Kleinstparteien und ihre Programme: Die Felsen in der Brandung
Bei der letzten Bundestagswahl traten Parteien mit teils verblüffend amüsanten Programmen an. Ich habe Lust bekommen, auch eine Partei zu gründen.
Foto: dpa | Kay Nietfeld
F roh bin ich, dass die Bundestagswahl vorbei ist. Wahlkampf ist oft so peinlich – das Eigenlob, die Beleidigungen, die Versprechungen – zum Fremdschämen. Schade, dass die aus parteitaktischen Gründen geschürten Ängste, der Hass und die Schwarzmalerei nicht auch gleich mit vorbei sind.
Aber egal, wie mich das Politiktheater nervt, nicht zu wählen kommt für mich nicht infrage, eher gebe ich meine Stimme einer der kuriosen „Kleinstparteien“.
Der Wahl-O-Mat überraschte mich dieses Jahr übrigens damit, dass ich mit einer von ihnen die größte Übereinstimmung bei den abgefragten Themen hatte. Gewählt habe ich sie nicht, aber es hat mich dazu gebracht, mir ein paar Wahlprogramme der Kleinen anzuschauen.
Das war sowohl interessant als auch amüsant. Am witzigsten geht es natürlich bei „Die Partei“ zu. Es leuchtet mir ein, dass Satiriker eine politische Partei gründen, wenn einem Politik ständig wie Satire vorkommt. Plakate wie „Der nächste Kanzler ist ein Arschloch“ oder ein tatsächlich ausgestrahlten Wahlwerbespot, in dem „Die Partei“ ihren Kanzlerkandidaten mit den Worten „Dominic Harapat, ein Fels in der Brandung, ein Mann wie ein Baum, ein rauchender, biertrinkender Baum“ anpreist (der uns außerdem ein guter König sein wird!), haben mir viel Freude gemacht.
Fast genauso komisch finde ich die Existenz der „Partei für Verjüngungsforschung“. In ihrem Wahlprogramm prangern sie den Skandal an, dass pro Sekunde auf der Erde ein Mensch stirbt, nur aufgrund von Alterung! Allerdings meinen sie das ganz ernst und fordern, zehn Prozent des Bundeshaushalts für die Forschung an der Umkehr des menschlichen Alterungsprozesses auszugeben. Seltsam, dass sie nicht die restlichen 90 Prozent des Haushaltes in Klima-und Umweltschutz investieren wollen, damit wir fürs ewige Leben dann wenigstens einen bewohnbaren Planeten haben.
Moralischen Fragen, beispielsweise wer genau denn ewig Leben dürfte, werden nicht gestellt. Es wären natürlich die Reichen und Mächtigen. Für ineffiziente Menschen wie meinen Sohn wäre bestimmt kein Platz und meine Tochter hat schon mit ihren 16 Jahren oft das Gefühl, in dieser Welt nicht leben zu wollen.
Immerhin: Probleme mit Kindern gäbe es nicht mehr, in einer Gesellschaft, in der keiner stirbt, darf auch keiner geboren werden. Was für ein Horrorszenario: nur noch Alte, regiert von unsterblichen Trumps und Putins. Weil die Partei bei der Bundestagswahl aber nur 304 Zweitstimmen bekommen hat, müssen wir davor glücklicherweise wohl nicht allzu große Angst haben.
Genoptimierte Menschen aus Zuchtzentren
Apropos Horrorszenarien: Es gibt auch noch die AIPD, die „Außerirdische Invasoren Partei Deutschlands“. Sie versprechen „Freiheit durch Unterwerfung“ und „einen Komplettabbau jeglicher Ressourcen bis 2031“. Sie positionieren sich auf ihrer Internetseite als einzige Partei auch zum Thema Sex sowie Behinderung: „Der menschliche Fortpflanzungsprozess ist umständlich, ineffektiv und unschön anzusehen. Darüber hinaus birgt er die Gefahr willkürlicher genetischer Mutation. Die AIPD wird diesem peinlichen Treiben ein Ende setzen und genoptimierte Menschen in Zuchtzentren synthetisch reproduzieren.“ Wählen kann man die Partei leider nicht – sie ist nur Kunst.
Eine Partei, die es tatsächlich gibt, ist die „Friesenpartei für skurrile Minderheiten, Systemwechsel & gegen neurechte Klima-Leugnung“. Ich mag es, dass diese Partei „Die Sonstigen“ heißt.
In der Vor-Google-Zeit habe ich mich immer gefragt, wer denn diese Sonstigen eigentlich genau sind. Bei der letzten Bundestagswahl waren sie zwar nicht angetreten, aber sie haben mir Lust darauf gemacht, auch eine Partei zu gründen, damit ich mir einen Namen für sie ausdenken kann. Momentan schwanke ich noch zwischen „Ich habe die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen und erkläre mich damit einverstanden“ oder „Ich möchte an der Verlosung des Hauptgewinns teilnehmen“.
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