Vor Corona war der Klimawandel DAS Thema: „Erst mal auf Eis gelegt“

Philipp Litz arbeitet als wissenschaftlicher Politikberater und war in die Verhandlungen der Kohlekommission involviert. Und er baut Bänke für Berlin.

Philipp Litz auf einer seiner selbst gebauten Bänke auf der Hertabrücke in Neukölln

Philipp Litz auf einer seiner selbst gebauten Bänke auf der Hertabrücke in Neukölln Foto: Julia Baier

taz: Herr Litz, haben Sie heute schon mal das Wort „Kohleausstieg“ gesagt?

Philipp Litz: Ja, natürlich, viele Male. Alleine während eines Telefonats mit einem australischen Wissenschaftler, bei dem es um Ideen für eine mögliche Kohlekommission in Australien ging, habe ich mindestens 20 Mal Kohleausstieg gesagt.

S eit sieben Jahren dreht sich bei Ihnen alles um Kohle. Damals war der Kohleausstieg in der Öffentlichkeit wenig präsent. Es gab weder das Pariser Klimaabkommen noch Ende Gelände …

… das ist richtig, mittlerweile wird viel mehr über Klima und Kohle gesprochen, das finde ich gut. Es ist auch wichtig, dass sich darüber gestritten wird, wie ein Kohleausstieg funktionieren kann – und wie nicht.

Sie schreiben als Projektmanager des Think Tanks Agora Energiewende seit 2014 eine Studie nach der anderen zum Kohleausstieg. Als rechte Hand der Vorsitzenden der Kohlekommission handelten Sie zähe Kompromisse für politische Empfehlungen aus. Freut es Sie, dass die Bundesregierung den Kohleausstieg umsetzen will?

Es ist gut, dass ein Kompromiss verhandelt wurde. Damit ist endlich klar, dass Deutschland aus der Kohle aussteigt und gleichzeitig keiner der Beschäftigten im Regen stehen gelassen wird. Auch, dass es in Deutschland ein politisches System gibt, in dem solche politischen Kompromisse überhaupt erzielt werden können, finde ich gut. Aber auch wenn der finale Gesetzentwurf für den Kohleausstieg noch nicht beschlossen ist, steht fest, dass das, was die Bundesregierung umsetzen will, klimapolitisch nicht reicht. Damit ist heute schon klar, dass es früher oder später noch zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen geben wird. Die ursprüngliche Planungssicherheit ist damit dahin. Das ist eine verpasste Chance.

Sie arbeiten in der wissenschaftlichen Politikberatung, sind aber auch in der Umwelt-NGO-Szene Berlins gut vernetzt. Wie politisch darf Wissenschaft sein?

Die Frage sollte besser lauten: Wie unwissenschaftlich darf Politik sein? Ich sehe keinen Widerspruch darin, als Wissenschaftler auf eine Demo zu gehen. Der Zusammenhang zwischen Kohle und Erderwärmung ist einfach da. Je länger wir warten, desto dringender müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse umgesetzt werden. Die Folgen von dem, was gerade passiert, sind hochgradig politisch. Schließlich geht es beim Klimaschutz um Verteilungsfragen, und die sind immer politisch. Auf der anderen Seite basiert allerdings auch jede Wissenschaft auf gewissen Grundannahmen und Fragestellungen. Genau das machen wir uns bei Agora zu eigen.

Was unterscheidet Agora Energiewende von einem wissenschaftlichen Institut?

Wir unterscheiden uns, indem wir uns aktiv in die politische Diskussion einmischen. Die meisten Forscher*innen tun das eher nicht oder beschränken sich darauf, die Vor- und Nachteile verschiedener Optionen aufzuzeigen. Das ist auch vollkommen okay. In der Politik ist das jedoch manchmal nicht genug. Wir machen deshalb auf Basis von wissenschaftlichen Studien konkrete Vorschläge für Gesetze, damit die Energiewende gelingt. Die können dann von Politiker*innen für ihre Arbeit aufgegriffen werden. Wir erarbeiten Kompromisse und vermitteln so zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dabei legen wir großen Wert auf Transparenz. Alle unsere Studien sind auf unserer Homepage für jeden kostenlos einsehbar. Finanziert wird unsere Arbeit durch Stiftungen und über Drittmittel von Ministerien. Das sichert uns Unabhängigkeit, die für Vermittler notwendig ist.

Werden Sie als Vermittler zwischen Wissenschaft und Politik gehört?

Ja, gehört werden wir schon. Bis auf die AfD hören uns alle zu. Aber die Frage ist, inwieweit das auch umgesetzt wird und dem Klima Priorität gegenüber anderen politischen Themen eingeräumt wird.

Heute mischt sich die Wissenschaft stärker in die öffentliche Debatte zu Klima und Kohle ein als noch vor ein paar Jahren. Hätte sie das eher tun müssen?

Es geht nicht darum, möglichst viel Theater zu machen und möglichst laute Botschaften zu versenden, sondern auch darum, inwieweit diese durchdringen. Seit zwei Jahren gibt es viele Proteste – die Klima-Demo letzten Herbst war mit über einer Million Menschen eine der größten Demonstrationen der Nachkriegszeit in Deutschland. Kurz danach verabschiedete die Bundesregierung ein Klimapaket, das seinen Namen nicht verdient. Da zeigt sich ein Stück weit das Dilemma der Klimapolitik: In puncto Klimaschutz tickt die Uhr, aber das politische System basiert darauf, dass Kompromisse ausgehandelt werden. Das ist richtig, braucht aber viel Zeit. Das passt dann oft nicht zusammen. Der Apparat ist scheinbar nicht in der Lage, schnell genug adäquate Ergebnisse zu produzieren. Mit Fridays for Future kam ein neuer Akteur mit neuen Impulsen, das machte Hoffnung. Aber was nun nach zwei Jahren mit dem Klimapaket rauskommt, ist ernüchternd. Die lauten Proteste stoßen also auch an ihre Grenzen. Und das macht ratlos. Ich denke, das geht gerade vielen so, die für den Klimaschutz eintreten. Es herrscht ein bisschen Katerstimmung.

Der Mensch Philipp Litz (32) wuchs in Hersbruck in Franken als Ältester von drei Kindern auf, war bis 16 leidenschaftlicher Fußballspieler und hat als 17-Jähriger angefangen, neben der Schule Jazz-Posaune zu studieren. Für Politik interessierte sich Litz jahrelang nicht. Nach dem Abi ein Jahr auf Reisen vor dem Studium in Dresden – wurde dort politisch sozialisiert und begann, sich dem Klimaschutz zu widmen.

Der wissenschaftliche Politikberater arbeitet seit 2013 als Projektmanager bei dem Think Tank Agora Energiewende, wo er für die Themen Klimaschutz, Kohleausstieg und Strukturentwicklung in Kohleregionen zuständig ist. Zunächst dem Kohleausstieg in Deutschland verpflichtet, verhandelte der Politikwissenschaftler als rechte Hand der Vorsitzenden der Kohlekommission zähe Kompromisse für politische Empfehlungen, die Anfang 2019 veröffentlicht wurden. Ab April 2020 wollte Litz eigentlich für ein Jahr nach Thailand reisen, um gemeinsam mit Institutionen vor Ort ein Forschungsprojekt zum Kohleausstieg in Südostasien durchzuführen.

Das Bänke-Projekt Unter dem Namen „Benching Berlin“ baut Litz gemeinsam mit FreundInnen Bänke, die sie auf öffentlichen Plätzen, am Landwehrkanal oder an Gehwegen aufstellen. Damit wollen sie abseits von gewerblichen Angeboten mitten in Berlin neue Orte der Erholung schaffen, die jedem offenstehen. (sos)

Wie gehen Sie mit dieser Katerstimmung um? Was machen Sie bei Niederlagen?

Manchmal hoffe ich, dass uns neue Technologien überraschen – Batterien schneller als gedacht nur noch die Hälfte kosten. Manchmal hoffe ich auch, dass junge Leute grüne Themen etablieren oder dem Thema insgesamt eine höhere Priorität eingeräumt wird. Ich habe schon den Glauben, dass durch politische Prozesse viele kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht werden. Auch wenn das unfassbar zäh ist. Meine Hoffnung schwankt aber. Ich verstehe auch diejenigen, die nicht an eine Lösung der Klimakrise glauben. Denn die Rechnung, dass das klappt, ist noch nicht beglichen – sie ist noch nicht einmal aufgestellt.

Interessieren Sie sich schon immer für Politik?

Nein, Politik war in meiner Familie selten Thema. Ich war nicht der 10-jährige Junge, der sich für den Klimaschutz engagierte. Ich spielte stattdessen jahrelang mehrmals die Woche Fußball. Mit 17 Jahren fing ich an, neben der Schule Jazz-Posaune zu studieren. Politik hat mich lange nicht interessiert. Nach dem Abi wusste ich nicht, was ich machen sollte, hörte auf, Posaune zu spielen, und ging ein Jahr lang Reisen. Ich hatte immer Angst, mich in Diskussionen einzubringen, weil ich dachte, ich würde zu wenig verstehen. Häufig hatte ich das Gefühl, alle anderen würden sich wahnsinnig gut auskennen. Ich denke, dass ich auch um daran etwas zu ändern, entschied, Politikwissenschaft zu studieren. Für das Studium zog ich von Hersbruck, wo ich aufwuchs, eine 12.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Nürnberg, nach Dresden. Dort wurde ich dann politisch sozialisiert.

Was meinen Sie damit, dass Sie in Dresden politisch sozialisiert wurden?

Es schockierte mich, wie die Stadt Dresden mit seiner Nazi-Vergangenheit umging. Zu meiner Studienzeit trafen sich dort jedes Jahr bis zu 5.000 Neonazis, um in Fackelzügen durch die Stadt zu ziehen – bevor es Pegida gab. Die Stadt hat das mehr oder weniger achselzuckend hingenommen. Spätestens in dem Moment, als die Dresdner Polizei dann anfing, massiv gegen die Gegendemonstrant*innen vorzugehen, verstand ich, dass ich mich politisch engagieren muss. Da ich, als weißer deutscher Mann, in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen bin und nie in irgendeiner Art Diskriminierung ausgesetzt war, hat es relativ lange gedauert, bis ich mich politisiert habe.

Wie kamen Sie dazu, im Bereich Umweltpolitik zu arbeiten?

Ich rutschte im Studium über Seminare und Praktika in die Umweltpolitik. Ich hätte genauso gut in der Finanz- oder Sozialpolitik landen können. Ich wollte die Theorie aus dem Studium auf praktische Probleme anwenden und nicht einfach forschen – ohne zu schlussfolgern, was sich verändern muss. Mir ging es darum, zwischen Wissenschaft und Politik und Gesellschaft zu vermitteln. Ich wollte konkret werden. So bin ich im politischen Berlin gelandet.

In Ihrer Freizeit bauen Sie mit FreundInnen Sitzbänke, die Sie in Berlin am Kanal oder auf den Gehwegen aufstellen. Sie nennen sich „Benching Berlin“.

Gemeinsam mit zwei FreundInnen bauen wir Holzbänke und stellen sie auf öffentliche Plätzen. Letzten Sommer haben wir rund 15 Bänke gebaut und verteilt. Ein paar wurden geklaut. Über den Winter sammelten wir den Großteil ein, damit sie nicht kaputtgehen. In den nächsten Wochen stellen wir diese Bänke wieder auf und bauen weiter.

Gibt es nicht schon genug Parkbänke in Berlin?

Nein, gibt es nicht. Wir haben uns in der Stadt an absurde Zustände gewöhnt. Der Erholungsfaktor spielt kaum eine Rolle mehr. Autos, Straßen und Parkplätze nehmen viel zu viel Platz weg, das ist unfair. Über die Hälfte der Haushalte in Berlin hat gar kein Auto. Dennoch dominiert der mobilisierte Individualverkehr den öffentlichen Raum. In anderen Städten ist es noch schlimmer, in Berlin gibt es immerhin einige grüne Parks. Aber häufig bleibt nur den Gang ins Café, wenn man sich im öffentlichen Raum erholen will. Darauf wollen wir hinweisen. Wir wollen ein nicht-kommerzielles Angebot schaffen.

Eine Bank Marke Eigenbau mit einem Aufkleber „Benching Berlin“ - ein Projekt zum Bauen von Bänken für Berlin

Projekt „Benching Berlin“: Stadtmöbel für alle zum Nachbauen Foto: Julia Baier

Das klingt akademisch …

… mag sein, aber genau das ist es eben nicht. Wir wollen nicht akademisch an die alternative Nutzung des öffentlichen Raumes heranführen, sondern praktisch neue Orte schaffen, wo man sich gerne aufhält. Den man ausprobieren und sich einfach hinsetzen und erholen kann. Das haben wir verlernt. Es ist politisch nicht gewollt. Immer mehr Parkbänke wurden abgebaut oder ungemütlich gemacht, damit keine Obdachlosen darauf sitzen oder schlafen. Das ist der politische Aspekt. Zudem geht es für mich auch einfach darum, mit Freunden etwas Schönes zu bauen. Das macht mir Spaß.

Wer setzt sich auf Ihre Parkbänke?

Das ist das Spannende: So weit ich das beobachte, schaffen wir es, dass wir uns mit den Bänken nicht nur an eine spezielle Subkultur wenden, sondern an alle. Wir erreichen eine breite Zielgruppe: Von italienischen Expats, die sich dort abends treffen, bis hin zu einer herzzerreißenden alten Dame, die sich auf ihrem täglichen Weg zum Supermarkt auf einer Bank in Neukölln eine Pause gönnt, um tatsächlich Kraft zu schöpfen. Mittlerweile hat sie sogar immer einen Pausentee dabei. Das erzählte sie mir letzten Sommer, als ich sie dort an dieser Bank traf.

Steht irgendwo eine Bank, die Sie am liebsten haben?

Ja, in Neukölln. Auf der Hertabrücke. Von dieser Bank aus hat man die beste Aussicht über die S-Bahn-Schienen und ist gleichzeitig direkt am Körner-Park.

Bei Instagram haben Sie mit „Benching Berlin“ ein Video hochgeladen, das zeigt, wie die Bänke nachgebaut werden können.

Ja, ich will auch noch eine Anleitung hochladen. Allerdings versuchen wir möglichst viel recyceltes Material und Holz, das wir auf der Straße oder dem Sperrmüll finden, zu verbauen, deshalb ist es schwierig, das Bänkebauen zu standardisieren. Mit dem Film haben wir versucht eine Bank zu bauen, die gut nachgebaut werden kann. Wer Lust hat, kann uns aber auch gerne schreiben und einfach mitmachen.

Ich habe schon den Glauben, dass durch politische Prozesse viele kleine Schritte in die richtige Richtung gemacht werden. Auch wenn das zäh ist

Sie wollen Anfang Mai für ein Jahr nach Thailand, um dort Ihre Arbeit zum Kohleausstieg für Agora Energiewende weiterzuführen. Warum Thailand?

Weltweit werden vor allem in Ländern Südostasiens sowie in China und Indien neue Kohlekraftwerke geplant. Auf den Philippinen, in Indonesien, Korea, Thailand und Vietnam entscheidet sich in den nächsten Jahren viel. Wenn die geplanten Kraftwerke alle gebaut werden, sieht es schlecht aus für den globalen Klimaschutz. Seit Anfang der 1990er hat sich die globale Kohleproduktion knapp verdoppelt. Wir arbeiten bereits heute mit asiatischen Instituten zusammen, die ähnlich wie wir praxisnahe Politikberatung zum Kohleausstieg und zur Energiewende in den jeweiligen Ländern machen. Anfang Mai geht mein Flug, ich habe auch schon eine Wohnung gemietet. Ob ich fliegen kann oder wegen Covid-19 die Reise verschieben muss, weiß ich noch nicht.

Was machen Sie, wenn Sie die Reise verschieben müssen?

Ich denke, ich fahre dann erst im Herbst dorthin. Die Kooperation mit unseren Partnern wird trotzdem starten, wir setzen nur eben mehr auf Videokonferenzen und dergleichen. Das machen wir jetzt auch schon, aber das ist natürlich nicht das Gleiche, wie vor Ort mit den Menschen gemeinsame Studien voranzutreiben. Dabei geht es nicht darum, das Modell des deutschen Kohleausstiegs zu verkaufen. Jedes Land hat eigene Herausforderungen. Es gibt nicht das eine Wundermittel. Aber bestimmte Fragen wiederholen sich weltweit bei jedem Kohleausstieg.

Welche denn?

Wie viel erneuerbare Energien werden gebraucht? Wie können Beschäftigte aufgefangen und eine Transformation sozial gestaltet werden? Länder, die viel Kohle exportieren und Bergbau betreiben, stehen bei diesen Fragen aber natürlich vor viel größeren Problemen als Deutschland – das sind andere Dimensionen. Dort ist die Kohleindustrie häufig so groß wie die Autoindustrie hierzulande.

Ist die Politikberatung zum Kohleausstieg fertig? Lassen Sie uns hier jetzt mit den Politiker*innen allein?

(lacht) Ja, so ist es. Meine Arbeit zum Thema Kohleausstieg in Deutschland ist erledigt. Wir haben unsere Vorschläge, wie ein Kohleausstieg funktionieren kann, gemacht und sobald das Kohleausstiegsgesetz vom Bundestag beschlossen wird, ist das Thema in Deutschland erst mal auf Eis gelegt.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte haben sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit soll der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie Anfang Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen: Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 5. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen sollen die Regeln gelockert werden: PatientInnen oder BewohnerInnen sollen wieder durch eine bestimmte Person besucht werden können.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport soll das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt sein. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga darf die Saison ab Mitte Mai mit Geisterspielen fortsetzen – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten. Was alles unter „Großveranstaltung“ fällt, wird noch geklärt.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios sollen die Ländern Lockerungen eigenständig verantworten.

■ Spielplätze sollen unter Auflagen wieder öffnen – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen werden wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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