Kommunikation in der Stadt: Alles beschrieben und vollgeklebt
Jede Wand, jeder Bauzaun, alles bekritzelt und besprüht. Die Menschen schreiben sich in ihre Stadt ein – und senden Botschaften an die Welt.
A m Ende meiner Straße steht eine Litfaßsäule. Ich mag sie, weil sie so altmodisch ist und sich über die Zeit behauptet hat. Obwohl es überall diese unseligen digitalen Werbetafeln gibt, diese überdimensionalen Handydisplays, denen man nirgendwo entkommen kann, nicht im Nahverkehr, auf Bahnsteigen oder Straßenkreuzungen, steht da doch manchmal ein Mensch mit einem Eimer Kleister und einem Pinsel und klebt ein Plakat auf eine Litfaßsäule.
Die Ankündigung einer Theateraufführung, eines Konzertes, eines Schlagerabends, einer Zirkusvorstellung. Papierschicht wird auf Papierschicht geklebt und davon wird die Säule immer dicker, bis sie irgendwann von diesen ganzen Schichten befreit werden muss. Wie sich alles immer wieder überklebt und überschreibt, dieser Vorgang ist eine hübsche, melancholische Metapher.
Natürlich ist die ganze Stadt eine riesige Litfaßsäule. Denn jede Wand, jeder Bauzaun, jeder Brückenpfeiler wird ja beklebt, beschrieben, beschmiert, bekritzelt, besprüht. Die Menschen schreiben sich in ihre Stadt ein. Sie teilen sich mit, sie stellen sich dar, sie senden Botschaften an die Welt. Die Straßenlaterne, der Ampelmast, das sind die kleinen Litfaßsäulen. An jeder Kreuzung eine Anzeige: Wohnung gesucht. Glaubt ihr wirklich, dass jemand diesen kleinen Zettel mit eurer Telefonnummer abreißen und euch anrufen, euch eine Wohnung anbieten wird? Passiert so etwas?
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Im Edeka um die Ecke gibt es eine ganze Wand mit Anzeigen. Dort werden – natürlich – Wohnungen gesucht. Aber auch Unterricht auf dem Akkordeon wird angeboten, eine faltbare Badewanne verkauft, Urlaub in Kroatien, Italienischunterricht. Ein Schlüsselbund ist verlorengegangen, wer hat es gefunden? Putzdienste werden angeboten, überhaupt alle möglichen Dienstleistungen. Und wer hat diesen Überfall/diesen Unfall beobachtet? Die Anzeigenwand im Supermarkt ist ein Buch der Stadt. Manche Zettel hängen da schon seit vielen Jahren. Hat diese Frau mit Kind denn eine Wohnung gefunden? Ist die Katze wieder da oder vielleicht schon tot?
Die Botschaften an Straßenkreuzungen sind politischer. Hier kleben auch viele Sticker, die eine Botschaft in die Welt senden. „Mieten steigen nicht, sie werden erhöht!“ Da kann ich nur nicken.
Sticker, die den einen nicht passen, werden überklebt, die dann von anderen wieder überklebt werden, die vielleicht die ersten schon geklebt haben. Glücklicherweise kleben in meinem Viertel kaum rechtsextreme Sticker, die haben hier keine Chance. Die Straßenlaterne und die Straßenkreuzung sind ein Ausdruck der politischen Stimmung, Orientierung, der Aktivität.
So zeigt die ganze Stadt, dass es keine Wohnungen gibt, auch nicht für dieses heterosexuelle, weiße Paar, das viel Geld verdient und ganz ruhig ist, extrem angepasst und privilegiert und dies alles schamlos aufs Tablett legt. Zeigt sie auch, was sie aufregt, was sie wütend macht, was sie lustig findet, absurd, erschreckend, was sie sich wünscht, was sie verändern will.
Die Sprayer sprühen ICH an die Wand. ICH habe das gemacht. Das bin ICH. Ich kann das und mir ist egal, wem diese Wand gehört, jetzt gehört sie mir. Alles ist fremdes Eigentum, immer.
„Schamanischer Baumspaziergang, Baumenergie bewusst erleben“, klebt an der Kreuzung Holstenstraße ein Zettel. Für mich ist die Stadt ein Ort der Kraft. Alles sprüht, spuckt, kratzt, schreibt, malt sich in die Haut. Nichts bleibt rein und sauber. Außer die Litfaßsäulen. Die stehen wie alte Gestalten aus anderen Zeiten und sind resistent.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert