Kommentar sexuelle Gewalt an Kindern: Schweigen ist ein Verbrechen
Mit der Aufarbeitung des Systems ist es beim Thema Kindesmissbrauch nicht getan. Es muss möglich sein, jegliche Ahnung offen auszusprechen.
S chweigen und immer wieder Schweigen. Menschen, die als Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt erlebt haben, bewegen sich in einem Umfeld, das durch Stille geprägt ist. Stille, weil sie meist selbst nicht über ihre Vergangenheit reden. Sonst, so erzählen sie es selbst, kriegen sie ihr Leben nicht mehr hin. Und Stille, weil das direkte Umfeld, das häufig vom Missbrauch wusste oder zumindest davon ahnte, weder den Mund aufmachte noch reagierte.
Man mag gar nicht darüber nachdenken, was schlimmer ist: die dauerhafte Traumatisierung der Betroffenen oder das Wegschauen der Gesellschaft. Doch der Unterschied ist immens: Das eigene Schweigen ist nachvollziehbarer Selbstschutz und häufig Angst vor Konsequenzen, das Schweigen der anderen ein Verbrechen.
Damit muss Schluss sein. Allein mit der Aufarbeitung des Missbrauchssystems, mit dem Erkennen von Gewaltstrukturen ist es nicht getan. Es geht insbesondere darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Familienangehörige, Nachbarn, Kirchenmitglieder auch nur leiseste Ahnungen offen aussprechen können.
In der Kindern, die sich offenbaren, zugehört und Glauben geschenkt und Missbrauch konsequent verfolgt und bestraft wird. Oder verkürzt gesagt: Eine Atmosphäre, in der sexuelle und sonstige Gewalt an Kindern im kleinsten Keim erstickt wird und Opfer mit jeder nur erdenklichen Hilfe rechnen können.
Eine Utopie? Vielleicht. Es sollte unbedingtes Ziel sein, sexuelle Gewalt so stark wie möglich einzudämmen. Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig richten darauf ihre Anstrengungen. Dass im vergangenen Dezember sowohl die Kommission als auch Rörigs Stelle entfristet wurden, nachdem die Einrichtungen zuvor alljährlich bangen mussten, nicht weiter finanziert zu werden, darf als zartes Zeichen gelesen werden: Die Brisanz des Themas ist bei den politischen Entscheider*innen offensichtlich angekommen. Denn sie tragen dazu bei, Schweigen zu fördern – oder zu brechen.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert