Kulturhaus Danziger50 in Prenzlauer Berg: Abgang mit Thermoskanne
In Prenzlauer Berg verschwinden Orte, die von einer anderen Stadt erzählen: Die Danziger50 schließt nach 20 Jahren – und zieht mit ihrem Mitgründer weiter.
Das Backsteinhaus in der Danziger Straße fällt sofort ins Auge. Bis zum ersten Stock kleben Schicht auf Schicht Paste-ups und Stencils, Graffiti ziehen sich wie wuchernde Zweige durch. Während ringsum sanierte Altbauten in gedeckten Farben vor sich hin glänzen, wirkt dieses Gebäude wie ein trotziges Relikt – lebendig, widerspenstig, ein wenig aus der Zeit gefallen. Eines, das sich nicht hat sauber sanieren lassen, bis jetzt jedenfalls nicht.
Im dritten Stock öffnet sich die Tür. Thilo Schwarz-Schlüßler steht schon da, mit festem Händedruck rechts und einer Thermoskanne Kaffee links, als hätte er die Szene genauso bestellt. Hinter ihm stapeln sich halbvolle Umzugskartons, dazwischen die letzten Reste eines Betriebs, der eigentlich schon weg ist. Ende Mai ist Schluss. Das Kulturhaus macht dicht. Der Umzug von Prenzlauer Berg nach Kreuzberg läuft längst. Im alten Kiez bleibt – wieder einmal – eine Lücke, die vermutlich schnell wieder sehr ordentlich geschlossen wird.
Schwarz-Schlüßler erzählt das alles ohne jedes Pathos. Eher wie jemand, der eine Rechnung abschließt. Er ist Mitbegründer des „Zentrums Danziger50“, gemeinsam mit Barbara Schwarz und Alexander Zerning. 2006 unterschrieben sie einen Mietvertrag mit dem Bezirk: 15 Jahre, später um fünf verlängert. Zwanzig Jahre also. „Wir haben den Mietvertrag einfach abgewohnt“, sagt er, und es klingt ein bisschen so, als hätte er damit schon alles gesagt.
Was hier entstanden ist, war kein Kulturhaus im üblichen Sinne, eher eine Art laufende Unordnung. Freie Kultur, kleine Vereine, Initiativen – ein Ukulele-Orchester, die Theatertruppe Kulturschlund – fanden Räume, die sie sich sonst nicht hätten leisten können. Finanziert wurde das Ganze durch die pragmatischste aller Berliner Lösungen: Quersubvention. Tanzschule, Workshops, alles, was zahlte, trug das, was sich nicht tragen konnte, aber stattfinden musste. Ein Modell, das erstaunlich lange hielt.
Eine andere Vorstellung von Öffentlichkeit
Angefangen hat es, wie so vieles in Prenzlauer Berg, mit einer Mischung aus Improvisation und Größenwahn. Der Kulturverein Prenzlauer Berg, hervorgegangen aus den Resten des Kulturbundes der DDR, war ein Zusammenschluss von Menschen, die aus heutiger Sicht skurril anmuten: Guppy-Züchter, Esperanto-Sprecher, Zinnsoldatensammler. Tatsächlich war es schlicht eine andere Vorstellung davon, wie Öffentlichkeit funktioniert, und zwar nicht als Angebot von oben, sondern als selbstgemachte Praxis von unten.
Mit diesem Selbstverständnis und der Idee, Kultur für Kinder zu machen, bewarb sich der Verein auf das Haus in der Danziger Straße – ein ehemaliges Rektorenwohnhaus von 1896, das zu einem Schulkomplex gehörte. Als sie es übernahmen, war es eine Ruine. „Man konnte vom Dach bis in den ersten Stock runtergucken“, sagt Schwarz-Schlüßler. Also wurde gebaut, organisiert, beantragt. Anderthalb Millionen Euro kamen zusammen, aus Klassenlotterie, Denkmalschutz und allem, was sich anzapfen ließ. Im Betrieb dann: keine Förderung. Stattdessen Miete. Über 55.000 Euro im Jahr. Eine Viertelmillion in fünf Jahren. Freie Kultur, die ihre eigene Existenz finanziert und nebenbei noch den Bezirk.
Aus dem geplanten Kinderkunsthaus wurde mit der Zeit etwas anderes. Erst Nachbarschaft, dann Szene, schließlich ein Ort für alles, was sonst keinen Ort mehr fand. Lesungen, Theater, Workshops, aber auch Bildungsangebote – ein wachsendes Durcheinander, das gerade deshalb funktionierte. Bis es nicht mehr passte.
„Zehn Jahre nachdem wir hier angefangen haben, zogen die Preise noch mal richtig an“, sagt Schwarz-Schlüßler. „Und dann kamen Menschen, die sagten: Wir wollen hier unsere Ruhe.“ Es ist einer dieser Sätze, die in Prenzlauer Berg inzwischen schon zur Folklore gehören – und trotzdem trifft er.
Erst verschwinden die mit wenig Geld
Denn die Geschichte ist bekannt und wirkt doch jedes Mal neu, wenn sie jemanden konkret betrifft. Erst verschwinden die mit wenig Geld, dann die mit mittlerem. Übrig bleibt eine Schicht, die sich ihr Refugium in der Stadt leisten kann – notfalls für zwei Millionen unter dem Dach. „In meinen Augen nicht mal ein Viertel wert“, sagt Schwarz-Schlüßler und lächelt dabei nicht einmal besonders ironisch.
Er kennt diese Entwicklung nicht aus der Theorie. Anfang der 90er saß er auf dem Kollwitzplatz, demonstrierte gegen Gentrifizierung, machte Feuer, das später als „Krawall“ etikettiert wurde. Später besetzte er Häuser in Friedrichshain. Heute grinst er über die Leute, die ein paar Straßen weiter in Frühstückslokale mit weißen Tischdecken so teuer essen, dass man im selben Haus vor 20 Jahren davon seine Monatsmiete hätte zahlen können. „Die Menschen bekommen das, was sie sich gewünscht haben“, sagt er. Und das ist gar kein Vorwurf, sondern eher ein kühler Befund.
Mit dieser Entwicklung verschwinden auch die Orte, die von einer anderen Stadt erzählen. Das Ballhaus Ost, das MachMit-Museum, das Pfefferwerk-Theater – sie stehen noch, wie letzte Schlupfwinkel in einem zunehmend perfekt ausgeleuchteten Viertel. Andere sind bereits weitergezogen oder ganz verschwunden. Das Theater ohne Namen musste gerade gehen. Das Café Sowohlalsauch, einst Treffpunkt der frühen Mittelschicht und der alten Ost-Boheme, hat auch gerade geschlossen. Alles Zwischenräume, die nicht dafür gemacht waren, unter sich zu bleiben.
Thilo Schwarz-Schlüßler, Danziger50
„Es gibt hier keinen echten Gründerspirit mehr“, sagt Schwarz-Schlüßler. Das ist vielleicht sein bester Satz. Weil er nicht von Mieten spricht, sondern von Temperatur, von einem Kiez, in dem es nicht mehr gärt, sondern wo nur noch alles funktioniert.
Vielleicht fällt ihm deshalb der Abschied so leicht. Ein paar Tränen, ja, sagt er, wegen der Menschen, die geblieben sind, wegen der Gesichter, die einen noch grüßen. Aber den Kiez als Großes und Ganzes hat er längst innerlich verlassen. „Ich bin hier schon lange raus“, sagt er an einer Stelle fast nebenbei.
Dafür geht es jetzt woanders weiter. Axel-Springer-Straße, Kreuzberg. Eine Etage, dazu ein Glaskasten, den er „Glaspalast“ nennt – nicht ohne Selbstironie. Dort soll wieder so etwas entstehen wie hier einmal war: ein Bildungs- und Kulturcampus, offen genug, um sich zu verändern, stabil genug, um zu bestehen. „Wir ziehen nur fünf U-Bahn-Stationen weiter“, sagt er. „Wir sind in Berlin.“ Es klingt weniger nach Trauer als nach Arbeitsauftrag.
Und dann, wie zum Abschied: „Ich denke, da wird etwas beendet, was ohne uns sowieso schon lange zu Ende gewesen wäre.“ Er hat eingesehen: Manchmal verschwinden Orte, bevor sie schließen. Und dann ist es die eigentliche Kunst, das rechtzeitig zu merken – und einfach weiterzugehen.
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