Korruption in der Ukraine: Früherer Vertrauter Selenskyjs unter starkem Verdacht
Andrij Jermak ist früherer Präsidialamtschef und Freund des ukrainischen Präsidenten. Nun sitzt er wegen des Vorwurfs der Geldwäsche in Untersuchungshaft.
Das oberste Antikorruptionsgericht der Ukraine hat gegen den ehemaligen Chef des Präsidialamts, Andrij Jermak, 60 Tage Untersuchungshaft angeordnet. Jermak, von 2020 bis 2025 in der Position, war mehr als nur Chef einer Verwaltung. Der langjährige Freund von Präsident Selenskyj aus der Zeit von Selenskyjs Hauptrolle bei der Spaßtruppe „Kwartal 95“ wurde bald nach dessen Ernennung im Februar 2020 zur rechten Hand des Präsidenten.
Er war es, der die Außenpolitik der Ukraine maßgeblich prägte, er verhandelte führend bei Gefangenenaustauschaktionen, er führte ukrainische Verhandlungsdelegationen im Ausland an und er spielte eine entscheidende Rolle bei wichtigen Personalentscheidungen. Doch der Donnerstag war ein Tiefpunkt in der Karriere des Juristen, der sich früh auf Medienrecht spezialisiert hatte.
Jetzt steht Jermak unter dem Vorwurf der Geldwäsche. Gleichzeitig setzte das Gericht eine Kaution in Höhe von umgerechnet 2,8 Millionen Euro fest. Jermak selbst bestreitet die Vorwürfe.
Die ukrainische Antikorruptionsbehörde Nabu und die Spezialstaatsanwaltschaft SAP werfen Jermak vor, zwischen 2021 und 2025 umgerechnet fast zehn Millionen Euro gewaschen und in die acht Hektar große Wohnanlage „Dynastie“ im Dorf Kosyn bei Kyjiw gesteckt zu haben. In der „Dynastie“ sollen vier luxuriöse Privatresidenzen mit jeweils etwa 1.000 Quadratmetern Wohnfläche und einem geschätzten Wert von rund zwei Millionen US-Dollar errichtet worden sein. Nach Angaben von Nabu und SAP sollen über dieses Bauprojekt Schwarzgelder aus korrupten Machenschaften im ukrainischen Energiesektor gewaschen worden sein. Ein Teil des Geldes soll aus illegalen Geschäften rund um den staatlichen Energiekonzern Energoatom stammen.
Weitere Politiker und Unternehmer unter Verdacht
Jermaks Anwalt Ihor Fomin bezeichnete die Vorwürfe als unbegründet und sprach von öffentlichem Druck auf die Ermittlungsbehörden. Er bemängelte auch, dass man ihm nur wenige Tage Zeit gegeben habe, die aus 16 Ordnern mit jeweils 250 Seiten bestehende Ermittlungsakte zu studieren.
Dass die Ermittlungen gegen Andrij Jermak und andere Personen aus dem Umfeld von Präsident Selenskyj überhaupt möglich sind, ist vor allem dem entschiedenen Protest der ukrainischen Zivilgesellschaft zu verdanken, die sich im Juli 2025 erfolgreich gegen Versuche der Präsidialadministration gewehrt hatte, den Antikorruptionsbehörden ihre Unabhängigkeit zu nehmen.
Im Rahmen der Antikorruptionsoperation „Midas“ stehen neben Jermak weitere bekannte ukrainische Politiker und Unternehmer unter Verdacht. Darunter befinden sich der ehemalige Energieminister Herman Haluschtschenko, Ex-Vizepremier Oleksij Tschernyschow sowie der Unternehmer Timur Minditsch, ein früherer Vertrauter Selenskyjs.
Über ein Jahr lang hatten Nabu und die SAP die Wohnung Minditschs abgehört. Auch Minditsch war ein langjähriger Vertrauter von Präsident Selenskyj aus der Zeit der Spaßtruppe „Kwartal 95“. Noch im Januar 2021 hatte Selenskyj in Minditschs Wohnung seinen Geburtstag gefeiert.
Bei ihren Ermittlungen stießen die Antikorruptionsbehörden auf Korruption rund um den staatlichen Energiekonzern Energoatom, Betreiber aller ukrainischer AKW. Minditsch kontrollierte die Auszahlung staatlicher Gelder nach Ausschreibungen des Unternehmens. Und dabei, so Nabu, mussten private Firmen, die an Ausschreibungen teilnehmen oder Waren und Dienstleistungen an Energoatom liefern wollten, zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Auftragssumme als Bestechungsgeld zahlen. Dabei sollen rund hundert Millionen Dollar in dunklen Kanälen gelandet sein. Dieses Schwarzgeld wurde in Luxusimmobilien gesteckt, unter anderem in das Projekt „Dynastie“.
Offiziell unter Verdacht gestellt wurden unter anderem Timur Minditsch sowie der ehemalige ukrainische Vizepremierminister Oleksij Tschernyschow. Kurz nach Bekanntwerden der Ermittlungen verließ Minditsch die Ukraine.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert