Kommentar Nazi-Angriff in Leipzig: Ein Quasipogrom, kein Aufschrei

Die Ausschreitungen in Leipzig und auch die Hetzjagden auf Menschen in Köln werden mit Gleichmut hingenommen. Wie kann das sein?

Die Scheibe eines Dönerladens in Connewitz wurde eingeschmissen

250 rechtsradikale Hooligans haben am Montag Straßen in Connewitz verwüstet. Foto: dpa

Seit mehr als einer Woche debattiert die Republik nun über die massenhaften Übergriffe in der Silvesternacht, nicht ganz frei von hysterischen Untertönen. Es gibt ein „vor Köln“ und ein „nach Köln“, als hätte es dort einen Terroranschlag gegeben.

Im Vergleich dazu nimmt das Land die Ausschreitungen rechter Gruppen in Leipzig, die zum Legida-Jahrestag den „alternativen“ Stadtteil Connewitz überfallen und eine Schneise der Verwüstung gezogen haben, mit erstaunlichem Gleichmut hin. Leipzigs Bürgermeister spricht zwar von „Straßenterror“, und manche fühlen sich an die Dreißigerjahre erinnert. Doch das bundesweite Echo fällt lau aus. Kein Bundespolitiker fordert härtere Strafen und „null Toleranz“, und auf den „ARD-Brennpunkt“ zum Thema wird man wohl lange warten müssen.

Dabei wirft das Quasipogrom von Leipzig viele Fragen auf. Ist Leipzig-Connewitz ein rechtsfreier Raum, in dem organisierte Banden ungestraft wüten können? Hat die Polizei versagt, die Bewohner des Stadtteils zu schützen, weil sie die Gefahr unterschätzt hat? Oder hat sie die Ausschreitungen bewusst zugelassen? Denn es gab Hinweise, die den Überfall ankündigten, und ein Maulwurf bei der Polizei hat Interna an die NPD geliefert.

Aufgrund der Westzentriertheit der deutschen Leitmedien ist nicht zu erwarten, dass sie diesen Fragen ernsthaft nachgehen und sie beantworten werden. Das bleibt der Lokalpresse überlassen. Dabei haben sie bundesweite Relevanz. Denn auch anderswo veranstalten Pegida-Anhänger und rechtsradikale „Bürgerwehren“ inzwischen Hetzjagden auf Menschen, die in ihren Augen irgendwie ausländisch aussehen. Das geschieht inzwischen am helllichten Tage, etwa in Köln.

Man könnte deshalb auch fragen: Welche Rolle spielt die mitteleuropäische Herkunft der Täter? Oder: Gehört Gewalt gegen Andersdenkende und Andersaussehende so sehr zu „unserer Kultur“, dass sie von vielen nicht als Skandal empfunden wird? Denn der große Aufschrei blieb bislang aus.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz und ist im Vorstand der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Er lebt in Berlin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben