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Kommission zur GesundheitsreformWeniger Limonade, weniger Knie-OPs

Die Krankenkassen müssen sparen. Eine Kommission hat der Regierung 66 Empfehlungen vorgelegt. Die Gratis-Mitversicherung von Ehegatten soll wegfallen.

So süß: Fanta-Abfüllung in einem Werk in Dorsten, Nordrhein-Westfalen Foto: Fabian Strauch/Funke Foto Services/imago

Die Zeit für Reformen im Gesundheitswesen drängt, die Krankenkassen schieben ein Milliardendefizit vor sich her: Nun hat die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission am Montag ihre mit Spannung erwarteten Empfehlungen vorgelegt, wo genau sie Sparpotenziale sieht. Eins sei klar: „Nichts tun ist keine Lösung“, heißt es vom Spitzenverband der Krankenkassen (GKV), „denn sonst steigen die Beiträge unvermindert weiter“.

Laut Kommissionsbericht müssten die Versicherten und ihre Arbeitgeber im kommenden Jahr schon 260 Euro, 2030 sogar 680 Euro mehr an die Krankenkasse überweisen. „Die Ausgaben steigen doppelt so schnell wie die Einnahmen“, drängt Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auf eine Einigung über Reformen noch in diesem Jahr. Bis 2027 rechnen Fachleute mit einem Minus von rund 15 Milliarden Euro. Bis zum Ende des Jahrzehnts türmt sich das Defizit auf über 40 Milliarden Euro auf.

Steuer auf Zucker und Tabak

Nun präsentierten die Wissenschaftler am Montag 66 Empfehlungen, wie das zu verhindern wäre. So schlagen die Fachleute zum Beispiel stetig steigende Steuern auf Tabak und Spirituosen vor. Darüber hinaus plädieren sie für die Einführung einer Zuckersteuer von 32 Cent auf Getränke, die mehr als 8 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten. Das haben andere Länder bereits erfolgreich vorgemacht: „Die Fanta in Großbritannien hat nur halb so viel Zucker wie in Deutschland“, sagt Ferdinand Gerlach von der Goethe-Universität Frankfurt – ein direkter Effekt der Zuckersteuer. Aus medizinischer Sicht erhofft man sich so weniger Diabeteserkrankungen, was wiederum finanzielle Mittel für die Versorgung von Erkrankten freisetzen könnte.

Am Leistungskatalog der Krankenkassen wollen die Fachleute nur begrenzt etwas ändern. Milliardeneinsparungen, so die Kommission, könnte aber eine verpflichtende ärztliche Zweitmeinung bei planbaren Knieoperationen bringen. Diese OPs werden in Deutschland überdurchschnittlich häufig durchgeführt, weil sie den Krankenhäusern gute Einkünfte bringen. Der Erfahrung nach würden sich 85 Prozent der Patienten, die eine Zweitmeinung einholen, danach gegen eine OP entscheiden, sagt Gerlach. Eine Knie-OP wird mit Kosten in Höhe von 6.500 bis 14.000 Euro veranschlagt. Ein Konsultationsgespräch für eine Zweitmeinung kostet 84,40 Euro.

Vor allem aber kalkuliert die Expertenkommission mit den Steuerzahlenden, um wieder Luft ins klamme Kassensystem zu bekommen. Rund 12 Milliarden Euro Versicherungsbeiträge für Bürgergeldempfänger sollen künftig aus Steuermitteln des Bundes bestritten werden. Weitere 5,5 Milliarden Euro soll eine Begrenzung des Vergütungsanstiegs bei ärztlichen Leistungen bringen, 2,3 Milliarden Euro sollen durch einen Herstellerabschlag für Arzneien reingeholt werden. Nimmt man sämtliche Empfehlungen zusammen, könnten im Gesundheitssystem im kommenden Jahr auf diese Weise gut 42 Milliarden Euro, bis Ende des Jahrzehnts sogar 64 Milliarden Euro eingespart werden. Den 470 Seiten starken Bericht hat das Gesundheitsministerium auf seiner Webseite veröffentlicht.

Die Kommission will die Lasten auf alle Schultern verteilen. Die Patienten sollen beispielsweise höhere Zuzahlungen in Kauf nehmen. Werden für verschreibungspflichtige Arzneien derzeit 5 bis 10 Euro fällig, sollen Rezepte künftig 7,50 Euro bis 15 Euro kosten. Die Patienten sollen gut 4 Milliarden Euro des Einsparvolumens tragen. Auf Ärzte, Krankenhäuser sowie Hersteller von Arzneien oder Hilfsmitteln entfallen 19 Milliarden Euro.

Warken: „Gut gefüllter Werkzeugkasten“

„Die Kommission hat uns einen gut gefüllten Werkzeugkasten vorgelegt“, sagt Gesundheitsministerin Warken. Die Ministerin will nun die geeigneten Instrumente heraussuchen und innerhalb der Koalition einen Kompromiss anstreben: „Wir werden zeitnah ein Paket vorstellen.“ Dass einige der Maßnahmen in der SPD wie in den eigenen Reihen auf wenig Gegenliebe stoßen werden, ist schon absehbar.

Einen Vorgeschmack liefert bereits Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). So stellt die Kommission die kostenlose Mitversicherung von nicht arbeitenden Ehegatten infrage, in der Regel sind das Frauen. Das lehnte Söder umgehend ab.

Die Zuckersteuer könnte Hunderttausende Krankheitsfälle verhindern und dem Gesundheitssystem bares Geld einsparen

Sarah Häuser, Foodwatch

Zu der umstrittenen Frage, ob es wieder eine Praxisgebühr, die heute Kontaktgebühr heißt, geben soll, äußerten sich die Experten nicht. Der Kommissionsbericht listet diese Idee zwar auf, spricht aber keine Empfehlung dafür aus.

Die ersten Reaktionen auf die Vorschläge fallen wie erwartet gemischt aus. „Eine teilweise Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung, Teilkrankschreibungen oder erhöhte Zuzahlungen greifen die soziale Absicherung der Beschäftigten und ihrer Familien an“, warnt IG-Metall-Sozialvorstand Hans-Jürgen Urban. Die Gewerkschaft spricht sich für weitergehende Maßnahmen aus, etwa die Einbeziehung aller Menschen und weiterer Einkunftsarten in die gesetzliche Krankenversicherung.

Die Arbeitgeber hingegen begrüßen den Bericht. „Es wird sich zeigen, ob die Koalition nur vom Handeln spricht oder tatsächlich Strukturreformen anpackt“, sagt Arbeitgeber-Chef Rainer Dulger: „Scheitern darf keine Option sein.“ Die Verbraucherorganisation Foodwatch lobt vor allem die vorgeschlagene Getränkesteuer. „Die Zuckersteuer könnte Hunderttausende Krankheitsfälle verhindern und dem Gesundheitssystem bares Geld einsparen“, erläutert Sprecherin Sarah Häuser.

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7 Kommentare

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  • "Die Verbraucherorganisation Foodwatch lobt vor allem die vorgeschlagene Getränkesteuer. „Die Zuckersteuer könnte Hunderttausende Krankheitsfälle verhindern und dem Gesundheitssystem bares Geld einsparen“, erläutert Sprecherin Sarah Häuser"



    Letztes Jahr in derstandard.de



    "Die Zuckersteuer als Zankapfel in Europa"



    Dort steht auch:



    "Im Nicht-mehr-EU-Land Großbritannien wurde bereits 2018 eine Zuckersteuer auf stark gezuckerte Getränke eingeführt. Laut der "Soft Drinks Industry Levy" müssen Unternehmen folgende Steuern zahlen: Ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter sind es 18 Pence pro Liter (umgerechnet 21 Cent), ab acht Gramm Zucker werden 24 Pence pro Liter (29 Cent) fällig. 2023 kam eine Studie der Cambridge-Universität zu dem Schluss, dass die Zuckersteuer Adipositas bei zehn- und elfjährigen Mädchen um acht Prozent verringert hat."



    Beispiele gibt es also bereits und Studien auch. Wie war doch der Aufruf als Motto? "Ins Machen kommen!"

  • Das Gesundheitssystem ist bei uns sowas von kaputt, es ist nicht nur ein Selbstbedienungsladen, noch viel besser, man verdient nichts an einem gesunden Menschen, also ist man bestrebt den Patienten krank zu halten.

    Es müsste so sein wie in Österreich:

    Ambulanter Bereich (Niedergelassene Ärzte)

    Einzelleistung: Vertragsärzte werden überwiegend für jede Einzelleistung separat honoriert (fee-for-service).

    Pauschale Elemente: Es gibt Bestrebungen, den Anteil pauschalierter Vergütungen, besonders in der Primärversorgung (neue Primärversorgungseinheiten PVE), zu erhöhen, um eine stärkere Orientierung am Versorgungsbedarf statt an der Frequenz zu erreichen.

    Das bedeutet ganz simpel, das der Arzt eine Pauschale mit einen Zeitfenster bekommt, um den Patient zu heilen. Wenn der Arzt den Patienten schneller heilt als die angesetzte Zeit dann macht der Arzt Gewinn, braucht der Arzt länger dann macht er miese, dieser Anreiz ist perfekt!

    Das A und O um das Gesundheitssystem bezahlbar zu halten wäre viel mehr Vorsorge zu betreiben, politisch ist das nicht gewollt, es kostet Geld, und die Auswirkungen sind erst in Jahrzehnte spürbar, man kann heute kein politisches Kapital daraus schlagen.

  • Noch wichtiger wäre, dass Ärzte verpflichtet werden, dem Patienten ohne Nachfrage mitzuteilen, wie oft ihre OPs oder sonstigen Eingriffe 100% erfolgreich verlaufen sind, wie oft es zu weiteren OPs kam und wie oft bleibende Schäden übrig geblieben sind.



    Dann würden viele Patienten von ganz alleine abwinken.



    Dafür drücken sich Ärzte heute nämlich mit allen Methoden. Obwohl sie in dem Augenblick, in dem Patient sie fragt, schon nach heutigem Recht und BGH-Entscheidungen dazu verpflichtet sind. Und wenn sie das nicht machen, dann ist die Einwilligung des Patienten unwirksam und die OP eine strafbare Körperverletzung, auch wenn kein Behandlungsfehler passiert.



    Das weiß nur keiner. Aber einfach mal ChatGPT und Gemini3 sagen. Die listen einem alle Paragraphen und Urteile des Bundesgerichtshofs auf.

  • Hausarztmodell?



    Gesundheitszentren, statt kleine Einzelpraxen?



    Mehr Fokus auf gesund bleiben, statt später Krankheiten zu behandeln? (zB Ernährungsempfehlungen vom Hausarzt als Regelfall).



    Irgendwie fehlen da einige Punkte bei der Kommision, die viele Experten als "no-Brainer" bezeichnen.

  • Wer die Lobby hat bekommt das Geld. Also Pharmaunternehmen, die Krankenhausindustrie und natürlich die hochbezahlten Fachärzte. Die Gruppen haben doch nahezu freien Zugang zu den Beiträgen der Versicherten, da passt ja keiner auf, dass mit dem Geld verantwortungsvoll umgegangen wird. Ein Selbstbedienungsladen und die Lobby und Politiker fahren ja gut mit dem System. Die Belastungen gehen einfach zu Lasten der Versicherten.

    • @KLaus Hartmann:

      "hochbezahlten Fachärzte."



      Das ist pauschal und differenziert nicht ausreichend.



      /



      Bereits 2019 im Netz



      "Kinder- und Jugendärzte üben scharfe Kritik an Ergebnissen der Honorarverhandlungen für 2020



      BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: "Mit diesen Honoraren können wir unsere Praxen nicht mehr wirtschaftlich führen!“



      /



      Die Folgen:



      "Warum gibt es mancherorts einen Kinderarztmangel?



      Häufig entsteht ein Mangel dann, wenn einer oder mehrere Kinderärzte in derselben Region in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger für die Praxis finden. Es gibt auch Fälle, in denen Ärzte entschieden haben, nur noch Privatpatienten zu behandeln - zum Beispiel, weil der bürokratische Aufwand für Abrechnungen mit gesetzlichen Krankenkassen zu hoch sei."



      Quelle zdfheute.de 2024

  • "Die Zuckersteuer könnte Hunderttausende Krankheitsfälle verhindern und dem Gesundheitssystem bares Geld einsparen."



    Wer will denn sowas? Die Industriezweige, die sich an Krankheiten doll und dämlich verdienen, garantiert nicht. Gesundheit bringt einfach nicht genug ein, ein Paar Laufschuhe im Jahr können gegen Zucker, Salz, Alk, Billigöl, fremdenergiebetriebene Gehhilfen und die Chemikalien aus den Garagenlaboren nicht anstinken.



    Gelobt sei, was krank macht, und mit unserem derzeitigen Obermaschores und seinen Hiwis haben die Profiteure der entsprechenden Industrien genau den Richtigen mit dem passenden Verständnis an die Spitze gemauschelt.