Kontroll-App für Social Media : Kapitulation vor der Realität
Die EU präsentiert eine Alters-App für Social Media. Sie hat wohl die Hoffnung aufgegeben, die Tech-Konzerne direkt in die Verantwortung zu nehmen.
Foto: Omar Havana/AP/dpa
W enn Probleme kompliziert sind, sollten einfache Lösungen misstrauisch machen. Zum Beispiel die Debatte um den Social-Media-Konsum für Jugendliche: Seitdem Australien eine Altersbeschränkung eingeführt hat, ziehen andere Länder nach. Frankreich plant ein Verbot bis zum Alter von 15 Jahren. Spanien, Italien, Griechenland und weitere Länder treiben ähnliche Gesetzentwürfe voran. In Deutschland will eine von CDU-Bildungsministerin Karin Prien eingesetzte Expert:innenkommission zum Thema am Montag eine „Bestandsaufnahme“ vorlegen, die bis Ende Juni in konkrete Empfehlungen an die Politik münden soll.
Bestandsaufnahme, das lässt hoffen: nämlich darauf, dass man über vermeintlich einfache Lösungen wie die Altersbeschränkung hinaus nachdenken wird. Für die auf EU-Ebene gerade die entsprechende Technik vorgestellt wurde; die zeitliche Nähe mag Zufall sein oder auch nicht. Mit der App zur Altersverifikation, die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bejubelt, sollen Länder die Verbote, die sie nun so eifrig entwickeln, bald auch technisch umsetzen können. Von der Leyen nennt die App „eine innovative Lösung für ein neues Problem“, und erinnert im selben Atemzug an die Corona-Pandemie: Damals habe man auch ganz schnell eine passende App entwickelt.
Dieser Vergleich sagt sehr viel: Social-Media-Konsum als pandemische Krankheit, für die man nur die richtigen Tools braucht, und dann ist alles wieder gut. Das eine ist, dass man damit offenbar die Hoffnung aufgegeben hat, die Tech-Konzerne direkt in die Verantwortung zu nehmen – die laut dem Digital Services Act der EU bereits dazu verpflichtet sind, das Alter der Nutzer:innen zu überprüfen. Sie tun es nur nicht. Das andere ist, dass die Frage, wie wir auf Social Media miteinander leben wollen, sicher eine der großen Fragen unserer Zeit ist. Altersbeschränkungen per Gesetz sind eine Kapitulation vor der Realität auf den Plattformen. Vielleicht finden wir ja noch bessere Antworten.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert