Klimawandel und Extremwetter: Stürme in Südeuropa und Nordafrika
Regenfälle haben diesen Winter Teile Spaniens, Portugals und Marokkos verwüstet. Eine neue Studie macht deutlich, was der Klimawandel damit zu tun hat.
Es waren keine Wetterkapriolen, die diesen Winter für starke Regenfälle und Überschwemmungen in Südeuropa und in Nordafrika sorgten. Es ist vielmehr die neue Wirklichkeit. „Die regenreichsten Tage sind heute etwa ein Drittel nasser als vor der Erwärmung des Planeten um 1,3 Grad Celsius“, lautet das Ergebnis einer Studie der World Weather Attribution (WWA), einer Initiative, die sich mit Extremwetterereignissen wie Hitzewellen, Dürren und Stürme befasst.
„Der vom Menschen verursachte Klimawandel hat die Intensität der sintflutartigen Regenfälle verstärkt, die zu großflächigen Überschwemmungen im westlichen Mittelmeerraum führten“, schlussfolgert die 2015 gegründete Initiative der renommierten Klimatologen Geert Jan van Oldenborgh und Friederike Otto. Unter anderem das Imperial College London, das Koninklijk Nederlands Meteorologisch Instituut, das französische Laboratoire des sciences du climat et de l’environnement und das Red Cross Red Crescent Climate Centre gehören zur WWA.
Die Forscher untersuchten in ihrer neuesten Arbeit die ungewöhnlich hohe Anzahl aufeinanderfolgender Sturmtiefs mit orkanartigen Winden und Niederschlagsmengen, wie sie nie zuvor gesehen wurden. Mindestens 50 Menschen verloren bei den Katastrophen, die vor allem Spanien, Portugal und Marokko betrafen, ihr Leben.
In Grazalema, einem Ort in Südspanien, fiel innerhalb weniger Tage mehr als die gesamte Jahresmenge an Regen. Der Ort musste über eine Woche lang komplett geräumt werden. Ähnliches passierte in Nordwestmarokko und in Portugal. Im Auftrag der WWA führten Forscher aus Spanien, Portugal, Marokko, den Niederlanden, Schweden, Südafrika, der Schweiz, Indien, Dänemark, den USA und Großbritannien eine umfassende Analyse durch. Sie untersuchten die Wahrscheinlichkeit und Intensität der stärksten Regenfälle in zwei Regionen, die die am stärksten betroffenen Gebiete der drei Länder Spanien, Portugal und Marokko umfassten.
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„Genauso sieht Klimawandel aus“
Das Ergebnis: Die Intensität der eintägigen Regenfälle hat mit dem Klimawandel extrem zugenommen – um 36 Prozent in der untersuchten südlichen Region, die Südspanien, Südportugal und Nordmarokko umfasste und um 29 Prozent in der untersuchten nördlichen Region, bestehend aus Nordwestspanien und Nordportugal. Dies bedeutet, dass die regenreichsten Tage nun etwa ein Drittel feuchter sind als vor der Erwärmung des Planeten um 1,3 Grad Celsius. Mittels Klimasimulationen und den aktuellen Beobachtungen kamen die Forscher zum Schluss, dass die Niederschlagsmenge um etwa 11 Prozent zugenommen hat.
Friederike Otto, Klimaforscherin
Der Grund: Ein Hochdruckgebiet über Skandinavien und Grönland wirkte als physikalische Barriere in der Atmosphäre und lenkte Stürme und Gewitter in Richtung Westeuropa und dort weiter in den Süden. Dort wurden die Stürme und Gewitter durch sogenannte atmosphärische Flüsse verstärkt, die Feuchtigkeit vom Atlantik im Westen der Länder heranführten. Diese Teile des Atlantiks sind mittlerweile deutlich wärmer als vor dem Klimawandel. Je wärmer die Luft, um so mehr Wasser kann sie aufnehmen.
„Genau so sieht Klimawandel aus“, erklärt Friederike Otto. „Wettergeschehen, die bisher gut zu bewältigen waren, entwickeln sich nun zu immer gefährlicheren Katastrophen“, sagt die Klimaforscherin, die am Zentrum für Umweltpolitik des Imperial College London lehrt und forscht.
Das Risiko für die Bevölkerung nimmt zu. Die vergangenen Wochen in Spanien, Portugal und Marokko zeigen, dass extreme Niederschläge zunehmend Infrastruktur und Wohnhäuser bedrohen. Außerdem ist mit hohen Ernteausfällen zu rechnen. Und die Tourismusbranche leidet ebenfalls unter den Extremwetterlagen. Alleine in Spanien werden die Schäden auf über 9 Milliarden Euro geschätzt.
Länder brauchen noch besseres Katastrophenmanagement
„Obwohl die Länder der Region Fortschritte im Katastrophenmanagement erzielt haben, besteht Bedarf an einer besseren Abstimmung der nationalen und kommunalen Frühwarnsysteme sowie an Investitionen in den Aufbau lokaler Kapazitäten“, heißt es in der WWA-Analyse.
Forscherin Otto mahnt: „Wir haben Mittel und Kenntnisse, um eine Verschlimmerung der Lage zu verhindern, aber wir brauchen den Willen, diese schneller umzusetzen und unsere gesellschaftlichen Systeme zum Besseren zu verändern.“ Jeder Bruchteil eines Grades Erwärmung, das verhindert werden könne, sei „es wert, dafür zu kämpfen“, denn sonst würden die Regenfälle nur noch schlimmer.
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