Kündigung eines Amazon Managers : Giftige Unternehmenskultur
Aus Protest gegen die Entlassungen von Whistleblowern bei Amazon hat Tim Bray gekündigt. Er erkennt sogar die Ursache allen Übels: den Kapitalismus.
Foto: reuters
A mazon hat mir vor Kurzem einen Blu-ray-Player gebracht. Ich musste dafür nur mein Rückgrat abgeben und mir eine Ausrede einfallen lassen: Wie sonst soll ich die Zeit der Ausgangsbeschränkungen gut überstehen? Amazon wird seit Jahren zu Recht kritisiert: nicht nur wegen der Bedrohung für kleine Geschäfte, sondern auch wegen der Arbeitsbedingungen. Eine Ausrede zu erfinden fiel mir leicht. Ich bin geübt darin, einige Ideale meiner Bequemlichkeit zuliebe zu vernachlässigen. Jetzt wurde diese Leichtigkeit zerstört – ausgerechnet von einem Manager des Amazon-Tochterunternehmens Amazon Web Services (AWS).
Wie sie die Coronakrise überstehen können, haben sich auch Amazon-Mitarbeiter*innen in den Lagern gefragt: intern, aber auch laut auf der Straße. Einige agierten als Whistleblower und berichteten, dass sie sich durch die Schutzmaßnahmen des Konzerns nicht genug geschützt fühlen. Wie es sich für Amazon gehört, entließ man dort einfach einige dieser Menschen – auch mit der Begründung, sie würden die Schutzmaßnahmen missachten. Manager Tim Bray zog Schlüsse und kündigte.
Als „lachhaft“ bezeichnete Bray in seinem Blog die offizielle Erklärung zu den Kündigungen zweier Hauptorganisatorinnen des Protestes. „Jedem vernünftigen Beobachter war klar, dass sie wegen Whistleblowings rausgeworfen wurden.“ Der Vorgang sei für ihn ein Zeichen für das Gift, das durch die Adern der Unternehmenskultur fließe. Das Problem sei nicht die Angst vor Covid-19, sondern wie Amazon mit Menschen umgehe.
Ja, mit seinem öffentlichen Groll versucht Bray, sich auch als Top-Führungsperson zu positionieren. Und verweist auf die scheinbar tollen Arbeitsbedingungen: Geld, Work-Life-Balance, Diversität. Doch er erkennt auch Naheliegendes: Bei AWS hätten die Mitarbeitenden „Macht“, die Amazon-Lagermitarbeiter*innen seien hingegen „schwach und werden immer schwächer“, Corona führte zu mehr Arbeitsplatzverlusten und damit dem Verlust von Krankenversicherungen.
Und warum das Ganze? Wegen des „Kapitalismus“. Jede überzeugende Lösung müsse damit beginnen, sie als Kollektiv zu stärken, so Bray. Ein Manager erkennt das Böse im Kapitalismus. Juhu!
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert