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Klimaziele der EUIndustrielobby bekommt Hilfe aus Deutschland

Kanzler Merz spricht sich auf Unternehmergipfel für Aufweichung des Emissionshandels aus. Zahlen zeigen, dass zu wenig Erneuerbare aufgebaut werden.

No Future fürs Klima mit Friedrich Merz Foto: dts/imago

Jetzt also auch der Kanzler. ‌„Wir sollten sehr offen für eine Überarbeitung oder zumindest für eine Verschiebung sein“, erklärte Friedrich Merz (CDU) noch vor dem Treffen der 27 Staats- ‌und Regierungschefs der EU am Donnerstag. Ihm ging es dabei um das Emission Trading System: Seit 2005 ist der Europäische Emissionshandel ETS das wichtigste Instrument des Klimaschutzes in der Union.

Ursprünglich sollte der Emissionshandel ab 2027 in eine zweite Phase überführt werden. Dagegen lobbyiert die Industrie seit Wochen. Offenbar mit Erfolg: Jetzt ist also auch die Bundesregierung für eine Aufweichung.

Nach dem derzeit geltenden „EU-ETS“ brauchen Industrieunternehmen eine Erlaubnis, um Treibhausgase auszustoßen – in Form eines Zertifikats. Diese Zertifikate wurden zunächst kostenlos an die Unternehmen ausgegeben und dann nach dem sogenannten „Cap & Trade“-Prinzip gehandelt: Eine Obergrenze (Cap) legt fest, wie viele Treibhausgas-Emissionen insgesamt ausgestoßen werden dürfen. Investiert eine Firma in Klimaschutz, benötigt sie weniger Zertifikate, sie kann deshalb die freigewordenen auf dem Markt anbieten – „Trade“. Wer mehr braucht, etwa weil die Nachfrage steigt, muss Zertifikate zukaufen.

Ökonomen warnen vor Abschwächung

Ursprünglich war geplant, das Emissionshandelssystem ab 2026 auch auf die Bereiche Gebäude, Verkehr sowie kleinere Industrieanlagen auszuweiten. Dadurch würde fossiles Heizen oder Tanken teurer, was klimafreundliche Alternativen attraktiver macht. Außerdem sollten die Zertifikate in diesem „EU-ETS 2“ nicht mehr wie bisher kostenlos ausgegeben werden. Im Herbst 2025 beschloss die EU ein neues Klimaziel: Bis 2040 sollen die Treibhausgasemissionen der 27 Mitgliedstaaten um 90 Prozent unter das Niveau von 1990 sinken. Allerdings sind davon erst 37 Prozent geschafft.

Trotzdem gingen Teile der Industrie gegen die Ausweitung des Emissionshandels auf die Barrikaden. Und in dieser Woche stimmte dann das EU-Parlament dafür, das „EU-ETS 2“-System erst 2028 einzuführen – also ein Jahr später als geplant. Damit es tatsächlich so kommt, müssten Rat und Kommission noch zustimmen. Nun signalisiert also der Bundeskanzler – nach Kommissionschefin Ursula von der Leyen -, dass das so kommen könnte.

Eine Aufweichung würde die effektive und kosteneffiziente Erreichung der Klimaziele gefährden.

Götz Reichert, Centre for European Policy Network

Ökonomen warnen davor, das Instrument abzuschwächen. „Der Preis sollte auf mindestens 80 Euro je Tonne ansteigen“, argumentiert beispielsweise Sonja Peterson, Klimaökonomin am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Dies würde helfen, die Kosten der Klimapolitik nicht in die Zukunft zu verschieben. Götz Reichert vom Centre for European Policy Network hält die Einführung des „EU-ETS 2“-Systems für unverzichtbar: „Seine Aufweichung würde die effektive und kosteneffiziente Erreichung der Klimaziele gefährden.“

Über die Brennstoffemissionshandelsverordnung (BEHV) gibt es in der Bundesrepublik seit 2021 bereits einen Zertifikatehandel für Heizgas und Benzin. Allerdings ist dort der Preis zu gering: Aktuell werden Zertifikate für 55 bis 65 Euro pro Tonne Kohlendioxid versteigert, was Heizgas gerade einmal 1,1 bis 1,3 Cent pro Kilowattstunde verteuert – zu wenig, um eine Lenkungswirkung weg vom Erdgas zu entfalten.

Die europäischen Treibhausgas-Zertifikate kosten derzeit knapp 90 Euro, dies gelte es anzugleichen, fordert Ökonomin Peterson: „Wichtig ist, dass die Einnahmen aus der CO₂-Bepreisung gezielt für die Unterstützung ärmerer Haushalte in der Transformation verwendet werden.“

Ursprünglich hatte das Kabinett von Olaf Scholz (SPD) einen solchen Lastenausgleich geplant, das Geld dafür sollte aus dem Klima- und Transformationsfonds kommen. Allerdings zerbrach die Ampel, bevor dieser Ausgleich als Gesetzestext formuliert war.

Nicht nur in Brüssel gerät der Klimaschutz unter Druck, auch in Berlin: In dieser Woche war der Referentenentwurf zum „Netzpaket“ des Bundeswirtschaftsministeriums bekannt geworden. „Das, was Katherina Reiche vorhat, ist ein frontaler Angriff auf die Energiewende“, erklärte der bündnisgrüne Energiepolitiker Andreas Audretsch.

Ausbau von Wind und Solar „abgewürgt“

Beispielsweise enthalte der Gesetzentwurf ein „Kapazitätslimit“. Audretsch, der auch stellvertretender Fraktionsvorsitzender ist: „Das ist Fachdeutsch dafür, dass der Ausbau von Wind und Solar abgewürgt wird.“ Zusätzlich sollen diejenigen, die in Erneuerbare investieren, nach dem Entwurf künftig zusätzlich für den Netzausbau zahlen. Statt den Ausbau abzubremsen, fordert Audretsch, diesen zu beschleunigen.

Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) geben ihm recht: Die Dynamik beim Ausbau reicht nicht aus, um die gesetzlich festgelegten Ausbauziele bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Demnach waren Ende 2025 beispielsweise bei der Photovoltaik erst gut die Hälfte des Ziels erreicht: 117 von 215 Gigawatt.

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12 Kommentare

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  • Keiner hindert Firmen daran, dass sie Ihre Produktion umstellen. Rumjammern tun diejenigen, deren Geschäftsmodell auf Subventionen in diesem Bereich bestehen.

  • Der Aufschub der EU beim Emissionshandel für Gebäude und Verkehr bedeutet nicht, dass Deutschland die erhöhten CO2-Preise auch aufschieben müsste.

    Im Gegenteil, das aktuelle Urteil zum Klimaschutzprogramm zeigt auf, dass verstärkte Maßnahmen dringend notwendig sind.

    Politisch klüger wäre das auch: Mit einer Preiserhöhung erst Anfang 2028 käme man nah an die nächste Bundestagswahl. Von Anfang 2027 bis zur Wahl haben die Wähler mehr Zeit, um die Änderung wieder zu vergessen. Nebenbei hätte Klingbeils Fiskus ein Jahr länger die resultierenden Zusatzeinnahmen.

  • Jahrelang hat die cdU so ziemlich alle sinnvollen Regulierungen zum Klimaschutz kritisiert oder blockiert, immer mit dem Hinweis man wäre ja für Klimaschutz, aber eben mit anderen (marktwirtschaftlichen) Instrumenten.



    Besonders die CO2 Bepreisung sollte all das regeln. Und nun wird auch dieses Instrument immer weiter aufgeweicht.

    Das GEG hätte dieses Land einen großen Schritt nach vorne bringen können, wurde aber von der damaligen Opposition zerschossen. Man wolle Klimaschutz halt "Technologieoffen" betreiben..



    O.k. Hr Merz..wo sind ihre "Technolgieoffenen" Lösungen.? Gibts da irgendwas.? Oder ist da bei der cdU einfach nur die große Leere.??

    - Klimaschutz.? Fehlanzeige.



    - Wirtschaftswachstum.? Fehlanzeige.

    Und weil es nicht läuft, sollen jetzt alle wieder mehr arbeiten.?

    Glückwunsch Hr Merz.

  • Kapazitäten der EE einfach auszubauen, ohne dass diese genutzt werden können, ist reine Geldverschwendung. Die Windparkbetreiber sehen dies natürlich anders. Sie erhalten auch bei negativen Strompreisen und Abregelungen ihrer Windparks ihre garantierten Vergütungen. Bei einfach standortbedingt zu geringem Wind gilt dies auch durch die Gütefaktoren des EEG. Es ist vom PKI in einer Studie für das Bundesumweltamt bereits 2012 festgestellt worden, dass ab 40-50% erneuerbare (Wind und PV) enorme Probleme entstehen. Der Ausbau muss zwingend flankiert werden von Speichermöglichkeiten, dem Netzausbau auf allen Ebenen, Flexibilisierungen der Stromnachfrage (bspw. Smart-Meter) und des Stromangebotes (Gaskraftwerke). Nur ein solch harmonisierter netzdienlicher Ausbau ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Dies als „Abwürgen“ zu bezeichnen ist reine Polemik im politischen Medienspektakel bzw. Lobbyarbeit der Wind- und Solarparkbetreiber. Die konkreten Zahlen bspw. der Energy Charts des Fraunhofer IEE verdeutlichen dies: Im Jahr 2025 wurde in Deutschland ein neuer Rekord von 573 Stunden mit negativen Strompreisen an der Börse verzeichnet (2024: 457 Stunden).

    • @WolfgangBerthold:

      Die negativen Strompreise und die Netzengpässe sind zwei unterschiedliche Effekte.

  • Kapazitäten der EE einfach auszubauen, ohne dass diese genutzt werden können, ist reine Geldverschwendung. Die Windparkbetreiber sehen dies natürlich anders. Sie erhalten auch bei negativen Strompreisen und Abregelungen ihrer Windparks ihre garantierten Vergütungen. Bei einfach standortbedingt zu geringem Wind gilt dies auch durch die Gütekorrekturfaktoren des EEG. Es ist vom PKI in einer Studie für das Bundesumweltamt bereits 2012 festgestellt worden, dass ab 40-50% erneuerbare (Wind und PV) enorme Probleme entstehen. Der Ausbau muss zwingend flankiert werden von Speichermöglichkeiten, dem Netzausbau auf allen Ebenen, Flexibilisierungen der Stromnachfrage (bspw. Smart-Meter) und des Stromangebotes (Gaskraftwerke). Nur ein solch harmonisierter netzdienlicher Ausbau ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Dies als „Abwürgen“ zu bezeichnen ist reine Polemik im politischen Medienspektakel bzw. Lobbyarbeit der Wind- und Solarparkbetreiber. Die konkreten Zahlen bspw. der Energy Charts des Fraunhofer IEE verdeutlichen dies: Im Jahr 2025 wurde in Deutschland ein neuer Rekord von 573 Stunden mit negativen Strompreisen an der Börse verzeichnet (im Jahr 2024: 457 Stunden).

  • "Industrielobby bekommt Hilfe aus Deutschland."



    Es ist nicht in Ordnung, wenn da "Deutschland" steht, aber Merz und seine Siewissenschon gemeint sind.



    Ich gehöre in diesem Fall jedenfalls NICHT dazu!!

  • Es gibt bei diesem Thema wohl mehrere Realitäten. Und es ist eine politische Entscheidung die Aspekte für und wider gegeneinander abzuwägen.

    Einerseits ist die innepolitische Lenkungswirkung wegen des niedrigen Preise szu gering, andererseits aber auch die außenpolitische: keine anderen Länder außerhalb der EU ziehen nach. In Summe gereicht der Handel weltweit gesehen zum Nachteil der EU. Innenpolitisch funktioniert er so lala.

    Der Verdacht liegt nahe, dass mit Zertifikatserlösen vor allem die öffentlichen Haushalte entlastet werden. Der hohe Strompreis steht nach gut 20 Jahren jedenfalls in keinem Verhältnis. zu den Nachteilen, insbesondere der sozialen Schieflage und der Wettbewerbsfähigkeit außerhalb der EU.

    Die weltweit erhoffte Ausstrahlungswirkung wurde nicht erreicht und ist vor dem Hintergrund einer zerstörten regelbasierten Ordnung ferner denn je.

    Viel schlimmer wirken die Pläne von Ministerin Reiche. Hier wird ein gut funktionierendes System, das der Stromeinspeisung und Vergütung, aus ideologischen Motiven zerstört. Statt Engstellen im Stromnetz anzugehen, wird ein Erfolg der Energiewende für das politische Versagen im Bereich Versorgungssicherheit haftbar gemacht.

  • Aufs falsche Pferd gesetzt!



    Wer glaubte, mit der CDU ginge es wirtschaftlich voran, sieht sich getäuscht.



    Die derzeit positive Entwicklung ist der Binnennachfrage durch Verbraucher*Innen und staatlichen Investitionen geschuldet.



    Beides bekanntlich rot grüne Ideen, die fern des Unionshorizonts funktionieren.



    Dass Klimawandel auch ein negativer Wirtschaftsfaktor ist, bestätigen Versicherungen und Wirtschaftsexperten regelmäßig.



    Merz und Reiche orientieren sich hingegen an trump, der den Klimawandel bekanntlich für erfunden hält.



    Die Wirtschaftspolitik der Union ist Lobbyismus. Eine Figur wie Jens Spahn ist daher kein Zufall, sondern Aushängeschild.



    Es werden nicht die Unternehmer*Innen gefördert, die nach vorne schauen und die Zukunft gestalten wollen, sondern Diejenigen, die sich nicht bewegen.



    An den kürzlich veröffentlichten Zahlen zum Agrardiesel wurde deutlich, dass Manche schon deutlich weiter sind: gerade mal die Hälfte der Landwirt*Innen beantragte eine Rückerstattung.



    Der "große Wurf" der Union entpuppt sich als laues Lüftchen.



    Deutschland und Europa haben seit jeher ihre Stärke aus Qualität geschöpft. Merz und die Union versuchen gerade, dieses Image zu zerstören.

  • Alle Studien zeigen, dass sich Klimaschutz langfristig auch ökonomisch lohnt. Wenn Menschen oder auch Unternehmen etwas dagegen haben, dann nur, weil dies kurzfristig mit Kosten verbunden ist. Wenn aber durch eine geschickte Finanzierung alle Beteiligten schon kurzfristig Geld sparen und die, die über ausreichend Finanzmittel verfügen, langfristig Geld verdienen, dann ist Klimaschutz ein Selbstläufer.



    Einige mögliche konkrete Maßnahmen finden sich z.B. hier: demokratieingefahr...rechtsextremismus/



    Oder auch hier: taz.de/Klimaschutz...haeusern/!6117497/

    • @EchteDemokratieWäreSoSchön:

      Langfristig lohnt es sich nur für diejenigen, die bis jetzt schon seit Jahrzehnten von den Subventionen profitieren.

  • Tja, abzusehen war es. Wer nicht auf kluge flankierende Maßnahmen und Anreizveränderungen setzen will, sondern nur auf den Preis und arg spät, erntet jähe Steigerungen.



    Das muss mensch dann aushalten. Klima-Schnarchen ist mehrfach teuer,