Kolumne Liebeserklärung: Heißzeit

Klimaforscher hatten mal Glück mit dem Wording: Ihre neue Studie prägt einen Begriff für das, worüber alle gerade reden.

Die Forscher haben der drohenden Apokalypse zum richtigen Zeitpunkt einen Namen gegeben Illustration: Tom

Jetzt mal ehrlich, liebe Klimaforscher: Wenn ihr euch richtig nackig machen müsstet, würdet ihr uns – aber nur unter uns Pastorentöchtern – verraten, dass ihr diese Woche einen echten PR-Coup gelandet habt. Ja, es war heiß. Irre heiß. Aber das lag eben nicht nur am Wetter, sondern höchstwahrscheinlich auch am Klima. Der Klimawandel ist ein Phänomen, das nicht nur Leute am Deich oder irgendwelche Inselvölkchen im Pazifik – auf jeden Fall jwd – bedroht, sondern auch uns hier in Mitteleuropa. Kümmert es wen? Jetzt schon! Ihr Klimaforscher habt dieser ganz real drohenden Apokalypse genau zum richtigen Zeitpunkt einen (jedenfalls ziemlich) neuen Namen gegeben: „Heißzeit“.

Das ist kurz, griffig, unheilvoll – und passt zu pickepackevollen Freibädern, Schwitzachseln, verdorrten Feldern, Waldbränden, leeren Flussbetten. Gut so! Die am Mittwoch von Klimaforschern aus aller Herren Länder veröffentlichte Studie klang zwar mal wieder beunruhigend, aber wirklich neu war das mit den „Kippeffekten“ nicht.

Diese könnten dazu führen, dass sich die Erde nicht nur um höchstens 2 Grad – wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart –, sondern um bis zu 5 Grad aufheizt. Zum Beispiel wenn die Permafrostböden auftauen und dabei riesige Mengen Methan freisetzen. Oder wenn der Amazonas-Regenwald abstirbt. Oder wenn der Eisschild Grönlands abtaut. Oder oder oder. Aber wirklich Neues veröffentlicht eh niemand mitten im Sommerloch.

„Kaskaden solcher Ereignisse können das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise kippen“, sagte einer der Studienautoren. Heißt zwar Armageddon, klingt aber verrätselt, als ginge es um das neue Windows 12 für Planet Erde. „Heißzeit“ ist ein viel besseres Wording für das, worüber die Leute eh gerade am Frühstückstisch und in der Kneipe quatschen.

Denn es wird natürlich viel zu wenig getan. Und darüber muss mehr gestritten werden! Wo ist der Aufschrei darüber, dass der ewige ­Klimastreber Deutschland sein selbst gestecktes Klimaziel um 8 bis 10 Prozentpunkte reißt? Darüber, dass wir seit der Jahrtausendwende bereits zig globale Jahrhundertsommer hatten? Und, fun fact am Rande: Dieser hier hat bislang noch längst nicht alle Temperaturrekorde gerissen.

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Ist Leiter des Ressorts Wirtschaft und Ökologie. Er hat in Bonn und Berlin Wirtschaftsgeschichte, Spanisch und Politik studiert. Ausbildung bei der Burda Journalistenschule. Von 2001 bis 2009 Redakteur in Bremen und Niedersachsen-Korrespondent der taz. Dann Financial Times Deutschland, unter anderem als Redakteur der Seite 1. Seit 2012 wieder bei der taz.

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Die Klimakrise ist offenbar. Selbst die großen politischen Akteur.innen haben das inzwischen verstanden. Aber erwächst daraus auch eine nachhaltige Politik? taz-Chefredakteurin Barbara Junge stellt in ihrem programmatischen Text vor, bei welchen Themen die taz im Klimawahljahr besonders genau hinschauen wird.

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