Denkmal von Lenin vor transnistrischem Parlament

Lenin ist überall: Platz in Transnistriens Hauptstadt Foto: Cristian Movila/NYT/Redux/laif

Kriegsgefahr in Transnistrien:Jenseits des Flusses

Die Region, eingeklemmt zwischen Moldau und Ukraine, gilt als russisches Einflussgebiet. Viel ist von einer Kriegsgefahr die Rede. Ein Ortsbesuch.

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14.6.2022, 15:06  Uhr

Der Weg führt über löchrigen Asphalt, vorbei an sattgrünen Weinbergen, Tankstellen, Tafeln, auf denen Plăcinte beworben werden, moldauische Strudel. Menschen mit ausgestreckten Armen am Wegesrand hoffen auf eine Mitfahrgelegenheit. Eine gute Fahrstunde ist Chișinău, die Hauptstadt Moldaus, von Transnistrien entfernt.

Kurz vor der Stadt Bender, die als einzige auf der westlichen Seite des Flusses Dnjestr liegt, aber schon zum abgespaltenem Gebiet zählt, winken moldauische Polizisten an einem Kontrollpunkt desinteressiert Lastwagenfahrer, klapprige Autos und Marschrutkas, als Sammeltaxen fungierende Kleinbusse, durch. Wenige Meter weiter an Kontrollpunkt Nummer zwei langweilen sich russische Soldaten, eine Hand an der Kalaschnikow, im Mundwinkel die Zigarette, an ihrem Kontrollhäuschen. Ein Panzer versteckt sich hinter ihnen unter einem Tarnnetz, abgestellt für schlechte Zeiten.

Zwei Ereignisse haben Transnistrien in seinem 30-jährigen Bestehen in die internationalen Nachrichten gebracht: der Sieg seiner Fußballmannschaft FC Sheriff Tiraspol gegen Real Madrid in der Champions League im vergangenen Jahr. Und der russische Krieg in der Ukraine.

Transnistrien oder auf Russisch Pridnestrowje, was übersetzt so viel heißt wie „auf der anderen Seite des Flusses“, grenzt an die Ukraine, Odessa ist nicht einmal einhundert Kilometer entfernt, der Krieg ist manchmal so nahe, dass man ihn hören kann.

Den Krieg nennt Lilija Orlowa Krieg

An einem heißen Tag im Mai steht Lilija Orlowa, 28, blonde kurze Locken, Jutebeutel über der Schulter, unter einer Uhr im Stadtzentrum, dem Big Ben von Bender, wie sie scherzhaft sagt. Orlowa ist Künstlerin. Seit die ersten Bomben auf die Ukraine gefallen sind, hat sie viele Leinwände gefüllt. Wenn Orlowa unruhig oder betrübt ist, sei sie am produktivsten, sagt sie. Einige ihrer Bilder hängen nun im örtlichen Kunstmuseum. Eines trägt den ukrainischen Titel місячна ніч, mondhelle Nacht. Kleine Mosaiksteine formen das Gesicht einer Frau mit traurigem Blick, in ihrem Haar ein Blumenkranz, der Vollmond strahlt.

Während örtliche Medien offenbar aus Furcht, ihren Geldgeber Russland zu verärgern, darauf verzichten, den Konflikt in der Ukraine als solchen zu benennen, nennen die Menschen auf den Straßen ihn beim Namen: Krieg. Krieg in der Ukraine. Das sagt auch Orlowa immer wieder, während sie bei einem Spaziergang Baumwurzeln ausweicht, die sich über den Asphalt geschoben haben. Russland sei ganz klar der Aggressor, sagt sie. Und dass sie selbst Pazifistin sei.

Vier Jungerwachsene stehen um einen alten, blauen Mercedes Benz herum

Autopolieren in Transnistrien, links die Landesflagge, rechts die von Russland Foto: Cristian Movila/NYT/Redux/laif

Kurz vor dem Kriegsbeginn am 24. Februar hörte Orlowa im Radio, dass Putin die selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk anerkannt habe. Orlowa begann sich um die Ukraine zu sorgen, erzählt sie. Wie viele andere Menschen in Transnistrien auch, hat die Künstlerin ihre Sommer am Schwarzen Meer verbracht. Sie hat Freunde in Kiew. „Um die sorge ich mich jeden Tag“, sagt sie. Orlowa fühlt sich dem Nachbarland im Osten, der Ukraine, nahe, kulturell und sprachlich. Mit Moldau im Westen hingegen könne sie nichts anfangen.

Transnistrien hat alles, was ein eigenständiges Land braucht: Flagge, Verfassung, Präsident, Hymne, Autokennzeichen und sogar eine eigene Währung, den transnistrischen Rubel. International wird es aber von keinem Land der Welt anerkannt, auch nicht von seiner Schutzmacht Russland. Wer die De-facto-Grenze als Ausländer passieren möchte, muss in einen weißen Baucontainer treten und darin durch ein kleines Fenster Fragen einer grimmigen Beamtin beantworten. Warum die Einreise? Wie lange wird man bleiben? Bei wem unterkommen? Die Beamtin legt einen ausgedruckten Einreisezettel in den Pass. Dann darf man unter Hammer und Sichel hindurchlaufen, die den Übergang über eine Grenze schmücken, die eigentlich gar keine Grenze ist.

Die zerfallenden Fabriken

Die interessanten Orte Transnistriens sind die zerfallenen Fabriken. An ihren Wänden haben Jugendliche Botschaften hinterlassen, я тебя люблю, ich liebe dich, und den Namen ihrer Angebeteten. Längst sind die Dächer der Gebäude eingestürzt, durch die Seitenwände der Fabriken haben sich Pflanzen ihren Weg erkämpft. Diese Fabriken erzählen von einer anderen Zeit, als die Region als Industriestandort bekannt war. Russischsprachige Unternehmer betrieben Rüstungswerke, Stahlfirmen, eine Schuhfabrik. Nach dem Zerfall der Sowjetunion fürchtete diese Elite um den Verlust ihrer Geschäfte. Gewaltsam besetzten sie bald darauf Polizeistationen und Behörden, stachelten die Bevölkerung zu Demonstrationen und Streiks an und trieben so Anfang der Neunzigerjahre die Sezession Transnistriens voran.

Prächtiger Wald umgibt Bender, die zweitgrößte Stadt Transnistriens mit etwa 94.000 Einwohner:innen. Am Flussufer ist die Badesaison eröffnet worden. Ein Seil trennt den Dnjestr: Auf der einen Seite treibt der Müll flussabwärts, auf der anderen dürfen die Menschen schwimmen gehen. Die Verklärungskathedrale, eine russisch-orthodoxe Kirche, ist eines der wenigen gut erhaltenen Gebäude im Zentrum. Wenn die älteren Frauen mit ihren gekrümmten Rücken und bunten Kopftüchern in Kolonnen durch die Straßen eilen, weiß man, dass der Gottesdienst gleich beginnt.

Russischer Einfluss Transnistrien spaltete sich 1990 von der Republik Moldau ab. In einem blutigen Bürgerkrieg erreichte es zwei Jahre später mit militärischer Hilfe Russlands de facto seine Eigenständigkeit. Auf einem OSZE-Gipfel in Istanbul 1999 verpflichtete sich die Russische Föderation zum vollständigen Abzug ihrer Truppen bis Ende 2002. Bis heute sind die „Friedenssoldaten“ genannten Militärs jedoch in Transnistrien stationiert. Moldau hat keinen Einfluss auf die Region.

Nicht anerkannt Transnistrien ist international nicht als eigenständiger Staat anerkannt. Einzig die prorussischen Separatistenrepubliken Abchasien und Südossetien sowie die armenische Exklave Bergkarabach erkennen das autoritäre Regime an. Das Regime wird von Russland mit kostenlosen Gaslieferungen und Pensionszuschüssen unterstützt.

Einwohner In Transnistrien gelten Russisch, Rumänisch und Ukrainisch als anerkannte Landessprachen. Im Alltag jedoch dominiert Russisch. Die Einwohner:innenzahl wird auf rund 350.000 geschätzt. Die Fläche Transnistriens entspricht dem Vierfachen von Berlin. Hauptstadt ist Tiraspol.

Menschenrechte Die moldauische NGO Promo Lex zählt seit vielen Jahren Menschenrechtsverletzungen in der Region. Dazu gehören Folter in Gefängnissen, Drohungen gegen Journalist:innen und Aktivistin:innen, Bestechungen und Entführungen. Promo Lex hat seit 2004 über 60 Fälle beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Die Dunkelziffer wird höher geschätzt.

Handel und Zukunft Wegen eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Moldau können transnistrische Unternehmen seit 2006 ihre Produkte zollfrei in die Europäische Union liefern. Die EU ist damit der wichtigste Handelspartner für Transnistrien. Die OSZE hat bisher erfolglos im „5+2-Format“ zwischen Chișinău und Tiraspol vermittelt. Am Tisch sitzen neben den Konfliktpartnern Moldau und Transnistrien auch die Ukraine, Russland, die EU und die USA. Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges ist das Format praktisch eingefroren. (taz)

Bender, das sei die Stadt der vielen Springbrunnen, sagt eine junge Frau. Ständig werde ein neuer gebaut oder restauriert, aber für die Menschen, für die gebe es kein Geld. Seit dem Krieg in der Ukraine ruhen auch die Arbeiten an den Wasserspielen. Es fehlt an Material, das sonst aus der Region Odessa importiert wird. Die Leninstraße ist noch rechtzeitig neu asphaltiert worden, rechts von ihr liegt das Maxim-Gorki-Kino. Einst das kulturelle Zentrum der Stadt, werden dort heute Filme angekündigt, die kaum jemand sehen möchte. Das Geld der Menschen ist knapp. Gegenüber blickt Lenin auf seinem Sockel links gen Zukunft. Transnistrien gilt als Landstrich mit den meisten Büsten und Statuen von Lenin weltweit.

Die Straße hinein nach Bender führt bergab vorbei an Plattenbauten, die rechts und links aufragen, über eine Brücke, an der ein riesiges Plakat aufgestellt ist. Auf rotem Grund steht dort in weißen Buchstaben: „Danke für den Frieden“. Vier Bilder sind darunter zu sehen: ein russischer Panzer, russische Soldaten, Paraden und eine transnistrische Fahne, die sich mit der Trikolore der russischen verbindet.

Taut der eingefrorene Konflikt wieder auf?

Der Konflikt zwischen Moldau und Transnistrien galt bis vor Kurzem als eingefroren. Beide Seiten hatten damit einen pragmatischen Umgang gefunden. Man machte Geschäfte miteinander. Heute tönen wieder die Visionen russischen Größenwahns, nach dem Regionen bis nach Transnistrien unter russische Kontrolle gebracht werden sollten. Zuletzt verkündete im April ein General, diesen Plan in einer „zweiten Phase“ des Krieges gegen die Ukraine umsetzen zu wollen. Er behauptete auch, die russische Bevölkerung in Transnistrien werde unterdrückt. So als warte diese Bevölkerung nur auf ihre Befreier aus dem Bruderstaat.

Könnte der Konflikt wieder auftauen? Würde Russland seinen Einfluss in Transnistrien nutzen, um weitere Teile der Ukraine anzugreifen? Und wie denken die Menschen in Transnistrien darüber?

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Seit dem 24. Februar kamen laut offiziellen transnistrischen Angaben rund 21.000 Flüchtlinge aus der Ukraine ins Land. In den örtlichen Nachrichten ist darüber berichtet worden, wie die Menschen bei Verwandten Zuflucht fanden und wie Freiwillige Kleidung und Essen für sie sammelten. Neben Autos mit moldauischen und transnistrischen Kennzeichen sieht man seitdem immer häufiger das ukrainische Blau-Gelb auf den Autokennzeichen. Transnistrien, in dem zu jeweils einem Drittel Russen, Moldauer und Ukrainer leben, hat die Flüchtlinge aus dem Nachbarland freundlich aufgenommen. Die eigene Kriegserfahrung befähigt viele Menschen, Empathie für das Schicksal der Ukrai­ne­r:in­nen zu empfinden. So etwas wie 1992 möchte man nicht noch einmal erleben, sagt eine Frau. Wir wollen nur Frieden, heißt es in Gesprächen immer wieder.

Am 26. April machen Falschnachrichten die Runde. Um 19 Uhr werde es ukrainische Luftangriffe auf die transnistrische Bevölkerung geben, heißt es in einer SMS. Wer nicht flüchte, werde als Sabotagegruppe wahrgenommen und eliminiert. Viele ihrer Bekannten seien daraufhin geflüchtet, sagt die Künstlerin Orlowa. Auch ihre Brüder verließen das Land, weil sie nicht kämpfen wollten. Sie gingen nach Norwegen und Deutschland, wo sie Arbeit auf dem Bau fanden. „Warum soll man für die Interessen eines anderes Staates sterben?“, sagt Orlowa.

Sie selbst blieb mit ihrer Mutter und fünf Hunden zurück. Zwar hatten sie die Brüder angefleht, wenigstens in die moldauische Hauptstadt Chișinău zu fliehen, aber Orlowa wollte ihre Tiere nicht zurücklassen. Stattdessen deckten sich Mutter und Tochter mit Essen ein und kauften Klebeband, um die Fenster vor einer Explosion zu schützen.

Den angekündigten Luftangriff hat es dann aber nie gegeben.

Russland hat Transnistrien in den vergangenen 30 Jahren politisch, finanziell und militärisch unterstützt. Das spiegelt sich in der prorussischen Haltung der Bevölkerung wieder: 2006 stimmten 97,2 Prozent der Einwohner in einem Referendum für einen Anschluss an Russland. Im April 2014 wandte sich der Oberste Sowjet der Region – er heißt tatsächlich so – mit der Bitte des Anschlusses Transnistriens an die Russische Föderation. Auf eine Antwort wartete er vergeblich.

Steht das im Widerspruch zur ablehnenden Haltung vieler Menschen zum Krieg? Und wie lässt sich die Sorge um Freunde in der Ukraine aushalten, während man in einem Land lebt, in dem Russland politisch und militärisch präsent ist?

Die Angst geht um

Für Lilija Orlowa stellt das kein Problem dar. Sie steht für eine Generation, die kein anderes Land kennt als Transnistrien. Sie hat Europa nicht bereist, ihr ganzes Leben am Fluss Djnestr verbracht. Orlowa nennt sich selbst Transnistrierin. Erst dann sei sie Russin, sagt sie. Orlowa sehnt sich nach einem unabhängigen, international anerkannten Transnistrien. Die Trikolore Russlands ist so allgegenwärtig, dass Orlowa sie gar nicht wahrnimmt.

Sie ist mit militanter Symbolik aufgewachsen, Mahnmalen und Panzern, die an vergangene Kriege erinnern. Vielleicht sind gerade deshalb besonders viele junge Menschen wie sie gegen den Krieg in der Ukraine, sagt Orlowa. „Ich kenne niemanden, der den Krieg unterstützt. Vielleicht denken ein paar Ältere anders darüber, aber die sind in der Unterzahl.“

Lilija Orlowa, Künstlerin

“Ich kenne niemanden, der den Krieg unterstützt. Vielleicht denken ein paar Ältere anders darüber“

Vor gut einem Monat erschütterten angebliche Terrorakte Transnistrien, Angriffe mit Granatwerfern auf das Ministerium für Staatssicherheit, die Sprengung zweier Sendemasten, über die russische Programme ausgestrahlt wurden, Explosionen am Militärflughafen der Hauptstadt Tiraspol, Drohnenbeschuss auf die Ortschaft Cobasna, in der das vermutlich größte Munitionslager Europas mit 20.000 Tonnen Explosivstoff lagert, sowie weitere Explosionen an einem ehemaligen Flugplatz. Anfang Juni soll es zwei weitere Explosionen auf einem russischen Militärgelände gegeben haben.

Wer hinter all dem steckt, ist bis heute unklar. Die separatistische Führung Transnistriens macht ukrainische Provokateure verantwortlich. Ukrainische Behörden vermuten eine größere Operation Russlands, um von Transnistrien aus Odessa zu erobern. Auch Moldau spricht von einer Destabilisierung der Region, vermeidet es aber bislang, die russische Seite dafür verantwortlich zu machen.

Seitdem ist die Angst auf beiden Seiten des Flusses Djnestr groß, dass Moldau das nächste Ziel des russischen Angriffskriegs sein könnte und Transnistrien als militärisches Aufmarschgebiet genutzt werden könnte.

Dort herrschte nach den mysteriösen Vorfällen die Terrorwarnstufe rot. Seit Ende Mai wurde sie auf gelb herabgestuft. Auf den Straßen patrouillieren Tag und Nacht Polizisten, junge Männer, oft noch keine zwanzig Jahre alt, mit bellenden Hunden und Kalaschnikows auf dem Rücken. Um den Kontrollpunkt der Verkehrspolizei in Bender haben sie eilig eine Schutzmauer aus bröckelnden Betonklötzen hochgezogen. Mal hält ein Lastwagenfahrer davor, dann ein Auto, das den Polizisten und Soldaten verdächtig vorkommt.

In den Tagen nach den ersten Explosionen bildeten sich an den Grenzübergängen lange Schlangen. Viele verließen fluchtartig das Land und sind bis heute nicht zurückgekehrt. An manchen Tagen zählt man deshalb auf den Straßen mehr herumstreunende Katzen und Hunde als Menschen. Fragt man die Verbliebenen, ob sie Angst hätten vor neuen Eskalationen, vor dem Krieg, sagen sie: Wer Angst hat, ist schon längst weg. Zurückgeblieben seien die Alten und diejenigen, die kein Geld hätten, um zu fliehen.

Beim Interview lieber die Sim-Karte rausnehmen

An einem späten Sonntagabend im Mai sitzt Sergej Pulkov, kurz geschorene Haare, braun gebranntes Gesicht, in der Küche eines Freundes in Bender. Aus dem Nebenzimmer dröhnt russische Propaganda aus dem Fernseher herüber. Die Wörter Asow, Ukraine und Nazi werden mantrahaft immer und immer fort wiederholt, als wolle man die Zu­schaue­r:in­nen hypnotisieren. Pulkov, 31, arbeitet bei der Security für einen Sheriff-Supermarkt.

Gerade hatte er noch seine Arbeitsuniform an, nun sitzt er frisch geduscht auf einem Hocker. Pulkov möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, er hat Angst, ins Gefängnis zu kommen. Schließlich arbeite er für den mächtigsten Mann des Landes, sagt er. Er meint Viktor Gushan, den Top-Oligarchen, dem neben Tankstellen, Hotels und Supermärkten auch der Fußballklub Sheriff Tiraspol gehört.

Noch bevor Pulkov seinen Satz zu Ende gesprochen hat, greift er nach seinem Handy, nimmt Akku und Simkarte heraus, legt die Einzelteile ordentlich nebeneinander, lacht und schiebt dann ernst hinterher: „Nicht, dass ich noch gefeuert werde.“

Nach den ersten Explosionen stellte sich Pulkov die Frage, ob er das Land verlassen solle. Seine Nachbarn hatten da schon ihre Söhne und Töchter ins Auto gesetzt und über die Grenze nach Moldau gebracht, zu Verwandten. Wohin sollte er fliehen? Nach Europa? „Dort wartet auch niemand auf mich“, sagt er. Hier in Transnistrien habe er aber alles, was er zum Leben brauche. „Ein Haus, einen großen Garten, Frau und Kind, meine Eltern, einen Job.“

Der moldauische Verteidigungsminister Anatol Nosatîi nannte kürzlich die Zahl von 14.000 Soldaten in der Region Transnistrien, die eine Bedrohung für Moldau darstellen könnten. Man könne die Tatsache eines unkontrollierten Staates, der derart militarisiert sei, nicht ignorieren. Andere Schätzungen gehen von weitaus weniger Militärs aus: 1.500 russische Soldaten, die zum Großteil aus örtlichen transnistrischen Kräften bestehen, sowie rund 5.000 Transnistriens.

Dass sich Moldau vor den Soldaten in Transnistrien fürchtet, kann Pulkov nicht verstehen. Er hat seinen Wehrdienst im örtlichen Militär absolviert. „Von denen geht keine Gefahr aus“, sagt er. Die Armee sei in einem miserablen Zustand, die Soldaten hätten veraltete Waffen und nicht ausreichend Munition. „Du lernst zwar zu schießen, aber nicht zu treffen.“

Auch Pulkov sagt, dass nur eine Minderheit im Land den Krieg will. „Nur wer vom Krieg profitieren könnte, will ihn: Leute, die im Gefängnis sitzen und solche, die Dreck am Stecken haben und diesen durch den Krieg loswerden wollen.“ Im Sheriff-Supermarkt habe man ihm gesagt: Wer provoziert, „Slawa Ukranii „– „Ruhm der Ukraine“ – rufe oder mit dem russischen Propagandazeichen „Z“ in den Markt laufe, müsse sofort rausgeworfen und an die Polizei übergeben werden. „Der Supermarkt soll neutraler Boden sein.“ So versucht die politische Führung des Landes unter dem Einfluss des Sheriff-Oligarchen zwischen seinen eigenen Interessen und denen seiner Schutzmacht Russland zu bestehen.

Nachmittags am Busbahnhof

Nachmittags, auf dem Busbahnhof von Bender, startet der Fahrer Grigorij seine Marschrutka, macht sich auf den Weg in die moldauische Hauptstadt Chișinău. Der klapprige Kleinbus biegt auf die Straße von Tiraspol ein, in der Ferne weht eine Russlandfahne auf dem Militärgelände der russischen Armee, da beginnen sich zwei Bulgarinnen mit einer Russin zu unterhalten.

„Sie haben also EU-Pässe?“

„Ja, bulgarische. Wir verlassen bald das Land. Jetzt erst mal nach Bukarest, von da weiter nach Bulgarien. Da haben wir noch Familie.“

Seufzen: „Gut für Sie.“

Der Weg aus Transnistrien führt wieder vorbei an Straßensperren und Panzern, die als Mahnmal an den Krieg erinnern. Den Hügel hinauf, vorbei an Plattenbauten, haben zwei Polizisten vor der Hitze kapituliert und sich an ihrem Kontrollpunkt im Schatten eines Baumes verkrochen.

Oben, am Grenzposten, da warten schon die uniformierten und bewaffneten Grenzsoldaten und kontrollieren die Pässe.

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