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Kommentar DigitalsteuerDie Angst vor dem Sprung

Kommentar von

Svenja Bergt

Die Bundesregierung weicht einer Digitalsteuer mit einer durchsichtigen Finte aus. Sie ist zu feige für eine realistische Lösung.

N ahezu kämpferisch zeigte sich die Bundesregierung vor einem Jahr: „Wir unterstützen eine gerechte Besteuerung großer Konzerne, gerade auch der Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook und Amazon“, heißt es im Koalitionsvertrag. Davon übrig geblieben ist mittlerweile weder die „gerechte Besteuerung“ noch das „Unterstützen“. Als auf EU-Ebene eine entsprechende Steuer zur Diskussion stand, hat Deutschland gebremst. Und nun, wo Frankreich vorprescht und zeigt, was geht, bleibt SPD-Finanzminister Olaf Scholz bei seiner Position, lieber eine globale Vereinbarung zu wollen.

Dabei ist das nicht mehr als eine durchsichtige Finte, mit der er den großen Sprung fordert, aber zu feige ist, auch nur Anlauf zu nehmen. Denn wie bitte soll bei der international noch viel heterogeneren Interessenlage eine Einigung realistisch sein, wenn sich schon die EU-Staaten nicht einigen können? Und zwar deshalb, weil Länder wie Irland – Sitz diverser Konzerne, die eine solche Steuer betreffen würde – und Deutschland – Sitz diverser Konzerne, die gerne in die USA exportieren und steuerliche Vergeltung befürchten – bremsen?

Vielleicht sollte mal jemand der Bundesregierung verraten, dass die Debatte selbst in den USA mittlerweile progressiver geführt wird. Elizabeth Warren etwa, die für die US-Demokraten als Präsidentschaftskandidatin aufgestellt werden will, denkt laut darüber nach, dass die letzten Firmenübernahmen von Amazon, Facebook und Google rückgängig gemacht werden sollten. So ein Vorschlag würde hierzulande sofort mit dem Stempel Zerschlagung versehen und damit diskreditiert werden.

Leider scheint das Interesse der Bundesregierung an einer Begrenzung der Marktmacht auch sonst überschaubar. Jüngstes Symptom: die Nachricht, dass die Bundespolizei die Aufnahmen ihrer Bodycams in der Amazon-Cloud speichert. Weil eine entsprechende staatliche Infrastruktur fehle. Vielleicht wäre das der erste Punkt für die To-do-Liste der Regierung: Sich selbst und den Behörden klarmachen, dass es alternative Anbieter gibt. Dafür würde es nicht einmal Ärger aus den USA geben.

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Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt

schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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3 Kommentare

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  • Es ist eine allzeit beliebte Taktik der Regierung in Berlin, die Verantwortung auf die EU abzuschieben, wenn man selber nicht Handlungsfähig- oder -willig ist. So wie Irland (Google-Europa-Sitz) die einheitliche Steuer torpediert, hat Berlin gegen härtere Abgasbestimmungen der Automobilindustrie gekämpft. Es geht nur um die Profitsicherung der jeweiligen Industrien - wenn es eines Beweises für die Illusion eines einheitlichen Europas bedürfte, hier kann man sie erkennen.

  • Sorry. Ich bin da mittlerweile zynischer. Ich bin ziemlich sicher, dass Scholz etwas eingeflüstert kriegt, so wie Gazprom-Schröder oder... wie hiess der noch? Schily? Danach Berater bei Firmen, die mit Biometrie herummachen?

    Korrupte Bande. Und ziemlich geschickt, den schwarzen Peter Richtung EU zu schieben "die ist eh' nicht mehr zu retten" werden die sich denken.

    Auf unserer aller Kosten.

    Welcome to hell, Scholz!

  • Wie werden denn seit Jahrzehnten, nicht nur in Deutschland, Debatten über Steuererhöhungen geführt? Sowohl für Unternehmen als auch für hohe Privatvermögen? Die Palette reicht von "Untergang des Abendlandes" bis hin zu "Standort, Investition und Wachstum gefährdend". Zu erwarten, dass diese neoliberale/kapitalistische Konditionierung des ökonomischen Denkens plötzlich verschwindet ist hanebüchen. Diese Werbeschleudern sind doch der Garant für schnelleren und höheren Warenumlauf, Umsatz, Gewinn und Umsatzsteuereinnahmen und für mehr Produktion, Arbeitsplätze, Rohstoffverbrauch, Klima- und Umweltschäden,...

    Der Hauptwiderspruch zu den diskutierten Steuererhöhungen besteht darin, dass die Angst der Politik vor dem Kapital mittlerweile so groß ist, dass Steuervorteile, kostenlos Grundstücke und Erschließung als Ansiedlungsanreize für diese Steuerdiebe ausgelobt werden. Und unsere Daten kriegen sie sowieso noch gänzlich gratis dazu. Und wenn ein/e PolitikerIn aufmuckt, wird einfach ihre Wahlwerbung geblockt. Ende Gelände mit Demokratie!