Klimaaktivistin über Inselleben: „Angst ist da nicht mein Gefühl“

Sophie Backsen klagt gegen die Bundesregierung, weil sie ihre Zukunft bedroht sieht. Die Studentin über Klimaschutz, Landwirtschaft und Pellworm.

Sophie Backsen sorgt sich um die Zukunft ihrer Heimatinsel Pellworm Foto: Nele Spandick

taz: Frau Backsen, wo sind Sie gerade?

Sophie Backsen: Ich bin auf Pellworm. Eigentlich wollte ich hier bei meinen Eltern für Prüfungen lernen, aber die fallen jetzt wegen Corona aus.

Wegen des Coronavirus ist Pellworm – wie auch die anderen nordfriesischen Inseln – mittlerweile gesperrt. Wie wirkt sich diese Maßnahme auf Sie und die kleine Inselgemeinschaft aus?

Noch ist die Lage hier relativ entspannt. Natürlich geben sich alle Mühe, ihr Sozialleben einzuschränken und so gut wie möglich zu Hause zu bleiben. Das ist auf Pellworm aber deutlich entspannter als in einer Großstadt. Hier ist viel mehr Platz und man begegnet ohnehin wenigen Menschen. Dass keine Touristen da sind, ist trotzdem merkwürdig.

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Insel, jetzt wo sie von der Außenwelt abgeschnitten ist?

Pellworm ist ja nicht direkt von der Außenwelt abgeschnitten, die Versorgung findet immer noch statt und die Fähre fährt auch jeden Tag regelmäßig. Außerdem haben wir eine gute medizinische Versorgung, also mache ich mir da keine Sorgen.

Eigentlich wollten wir ja gar nicht über Corona, sondern über Ihre Sorge um den Klimawandel reden. Ist es nicht gruselig, auf einer Insel zu wohnen, die einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt?

Nein, ich bin ja damit aufgewachsen. Eine Lehrerin von mir kam aus Rheinland-Pfalz, für die war es immer total schlimm, wenn keine Fähre fuhr. Ich finde so Stürme gar nicht gruselig. Wenn es hart auf hart kommt, kommt man schon irgendwie weg.

Also macht es Ihnen auch keine Angst, dass die Fähre in Zukunft vermutlich öfter ausfallen wird, wenn die Extremwetterereignisse in Folge des Klimawandels häufiger werden?

Nein, Angst ist da nicht mein Gefühl. Mich nervt es einfach nur, dass die Politik nichts tut. Ich bin eher wütend als ängstlich. Das Klimaschutzgesetz in der jetzigen Form ist ein Witz.

Was fehlt Ihnen?

Vor allem konkrete Maßnahmen, zum Beispiel im Mobilitätsbereich oder beim Kohleausstieg. Stattdessen geht jetzt mit Datteln 4 ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Das ist sehr widersprüchlich für mich.

Andere Menschen, die sich darüber ärgern, gehen gemeinsam demonstrieren, also jedenfalls taten sie es vor der Ausbreitung des Coronavirus – oder sie unterschreiben Petitionen. Sie haben die Bundesregierung verklagt. Wie kam es dazu?

Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, meine Eltern waren schon immer grün eingestellt. Voriges Jahr fragte Greenpeace unsere Familie – also meine Eltern, meine drei Brüder und mich – ob wir zusammen mit zwei anderen Bauernfamilien eine Klage vor dem Verwaltungsgericht in Berlin einreichen würden. Diese Klage wurde im Oktober 2019 abgelehnt. Aber der Richter hat gesagt, man könne Klimaschutz durchaus als Grundrecht ansehen und einklagen.

Daher die zweite Klage?

Genau, jetzt klagen nur noch die Kinder der Familien. Dazu noch ein Junge aus Langeoog und Luisa Neubauer von Fridays for Future. Und dieses Mal klagen wir vor dem Verfassungsgericht.

Wieso klagen jetzt nur die Kinder?

Das Argument in unserer Klage bezieht sich auf unsere Zukunft. Sie ist durch den Klimawandel bedroht. Ich studiere Agrarwissenschaften und kann mir gut vorstellen, mal den Hof meiner Eltern zu übernehmen, aber ökologische Landwirtschaft ist durch den Klimawandel stark gefährdet. Und zum anderen ist eben meine Heimat bedroht.

Inwiefern?

Auf Pellworm gibt es Entwässerungsgräben, die führen in Sielzüge und diese wiederum ins Speicherbecken. Von da wird dann über eine Schleuse in die Nordsee entwässert. Wenn der Meeresspiegel ansteigt, verkürzt das die Zeiten, in denen entwässert werden kann. In Zukunft muss darüber nachgedacht werden, wie sinnvoll und machbar große und teure Pumpsysteme sind. Das ist ein Problem der ganzen Westküste und nicht nur von Pellworm.

Sie studieren in Kiel, langfristig möchten Sie aber wieder zurück auf die Insel?

Ja, auf jeden Fall. Ich komme jetzt auch jedes Wochenende her, wie fast all meine Freunde. Die Fahrt hierher dauert schon meistens so drei Stunden. Aber ich habe einfach Sehnsucht nach der Insel. Ich brauche das: den Wind, die Nordsee, die Weite. Das ist, glaube ich, schon etwas anderes, als wenn man auf dem Festland von Zuhause wegzieht.

Seit wann wohnen Sie denn nicht mehr auf Pellworm?

Wir müssen ja schon in der Oberstufe aufs Festland ziehen unter der Woche, weil es auf Pellworm kein Gymnasium gibt. Also habe ich mit meinem Cousin in einer Wohnung in Husum gelebt, seit ich 16 Jahre alt bin. Ich fand es immer super ätzend, Sonntagabend mit den anderen auf die Fähre zu steigen. In Kiel lebe ich erst seit Oktober für mein Studium.

Der Hof Ihrer Eltern ist ökologisch bewirtet, im Studium treffen Sie sicherlich auch einige konventionelle Landwirtkinder. Wie finden die es, dass Sie für eine drastischere Klimapolitik klagen?

Da gab es bisher keine Konflikte. Manchmal Missverständnisse, aber wenn ich den Sinn der Klage erklärt habe, haben es eigentlich alle verstanden.

Obwohl eine mögliche Maßnahme ja auch strengere Vorgaben für die Landwirtschaft sein könnte?

Es ist schon ein Problem der aktuellen Agrarpolitik, dass den Landwirten einfach irgendwelche Verordnungen um die Ohren gehauen werden. Das sehe ich ähnlich wie die Leute, die auf die Bauernproteste gehen. Deswegen wäre das auch nicht die Lösung in der Klimapolitik.

Aber gehören nicht genau solche Regeln dazu, wenn Klimapolitik wirksam werden soll?

Es muss eben in Zusammenarbeit mit den Landwirten passieren. Und man muss sie dabei unterstützen, die Vorgaben umzusetzen.

Ihre Eltern sind aber doch ein Beispiel, dass es gut möglich ist, einen Hof ökologisch zu führen.

Schon, nur kann man nicht pauschal sagen, alle sollen auf bio umstellen. Dafür gibt es gar nicht genug Abnehmer auf dem Markt. Grundsätzlich wäre das wünschenswert, aber aktuell kommt es noch nicht bei dem Verbraucher an. Das ist echt komplex.

Genau die Komplexität ist es ja, warum sich die Bundesregierung schwertut, oder nicht?

In der Landwirtschaft auf jeden Fall. Und klar kann man auch nicht von heute auf morgen alle Kohlekraftwerke abschalten, aber es ist schon so lange klar, dass etwas getan werden muss. Die Bundesregierung hätte da einfach früher etwas tun müssen. Dann wären wir heute deutlich weiter.

Die Klage wurde im Januar eingereicht, was ist denn der aktuelle Stand?

Wir warten noch darauf, ob sie angenommen wird.

Und was machen Sie, wenn sie scheitert?

Ich warte jetzt erst mal ab und gucke dann weiter. Wenn es nicht klappt, muss ich überlegen, wie ich mich weiterhin für wirksame Klimapolitik einsetzen kann.

Gibt es einen Ort, an den Sie ziehen würden, wenn man auf Pellworm nicht mehr leben kann?

Das kann ich mir wirklich schlecht vorstellen. Wahrscheinlich würde ich aufs Festland ziehen. Aber Nordfriesland müsste es bleiben.

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