eigenmächtig das Kriegsrecht ausrief. Verschränkt hat sie diese Bilder mit Reenactmentaufnahmen einer traditionellen Tanzgruppe, die ebenfalls an den Demonstrationen teilnahm – geschmückt mit Bändern in den Farben des Regenbogens.
Seit 2008 beschäftigt sich die 1974 in der Millionenstadt Incheon im Nordwesten Südkoreas geborene jung mit dem Frauentheater Yeoseong Gukgeuk. Das war in den 1950er- und 1960er-Jahren in Südkorea populär.
Nach den ersten Recherchen knüpfte sie Kontakte zu den Schauspielerinnen, die einst als Männer auf der Bühne standen – als Narr, romantischer Held oder Bösewicht, Figuren eines traditionellen Gesangstheaters. Die Künstlerin filmte die Pionierinnen des Frauentheaters vor dem Schminkspiegel, während sie sich noch einmal für die Kamera in einen der drei maskulinen Charaktere verwandelten.
Manchmal habe sie sich nach ihrem Auftritt als Mann gefühlt, erinnert sich eine der Schauspielerinnen. Eine andere verrät, dass sie mehrere Monate lang schwanger den männlichen Part in „Romeo und Julia“ gespielt habe, eine der Adaptionen westlicher Klassiker des Frauentheaters damals.
Berührende Vielfalt emotionaler und sexueller Lesarten
Die Gründung des Yeoseong Gukgeuk war Ende der 1940er Jahre eine Reaktion auf patriarchale Missstände in der Theaterszene. Durch die weibliche Besetzung der Heldenfiguren entfaltete sich unbeabsichtigt eine berührende Vielfalt emotionaler und sexueller Lesarten.
„Ich nutze das Theater als metaphorisches Werkzeug für Performativität“, sagt die in Südostasien recht prominente Künstlerin im Gespräch. „Ich denke, dass die pure Existenz nicht als solche existiert. Wir sind gezwungen, in unserem Leben Rollen zu spielen, um uns klar darüber zu werden, wer wir sind.“
Im Werk von jung, die 2019 zusammen mit Jane Jin Kaisen und Hwayeon Nam den südkoreanischen Pavillon der Biennale von Venedig gestaltet hat, geht es um Minderheiten aller Art, um Protestformen, die Eroberung des öffentlichen Raums und um eine neue Form von universaler Kunst.
In der Stuttgarter Ausstellung ist ein Langzeitprojekt zu sehen, das überzeugend Archivrecherche, Dichtung, Theater, Video und Musik verbindet. Am 10. Juli wird dort auch die gefeierte Elektropop- und trans* Musikerin Kirara aus Seoul zu Gast sein.
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